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Terrorismus in Deutschland: Oberschledorns verlorene Unschuld

Im sauerländischen Oberschledorn herrscht Fassungslosigkeit ob der Tatsache, dass der 900-Seelen-Ort von mutmaßlichen Terroristen als Unterschlupf benutzt worden ist. Eine Ortsbegehung.

Von Matthias Lauerer, Oberschledorn

Die Veränderung lässt sich am Besten im Internet verfolgen. Noch gestern hatte die Seite www.oberschledorn.de nur 27 Besucher, heute Nachmittag waren es dann schon 879. Was war geschehen? Nun, das beschauliche Örtchen machte Berkanntschaft mit einer weltweit grassierenden Pest: dem Terrorismus. Drei junge Männer wurden hier gestern in einem Ferienhaus im Eichenweg 20 verhaftet. Drei Männer? Nicht ganz, denn einer der Terrorverdächtigen konnte zunächst in Richtung des Vereinshauses der St.-Antonius-Schützenbruderschaft, gegründet im Jahr 1874, fliehen. Links aus dem Eichenweg heraus - so muss er gelaufen sein. Dann schnell den Erdwall hinauf, der vom Aushub eines hellgelben Neubaus stammt. Dann hatten ihn die Männer der GSG 9 doch noch geschnappt. Irgendwie fiel ein Schuss - wie, muss noch genau geklärt werden. Laut Fernsehberichten gelang es dem Flüchtenden, die Dienstwaffe eines Polizisten zu entwenden.

Terroristen in der Wohnung des Schützenbruders

Mit der Schützenbruderschaft hat es noch etwas anderes auf sich: Hier war der Eigentümer der schlicht-schönen Ferienwohnung Mitglied, ein Herr S. aus Dortmund. Seit Jahren beteiligte er sich aktiv am Vereinsleben und war noch vor zehn Tagen im Dorf gewesen. S. vermietet die Ferienwohnung seit 20 Jahren. So erzählt es ein nervöser Nachbar aus einem der Häuser nebenan. Die Nervosität ist überall zu spüren. Selbst der CDU-Bürgermeister Heinrich Nolte, der gestern Abend gegen 21 Uhr im Auto die Nachricht erhielt, dass nun zugegriffen werde, mag es nicht glauben: "Wir sind eine kleine Feriengemeinde mit 800.000 Besuchern. Das hier so etwas passiert, ist einfach unglaublich", sagte der 58-Jährige, der seit 25 Jahren als Bürgermeister arbeitet, immer noch sichtlich geschockt.

Seltsame Gäste im Internet-Café

Nur eine kleine Straße weiter, nahe am Ort der Festnahme, wohnt Familie Wahle. Vater Michel Wahle, 34, ist eigentlich auf dem Sprung, um seinen Sohn von der Schule abzuholen. Mit seiner Frau, den beiden Töchtern Vivienne, 7, Diana, 6, und dem Hund Tom wohnt die Familie schon "Zeit ihres Lebens" in Oberschledorn. "Man kann nicht realisieren, dass das hier ganz real passiert ist." Wahle sagt das kopfschüttelnd und steigt danach schnell in den dunklen Audi-A6-Familien-Kombi und braust davon.

Im nur sieben Kilometer entfernten Medebach ist sich Bäckerei-Inhaberin Cornelia Schäfer nicht ganz sicher, ob die Männer vor ein paar Wochen nicht auch bei ihr im Internetcafe waren und dort auf den schlichten, beigen Holzstühlen saßen. "Die, die hier waren, die hatten immer so seltsame Seiten auf mit vielen arabischen Schriftzeichen und sahen sich Seiten über Terroranschläge an. Ich fand das schon seltsam." So erinnert sich die resolute Chefin Schäfer an ihre Internet-Gäste. Fünf PCs stehen im Verkaufsraum, und alle 15 Zoll-Röhren-Monitore sind von der Theke aus einsehbar. Einer der drei Männer habe immer auf Englisch mit seinem Handy telefoniert, sonst hätten die drei Deutsch, Englisch und Arabisch gesprochen, so Schäfer weiter.

550 Kilogramm TNT

Eigentlich passt dieser Wahnsinn nicht in die ländliche Idylle von Oberschledorn. Doch vielleicht ist es genau diese ruhige Umgebung, die dazu einlädt, sich zu verstecken, um terroristischen Aktivitäten nachzugehen. Auch Willi Wessel, 50, ist geschockt. Wessel ist seit acht Jahren der Ortsvorsteher: "Damit hat niemand gerechnet, und dass das dann hier im Sauerland passiert, das ist schon sehr schockierend." Mit hochrotem Gesicht steht er an der abgesperrten Straße und gibt ein Interview nach dem anderen. Neben ihm steht die blasse Ute Scheiding, 38: "Wenn das hochgegangen wäre, dann wären wir jetzt alle tot." Mit "das" beschreibt sie die möglichen 550 Kilogramm TNT-Sprengstoff. Diesen wollten die drei 21- bis 28-Jährigen Terrorverdächtigen in der Ferienwohnung aus Wasserstoffperoxid zusammenbrauen.

Mittlerweile haben sich neben den Journalisten auch die Terrorismus-Touristen im 900-Seelen-Dorf eingefunden. Sie wollen jetzt erfahren, was hier gestern geschah. Morgen wird es im Dorf wieder ruhig werden und die Klick-Zahlen der dörflichen Internetpräsenz werden wieder zurückgehen. Doch der Name Oberschledorn wird sich als zweite Warnung ins kollektive deutsche Gewissen einbrennen. Noch einmal gut gegangen, Deutschland! So wird man es sich heute glücklich zu raunen. Bis der nächste Einsatz ruft.

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