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Talk bei Maybrit Illner: "Stimuliere deine Sense"

Sollte in der Verfassung stehen, dass Deutsch die Sprache Deutschlands ist? Darüber debattierte ZDF-Talkerin Maybrit Illner mit Tarek Al Wazir, Wolf Schneider, Wolfgang Bosbach - und einer ausgewiesenen Expertin wie Verona "Blubb" Pooth. Der Erkenntnisgewinn tendierte gegen Null.

Von Mandy Schünemann

Da sitzen sie nun. Vier Herren im Anzug - und Verona Pooth. Schwarzes Kleidchen, enges Dekolleté, die Haare aufgedonnert. Die 40-Jährige ist das Showgirl des Abends. Oder sollte man lieber sagen: ein Hingucker? Geladen hatte ZDF-Talkerin Maybrit Illner. Ihr Thema: "Warum ist die Sprache in Gefahr - und warum sollen wir sie retten?" Anlass ist der Beschluss des CDU-Parteitags in Stuttgart, in der Verfassung festzulegen, dass Deutsch die Sprache Deutschlands ist.

Eigentlich ist das Thema kein Thema, weil in Deutschland sowieso von Amts wegen Deutsch gesprochen wird. So steht es im Verwaltungsverfahrensgesetz, schwarz auf weiß. Doch dieser Punkt wird bei Illner weitgehend ignoriert - er könnte die Debatte beenden, bevor sie überhaupt angefangen hat. Das Dilemma dämmert Verona "Da werden sie geholfen" Pooth als Erster. "Was ist denn nun das Problem?", fragt sie. "Das Gesetz, das erlassen werden soll, was soll das denn erreichen? Einfach nur einen Schutz?" Später sagt sie, auch das ist bemerkenswert: "Haben wir nicht andere Probleme, die wichtiger sind?"

Bosbachs Sprach- und Seelenpflege

Aber sicher. Nur nicht in dieser Sendung. Wolfgang Bosbach, stellvertretender Vorsitzende der Unions-Fraktion, darf für seine Partei noch mal begründen, warum die Festlegung in die Verfassung soll. "Es wäre zunächst einmal die Aufforderung an uns selbst, an Staat und Gesellschaft, die Sprache noch ernster zu nehmen", so Bosbach. Es würde zeigen, "dass sie unser wichtigstes Kulturgut ist" und wäre ein "Appell an alle, die zu uns kommen, die deutsche Sprache in Wort und Schrift zu lernen". Und was er besonders gern betont: 17 Länder in der Europäischen Union haben einen Artikel zur Sprache in ihre Verfassung aufgenommen. Deutschland fehle noch.

Ulrich Kienzle, Journalist ("Hauser und Kienzle"), wirft ein, dass dann auch eine "Sprachpolizei" ausrücken müsse. Sonst sei dieser Verfassungszusatz schlicht bedeutungslos. Der französische Kabarettist Alfons - bei Illner als "Experte" in der Sendung - erklärt: "In Frankreich, wenn man ein Gesetz macht, dann respektiert das kein Schwein!" Und wenn die Franzosen einfach an der Verfassung vorbei quatschen, dann könne Bosbach doch auch seinen Antrag zurücknehmen, meint Kienzle. Bosbach nimmt natürlich gar nichts zurück.

"Befriedige Dich selbst"

Schließlich geht es der CDU nicht nur um Sprache, sondern auch darum, die konservative Seele zu wärmen. Mit einem Zusatz, der die Nation konkreter definieren soll. Der Alltag? Im Alltag macht sowieso jeder, was er will. Tarek Al-Wazir, Chef der hessischen Grünen, meint, es sei "oft nur Wichtigtuerei", ein Treffen in ein "Meeting" umzubenennen. "Aber da hilft uns keine Gesetzesänderung, sondern Sensibilität." Das ist ein Argument, auf das sich alle einigen können. Und das keiner treffender ausführen kann als Wolf Schneider, ("Deutsch für Profis"), der oberste aller Sprachpfleger.

Schneider holt aus seinem Zitatenschätzlein ein paar Werbesprüche. Loewe habe einst mit dem Spruch "Stimulate Your Senses", geworben, sagt er. Was das bedeute, sei in einer Umfrage erhoben worden. "75 Prozent kapitulierten", berichtet Schneider. "Aber unter den 25 Prozent, die glaubten, sie wüssten, was es heiße, waren Übersetzungen dabei wie: Stimuliere deine Sense oder befriedige dich selbst." Solche Missverständnisse seien "ein Klassiker."

Sprachverderber Lindenberg

Schneider, der seit Jahrzehnten gegen die Verhunzung der deutschen Sprache anschreibt, wittert durch den CDU-Antrag Morgenluft. Er ist dafür, weil ihm jedes Mittel recht ist, zu verteidigen, was kaum zu verteidigen ist. "Wenn immer mehr junge Leute keine Bücher mehr lesen, aber Udo Lindenberg hören - wie soll es dann mit der deutschen Sprache bergauf gehen?" fragt er bitter im Chat nach der Sendung. Tja, Udo Lindenberg würde wohl keine Grundgesetzänderung wollen, SPD und Grüne sowieso nicht, selbst Bosbachs Kanzlerin Angela Merkel ist dagegen. Deswegen wird aus der deutschen Sprache wohl auch kein Wahlkampfschlager der CDU werden. Irgendwann ist die Debatte vergessen. Vielleicht sprechen wir dann mal wieder über eine Quote für deutsche Liedermacher im Radio.

Mitarbeit: Lutz Kinkel