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Studenten-Ansturm Universitäten in der Zwickmühle: Viel Ehr, wenig Kohle


Die Freude über den Studentenrekord ist getrübt. Denn die Finanzmittel der Hochschulen reichen vorne und hinten nicht. Die Länder müssen sparen. Noch hoffen Rektoren und Studenten auf die Einsicht der Politik.

Die Hochschulen in Deutschland stecken in der Zwickmühle. Die Folgen bekommen Studenten und Dozenten schon heute hautnah zu spüren: Überfüllte Hörsäle und Seminarräume gehören vielerorts zum Alltag. In Kassel werden Veranstaltungen der Universität sogar in Kirchen und ein Kino ausgelagert. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Mit dem Auslaufen der Wehrpflicht dürfte der Ansturm noch größer werden. Zugleich bekommen die Hochschulen den Sparkurs der Länder zu spüren.

Die Zahl der jungen Menschen, die sich für ein Studium entscheiden, ist derzeit so groß wie nie zuvor. Das ist eine gute Nachricht - auch angesichts des befürchteten dramatischen Fachkräftemangels. Für die Hochschulen jedoch fällt der Ansturm in eine Zeit, in der die Länder auch mit Blick auf die Schuldenbremse ihre Ausgaben kürzen. Trotz enormer Anstrengungen sehen sich die Hochschulen deshalb finanziell überfordert.

"Die Länder haben große Schwierigkeiten, ihren Verpflichtungen bei der Finanzierung der Hochschulen nachzukommen", klagt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Margret Wintermantel. Schon jetzt werden Stellen abgebaut, Tarifsteigerungen nicht übernommen oder einschneidende Kürzungen verfügt. Sie plädiert daher für mehr Kooperation von Bund und Ländern bei der Hochschulfinanzierung und eine Rücknahme des Kooperationsverbots.

Über 2,2 Millionen Studierende sind in diesem Wintersemester eingeschrieben - so viele wie noch nie. Und im nächsten Jahr kommen die doppelten Abiturjahrgänge wegen des verkürzten Gymnasiums in Bayern und Niedersachsen hinzu. Zudem werden nach dem Ende der Wehrpflicht Zigtausende junge Männer als Bewerber erwartet. Die Hochschulen fordern von Bund und Ländern weit über zwei Milliarden Euro, um die vielen jungen Menschen angemessen ausbilden zu können. Falls keine Hilfe kommt, müssen die frisch gebackenen Abiturienten sich wohl auch auf weitere Zulassungsbeschränkungen einstellen.

Wintermantel rechnet nicht mit einer neuen Protestwelle an den deutschen Hochschulen. Doch Unmut ist da. So hat der Regensburger Uni-Rektor Thomas Strothotte bereits angekündigt, im nächsten Sommersemester gegen die Sparpläne in Bayern zu protestieren. Er werde dann rund 600 Seminare im Vorlesungsverzeichnis ankündigen mit dem Zusatz "Wegen Kürzung gestrichen".

Für etliche Studierende mag Mobilität eine Lösung sein, um noch einen Studienplatz zu ergattern. "Die Unis im Westen platzen aus allen Nähten - und im Osten sind noch Kapazitäten frei", sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk (DSW) der Nachrichtenagentur dpa. "Viele sind sesshafter als man denkt." Bei der Wahl des Uni-Standorts spiele die Nähe zur Familie eine Riesenrolle. Nur jeder vierte Erstsemester verlasse sein Bundesland.

DSW-Präsident Rolf Dobischat sieht eine "Riesenchance" für Deutschland. "Die zusätzlichen Erstsemester von heute sind die Fachkräfte von morgen. Etwas Besseres als viele zusätzliche Hochqualifizierte kann einem Land gar nicht passieren", erklärt er. "Die Politik, vor allem in den Ländern, muss nun dafür sorgen, dass den jungen Menschen ausreichend Studienplätze, ausreichend bezahlbarer Wohnraum und eine gute Beratung zur Verfügung stehen."

Obwohl die Zahl der Erstsemester mit dem Ziel Bauingenieur, Elektrotechniker, Informatiker oder Maschinenbauer zugenommen hat, kann dies nach Einschätzung von Fachleuten den drohenden Fachkräftemangel nicht aufhalten. "Der Bedarf wird wegen des demografischen Wandels weiter wachsen", sagt Lena Töppich vom Verein Deutscher Ingenieure (Düsseldorf) der dpa. Technik-Unterricht müsse an den Schulen verbindlich eingeführt und die Abbrecherquoten an den Hochschulen gesenkt werden.

Flächendeckenden Informatik-Unterricht an den Schulen verlangt auch Cornelia Winter von der Gesellschaft für Informatik (Bonn). Für eine gesteuerte Zuwanderung spricht sich Susanne Krebs vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau aus.

Ursula Mommsen-Henneberger und Ira Schaible (DPA)

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