HOME

Gewalttätige Studenten-Demos in London: Die Briten entdecken den Protest

Demos? Streiks? Das machen nur die Franzosen - sagen die Briten. Umso erstaunlicher das, was in London passiert ist: Studenten protestierten gewalttätig gegen die Sparpolitik von Premier David Cameron. Am Tag danach: verkaterte Stimmung bei Polizei und Regierung.

Von Cornelia Fuchs, London

Es war stets eine ordentliche Prise Häme dabei, wenn im britischen Fernsehen über die Streiks in Frankreich diskutiert wurde. "Diese Franzosen", hieß es dann, es wurde schwadroniert über "andere Protestkulturen". Der Subtext war stets: In Großbritannien, dem Land des gepflegten Diskurses, wird das nicht passieren. Wir diskutieren, wir schmeißen keine Steine und legen das Land nicht lahm.

Seit gestern Nachmittag muss diese Diskussion etwas anders geführt werden. 50.000 Studenten hatten sich an der Themse im Zentrum Londons versammelt, um quer durch das Regierungsviertel ihren Unmut kundzutun über das, was auf sie zukommen wird: eine Erhöhung der Studiengebühren um mehr als das Dreifache. Bis zu 9000 Pfund, mehr als zehntausend Euro, sollen einzelne Studiengänge bald pro Jahr kosten. Studenten fürchten, dass sie vor allem aufwändigere Studiengänge mit einem Schuldenberg von weit über 50.000 Euro abschließen müssen.

Es ist dies nur eine der harten Einschnitte, die von der Regierung des konservativen Premierministers Cameron vor wenigen Wochen angekündigt wurden. Erst langsam sinkt ein, was Budget-Kürzungen von teilweise mehr als einem Viertel tatsächlich bedeuten. "Die Kürzungen der National-Regierung verlangen uns große Härte ab", warnt die Kommunalverwaltung des Nord-Londoner Stadtteils Camden auf Plakaten an den Bushaltestellen seit einer Woche ihre Bewohner. Bald werden Straßenlaternen ausgehen, Büchereien geschlossen, die Straßenreinigung könnte größtenteils eingestellt werden.

Kleine Gruppe von Verlierern

Die Studenten sind also nur eine - und dazu noch ziemlich kleine - Gruppe von Verlierern in England. Trotzdem stellten sie eine der größten Demonstrationen auf die Beine, die in den vergangenen Jahren durch London gezogen ist. Die Polizei war offensichtlich ziemlich überrascht, nach ersten Berichten hatten sie weniger als 300 Beamte auf der Straße.

Die Situation eskalierte, als die Demonstranten an der Parteizentrale der Konservativen vorbeizogen. Die britischen Medien betonen am Tag danach, dass es nur eine kleine Gruppe gewesen sei, die das Durcheinander auslöste. Fenster wurden eingeworfen, mit Plakaten im Innenhof des Gebäudes kleine Feuer entfacht. Herbeieilenden Polizisten wurden die Mützen vom Kopf gerissen. Es war eine sehr englische Szenerie: Die Bobbys bemühten sich zu diesem Zeitpunkt noch, mit dem wilden Mob ins Gespräch zu kommen. "Das macht man doch nicht", sagte die Staatsgewalt. Und wurde als Dank dafür mit Feuerlöschern vom Dach des Gebäudes beworfen. Ein Journalist der "Times" hörte einen der Uniformierten später rufen: "Ich dachte, das sollte ein fucking friedlicher Protest werden!"

Am Tag danach war die Stimmung etwas verkatert. Der Londoner Polizeichef entschuldigte sich, dass er die Situation unterschätzt habe, beschämend seien die Vorkommnisse. Es half ihm nicht, dass vermeldet wurde, die Polizei habe zwischenzeitlich vor allem über Twitter mit den Eindringlingen kommuniziert - und ihnen freundlich mitgeteilt, dass sie verhaftet würden, wenn sie weiterhin Straftaten begingen. Premier David Cameron ließ vom G20-Gipfel verlauten, dass die Situation "sehr ernst" sei. Er will eine Kommission einberufen, die den Vorlauf untersuchen soll. Diese Kommission könnte dann auch diskutieren, ob Großbritannien nun zumindest im Protestieren europäischer geworden ist.