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Studiengebühren Studenten in der Zinsfalle


Viele Studenten können sich ein Studium wegen der Studiengebühren nicht mehr leisten. Auch für Franziska D. wird es langsam eng: Weil die Hilfe der Eltern nicht reichte, musste ein Studienkredit her. Und der ist wegen variabler Zinssätze nicht billig. Ihre Bank, die KfW, erhöhte die Zinsen von 5,1 auf 6,5 Prozent.
Von Mandy Schünemann

Franziska D.* sitzt am Schreibtisch. Bücher, Ordner, lose Blätter - so, wie man das von Studenten eben kennt. Allerdings bereitet sie sich nicht auf das neue Semester vor, sondern lernt fleißig für ihren Abschluss. Denn die 29-Jährige ist bereits im neunten Semester, im Dezember stehen ihre letzten Prüfungen an. Danach ist alles vorbei. Dann hat sie wieder mehr Zeit für Freunde, Familie und Bekannte - und steht vor einem riesigen Schuldenberg. Dank ihres Studienkredits.

"Der Kredit war die einzige Chance für mich, weiterzustudieren", sagt Franziska. Denn seit ihrem Studienbeginn hat sich einiges verändert: Im Wintersemester 2002/03 gab es zum Beispiel noch keine Studiengebühren. Da sie aber an der Universität Duisburg-Essen in Nordrhein-Westfalen studiert, fallen seit dem Sommersemester 2007 regelmäßig 500 Euro im Halbjahr an. Darüber hinaus kommt noch der reguläre Semesterbeitrag dazu, das heißt im Klartext: zwölf Euro für den Allgemeinen Studierendenausschuss, 59 Euro für das Studentenwerk und 122,42 Euro für das NRW-Ticket. Das macht summa summarum 693,42 Euro pro Semester.

Ein Umzug kommt nicht in Frage

Der nächste Punkt ist ihre viel zu hohe Miete. Im Dezember 2005 zog sie mit ihrem damaligen Freund zusammen. Als die Beziehung jedoch nach drei Monaten auseinanderbrach, zog er wieder zurück zu den Eltern - und ließ Franziska auf den Kosten für die geräumige 2-Zimmer-Wohnung sitzen. "Ich bin hiergeblieben, weil mein ganzes Geld für die Renovierung draufgegangen ist", erzählt sie. "Einen Umzug hätte ich rein nervlich, zeitlich und geldtechnisch nicht geschafft." Auch eine Mitbewohnerin kommt für sie nicht in Frage: Nachdem die Studentin schon seit acht Jahren alleine wohnt, schätzt sie sich dafür nicht mehr als ausreichend kompromissbereit ein.

Deshalb ist Franziska auf zusätzliches Geld angewiesen. "Ich bekomme kein Bafög, aber Hilfe von meinen Eltern." Besser gesagt: Sie erhält die notwendige Unterstützung von ihrer Mutter. Ihre Eltern sind geschieden, Unterhalt zahlt der Vater nicht. Und weil die Kosten allmählich zu viel für ihre Mutter werden, will diese auch nicht noch ein weiteres Semester bezahlen müssen. "Deswegen muss ich jetzt einen Prüfungsmarathon hinlegen", sagt Franziska. "Damit ich das schaffe, arbeite ich auch nicht mehr nebenbei." Das Ergebnis: Monat für Monat lebt sie jetzt von 590 Euro. 250 Euro bekommt sie von ihrer Mutter, 400 Euro erhält sie auf Kreditbasis von der KfW-Förderbank. Der Auszahlungsbetrag liegt indes nur bei 340 Euro, die übrigen 60 Euro bezahlt sie schon heute für die Tilgung ihrer Zinsschulden.

Mit Lehramt auf der sicheren Seite

"Das Darlehen beziehe ich jetzt seit Juli 2006", so die 29-Jährige. "Die KfW war die einzige Bank, die mir einen Kredit geben konnte, ohne dass ich Sicherheiten vorweisen musste. Zudem passten alle anderen wegen der Bedingungen nicht, was zum Beispiel Höhe und Dauer angeht." Immerhin glaubt Franziska an eine gute Absicherung: Schließlich sei mit ihrem Lehramtsstudium für Deutsch und Englisch die Aussicht auf eine Stelle oder auf eine Verbeamtung ganz gut. Mit einem Job als Grundsschullehrerin hätte sie also kaum Probleme, ihre Schulden abzubezahlen.

Doch kommt ihr mittlerweile der Kredit jedoch ganz schön teuer: Während der variable Zinssatz der Bank im Juli 2006 noch bei 5,1 Prozent lag, ist er bis heute auf 6,5 Prozent geklettert. Rechnerisch bedeutet das zum Beispiel: Leiht sich ein Student 400 Euro im ersten Monat seines Studiums, das fünf Jahre lang andauert, zahlt er bei 5,1 Prozent Zinsen 512,95 Euro zurück. Nicht zu vergessen sind noch die Zinsen, die während der tilgungsfreien Zeit und der Rückzahlung selbst anfallen. Bei 6,5 Prozent Zinsen wären es nach fünf Jahren dann schon 548,03 Euro. Der Unterschied ist also deutlich spürbar.

Der Schuldenberg

"Der Anstieg auf 6,5 Prozent hat mich natürlich geärgert", sagt Franziska. Aber immerhin kann sie durchatmen: Nachdem die KfW-Förderbank den Zinssatz zunächst auf sieben Prozent steigern wollte, wurde sie von Bildungsministerin Annette Schavan zurückgepfiffen. "Über die Rücknahme freue ich mich natürlich, aber trotzdem ist der Anstieg unschön." Denn wenn sich die 29-Jährige ihre Schulden ausrechnet, sieht sie schwarz: Von Juli 2006 bis Dezember 2008 wird sie 12.000 Euro in Anspruch genommen haben. Zurückzahlen muss sie aber wohl rund 22.000 Euro.

Doch nicht nur Franziska ist ins Fettnäpfchen getreten, nur weil sie ein Darlehen mit variablen anstatt mit festen Zinsen vereinbart hat. Die KfW-Förderbank versorgte im August 2008 insgesamt 44.700 Studierende mit einem Kredit. Das sind rund 2,2 Prozent aller Studenten in Deutschland. Einer Schuld ist sich die Bank allerdings nicht bewusst: So sei zwar der Anstieg um 1,4 Prozent innerhalb von zwei Jahren ungewöhnlich, doch wäre das indirekt auch nur eine Folge der Finanzkrise, wie ein Sprecher der Bank stern.de mitteilt. Außerdem sei den Kunden schließlich voll bewusst, dass es sich um einen variablen Zinssatz mit einer Höchstgrenze von 9,2 Prozent handle.

Studienkredite müssen wegfallen

Das sieht Franziska anders. "Der Anstieg hängt mit den Verlusten der KfW zusammen", sagt sie. Denn die habe schließlich eine Millionen-Überweisung an die Lehman Brothers getätigt, obwohl bekannt war, dass es bei der mittlerweile insolventen US-Investmentbank nicht gut aussieht. Die Linke-Bundestagsabgeordnete Nele Hirsch kann über solche Vorgänge nur den Kopf schütteln. "Wir wollen ein gut ausfinanziertes Hochschulsystem, aber wir sind nicht der Auffassung, dass die Studierenden zur Kasse gebeten werden sollen", sagt sie. "Solche Angebote wie von der KfW müssen überflüssig werden, zum Beispiel durch ein sehr gut ausgestaltetes Bafög." Außerdem müssten die Studiengebühren wegfallen, wie es bereits in Hessen passiert ist. Und wenn ein Milliardenschweres Paket aufgrund der Finanzkrise verabschiedet werden kann, dann müsste auch Geld für Bildung da sein, so Hirsch.

Für Franziska gibt es jetzt nur noch eine Möglichkeit: Lernen, lernen und nochmals lernen, damit sie ihr Staatsexamen bald in der Tasche hat und sie kein Darlehen mehr braucht. "Bis zu meinem Referendariat im Februar 2009 kann ich dann wieder jobben, um über die Runden zu kommen. Das heißt wohl für mich: kein Urlaub und kein üppiges Weihnachtsfest", sagt sie. Und dann konzentriert sie sich wieder auf ihre Bücher.

*Name von der Redaktion geändert


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