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Straßenverkehr in Berlin: "Das macht dann einen Euro Strafe pro Meter"

Es herrscht Krieg in Deutschland. Ein Krieg um Gehwege, Straßen und Grünphasen. Der stern hat den Berliner Bürgerpolizisten Frank Demuth bei seinen Vermittlungsversuchen begleitet. Bericht von einer Baustellen-Schicht.

Von Gesa Steeger

Bürgerpolizist Frank Demuth im Einsatz

Bürgerpolizist Frank Demuth im Einsatz

Das Krisengebiet an diesem Morgen ist überschaubar: 15 Meter lang und eine Armlänge breit. Eine Baustelle in einer kleinen Nebenstraße in Berlin-Mitte. Der schwarze Asphalt ist aufgebrochen, für Autos ist die Straße gesperrt. Fahrradfahrer müssen absteigen und auf den schmalen Fußweg ausweichen. Wer trotzdem fährt, der bekommt es mit dem Gesetz zu tun. Klein und kompakt steht es lässig an sein Fahrrad gelehnt: Bürgerpolizist Frank Demuth. Im Einsatz, um den Frieden zu wahren. Denn mit der Baustelle kam der Krieg. Der Krieg zwischen Fußgängern, Anwohnern und Fahrradfahrern um ein schmales Stück Bürgersteig.

Helen Schmitts* Haustür liegt direkt an der Frontlinie. "Bevor ich rausgehe, muss ich mich erstmal umschauen.  Mach ich das nicht, werde ich von rasenden Fahrrädern umgefahren." Sie sei eigentlich kein Mensch, der sich beschwere, sagt sie. Trotzdem ging Schmitt vor ein paar Wochen zur Polizei. Grund für ihre offizielle Beschwerde: Eine Radfahrerin schubste sie zur Seite, weil Schmitt dieser angeblich mit ihrem langsamen Gang den Weg versperrte. Dass Schmitt so langsam ging, weil ihr Zeh gebrochen war, hinderte die Frau nicht daran handgreiflich zu werden. "Das war zu viel", sagt Schmitt. Die Empörung ist ihr noch immer anzumerken. Die Beschwerde wirkt: Seit einem Monat ist Herr Demuth da und versucht zwischen Anwohnern und Fahrradfahren zu vermitteln.

"Scheiß Bulle" stört ihn nicht

"Absteigen bitte, das hier ist 'ne Baustelle." Demuths linker Arm schießt waagerecht  in die Höhe und versperrt einer jungen Frau den Weg auf den Bordstein. Ein Stöhnen, ein Augenrollen. Die Frau ist genervt. Demuth legt nach: "Wenn Sie hier fahren, kostest das pro Meter einen Euro. Das würde ich mir überlegen." Die Frau gibt auf, steigt vom Fahrrad und schiebt es demütig an Demuth vorbei. Ihr schmales Lächeln wirkt gequält. Frank Demuth ist zufrieden. Er gönnt sich einen Schluck Wasser und wischt sich mit dem Handrücken Schweißperlen von der Stirn. "So geht das hier jeden Tag", sagt er. Es klingt heiter. "Das Problem ist, dass die Leute hier die Quintessenz nicht verstehen." Der Polizist holt aus und erklärt die Rechtslage. Die Zahlen hat er im Kopf.

Kollidieren Radfahrer und Fußgänger, sind es meist die Passanten, die verletzt werden - und dass, obwohl häufig die Radfahrer den Unfall verschulden. "Das ist fahrlässige Körperverletzung und kann teuer werden", so der Polizist. Doch nicht nur unbeteiligte Passanten sind von rasenden Radfahrern bedroht, auch die Fahrer selbst leben gefährlich. Obwohl Radfahrer in nur rund 5 Prozent der Unfälle in Berlin involviert sind, sind es in etwa 20 Prozent der Fälle die Fahrradfahrer, die tödlich verletzt werden. Häufigste Unfallursache: Radfahrer schlängeln sich durch, fahren auf der falschen Straßenseite und werden übersehen. 

Frank Demuth will Schlimmeres verhindern. Deswegen ist er hier. Dass er den Leuten mit seinen Verwarnungen auf den Geist geht und auch mal als "scheiß Bulle" beschimpft wird, stört den 51-Jährigen nicht. "Das leg ich hinten ab." Dass der Kleinkrieg zwischen Fahrradfahrern und Passanten weitergeht, wenn seine zweistündige Baustellen-Schicht endet, nimmt er ebenfalls gelassen hin: "Ich sach mal so: Es ist wie es ist, und ich hab ja auch noch andere Aufgaben."

Zur Volkspolizei wegen dem "Gardinengeld"

Schulfeiern, Jahrmärkte, Altenheime - überall dort, wo das Gesetz ein freundliches Gesicht  braucht, ist Demuth mit dabei. Mit seinem schwarzen 90er-Jahre-Schnurrbart, seinen Satteltaschen und seiner hochgerüsteten Fahrradbekleidung, wirkt er wie der nette Onkel von nebenan, unterwegs zum Herrentagsausflug. Zu seiner Ausrüstung gehören ein Spurensicherungskoffer für Grundschüler, ein rüstiges Englisch, mit dem er versprengten Touristen den Weg erklärt und der sichere Glaube, auf der richtigen Seite zu stehen.

Seit 1987 ist Frank Demuth im Dienst. Seine Karriere beginnt bei der Volksarmee. Seine erste Aufgabe ist der Schutz der Landesgrenze. Er patrouilliert an der Berliner Mauer. Grenzregiment 36 an der Bernauer Straße. Seinen Job hält er damals für wichtig. Heute sagt er: "Ich bin froh, dass damals keiner an meinem Abschnitt rübergemacht hat. Gut, dass das vorbei ist." Nach einem Jahr an der Grenze, wechselt er zur Volkspolizei. "Wegen dem Gardinengeld." 7000 Ostmark und eine Dreizimmerwohnung in Hellersdorf bekommt Frank Demuth zum Dienstantritt. "Viel Geld damals", sagt Frank Demuth. Es klingt ein wenig so, als suche er nach einer Rechtfertigung für seine damalige Berufswahl. Nach der Wende lässt er sich von der Berliner Polizei noch einmal ausbilden. "Da hab ich Demokratie noch mal richtig gelernt." Später fährt er Streife, arbeitet als Zivilfahnder und im Innendienst. Seit 2010 ist er täglich mit seinem Fahrrad unterwegs und hält im Auftrag des Staates engen Kontakt zu den Berliner Bürgern.

Eine Frau nähert sich Frank Demuths Baustelle, steigt vom Fahrrad und baut sich vor dem Polizisten auf. Sie ist wütend.

"Kann man die Straße hier nicht mal wieder öffnen? Das ist hier eine Hauptverkehrsstraße!"

Frank Demuth bleibt ruhig: "Da müssen Sie bei der Baufirma anrufen. Das kann ich Ihnen nicht sagen."

"Aber das ist doch scheiße hier. Da müssen Sie doch was machen."

"Ich bin Polizist, kein Bauarbeiter."

"Ja, toll und weil Sie ihre Arbeit nicht machen, muss ich hier jetzt immer absteigen oder was."

Frank Demuth lächelt den Spruch weg. Die Frau schiebt ab.

Eine Anwohnerin hat das Gespräch zufällig mitgehört. "Die sind so blöd, die verstehen es nicht mal, wenn Sie direkt vor denen stehen. Diese Idioten", platzt es aus ihr heraus. Wütend stiefelt sie davon.

Nächste Woche wird die Straße wieder gerichtet sein. Frank Demuth ist dann weg. Der Krieg wird weitergehen. 


*Name von der Redaktion geändert