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Thomas de Maizière Merkels Feuerwehrmann

Als kleiner Junge wäre er fürs Leben gern Feuerwehrmann geworden. Diesen Status hat er jetzt - in der Politik. Thomas de Maizière wird gleich für drei Ressorts gehandelt. Wer ist der Mann?
Von Hans Peter Schütz

Wer über die künftige Kabinettsliste spekuliert und einen Namen braucht, kommt schnell auf Thomas de Maizière. Geht das Finanzministerium an die CDU und Roland Koch will nicht? Her mit de Maizière. Möchte die Kanzlerin einen anderen Innenminister? De Maizière soll's machen. War doch sehr gut als Kanzleramtsminister? Okay, dann möge er dort bleiben! Fehlt nur noch, dass er als neuer Verkehrsminister gehandelt wird, weil man irgendwo im neuen Kabinett Merkel auch einen Ossi braucht. De Maizière ist wenigstens ein halber. Ein Wossi. Geboren in Bonn, politisch ausgewachsen nach der Wiedervereinigung in den neuen Ländern.

Der Mann mit den silbernen Strähnen im strubbeligen Haar ist im derzeitigen Kuhhandelgeschäft zwischen FDP und Union eine Idealbesetzung. Einerseits ist für den 55-Jährigen Loyalität eine extrem wichtige Tugend, aber Ja-Sagerei lehnt er ab, selbst der Kanzlerin gegenüber. Er streitet gerne, kommt aber ein Kompromiss endlich zustande, steht er eisern dazu. Werden die eigenen Ideen dabei von anderen verkauft, zuckt er mit den Schultern: "Der größte Erfolg kann manchmal sein, etwas verhindert zu haben."

Kein Fan der FDP

Noch etwas macht ihn in diesen Tagen zum idealen Wegbegleiter der Kanzlerin. Er besitzt enormes Durchhaltevermögen, hält aber "höflichen Umgang miteinander für ganz entscheidend in der Politik". Das hilft ihm sehr im Clinch mit den Liberalen, deren Fan er gewiss nicht ist. Schließlich stehen die Liberalen seit jeher unter dem Generalverdacht, nicht Politik für die Menschen im Land machen, sondern nur für ihre eigene Klientel. Das Motiv seiner eigenen politischen Arbeit ist umfänglicher angelegt. Die Politik einer Partei müsse so orientiert sein, dass sie für eine Mehrheit der Bevölkerung gut ist. Er wolle den Menschen im Land die Angst vor Freiheit nehmen, beschreibt er seine Liberalität. "Man muss den Mut haben, auf Regeln zu verzichten."

Von ihm stammt der Satz in Merkels erster Regierungserklärung "Wir wollen mehr Freiheit wagen". Das war vielen in der CDU/CSU viel zu nahe an Willy Brandts Botschaft "Wir wollen mehr Demokratie wagen" gewesen. Vor allem die Christsozialen schäumten, zumal denen nicht verborgen blieb, dass de Maizière ihren Edmund Stoiber einmal "den am meisten überschätzten Mann der deutschen Politik" genannt hatte.

"Gequatsche" in den Amtsstuben

Sich selbst nennt de Maizière einen klassischen Wertkonservativen. Aber dieser politische Kompass macht ihn nicht blind, was in dieser Kategorie der politischen Selbsteinschätzung so oft der Fall ist. Er operiert am liebsten mit Argumenten. "Ein maßgeschneiderter Brückenbauer zwischen Parteien", nennen ihn sein Freunde. Sein einstiger Förderer Kurt Biedenkopf machte einen Freudensprung, als er vor vier Jahren von der Berufung de Maizières ins Kanzleramt hörte - obwohl er ihn am liebsten zu seinem Nachfolger auf dem Stuhl des sächsischen Ministerpräsidenten gemacht hätte. Biedenkopfs Lob auf de Maizière: "Sitzt er am Tisch eines Kabinetts, sitzt dort die Wirklichkeit." Weil der eines ganz besonders hasse: Nix genaues weiß man nicht.

Dass er einmal gesagt hat, in den politischen Amtsstuben werde zu viel "gequatscht", nahmen ihm viele übel. Er liest schneller als andere, er denkt schneller als andere und er zeigt weniger Gefühle als andere. Aber: der frühere sächsische Regierungssprecher Michael Sagurna hat ihn einmal mit dem Satz beschrieben, de Maizière sei einer, bei dem der Beifahrer im Auto ruhig schlafen könne. Der Mann reagiere und funktioniere immer richtig. Kein Wunder, dass der Vorwurf der Arroganz ihn daher auf seinem Weg durch die Amtstuben der Politik stets begleitet hat.

Auf Du-und-Du mit der Kanzlerin

Und die hat er reichlich kennengelernt. Schrieb einst Reden für Richard von Weizsäcker. War Chef der Staatskanzleien in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. War in Dresden Finanz-, Justiz- und Innenminister. Und war der eigentliche Architekt des Solidarpakts II, mit dem sich die neuen Ländern 156 Milliarden Euro bis zum Jahr 2019 sicherten.

Angela Merkel kennt er seit dem 18. März 1990. An dem Tag war der Demokratische Aufbruch (DA) bei der Volkskammerwahl mit 0,9 Prozent abgestraft worden. Sie ging niedergeschlagen zur Siegesfeier der CDU, wo Thomas de Maizière sie seinem Cousin Lothar als Pressesprecherin empfahl. Hier genau begann ihr Aufstieg ins Kanzleramt, eröffnet durch ihren Duzfreund Thomas.

Eine wirkliche "Du"-Freundschaft? Mit dem Wort geht er vorsichtig um. Mehr als zehn Freunde könne man im Leben nicht haben, hat er zu Beginn seiner Arbeit im Kanzleramt vor vier Jahren gesagt. Der preußische Hugenotte in ihm, der protestantische Pflichtmensch, lässt tiefere Blicke in seine Gefühle ungern zu. Aber sicher ist: Merkel und er vertrauen einander mittlerweile blind. Beide denken vom Ende her und in Strukturen. Ihm gefällt der ostdeutsche Politikstil der Physikerin Merkel. Er akzeptiert, wie diese unbeengt von programmatischen Beschlüssen nach der neuen Lösung eines politischen Profils sucht, wenn der erste Anlauf gescheitert ist.

Weihnachtsbriefe in die DDR

Den politischen Karrieristen hasst er. Das Gemauschel mit der Basis am Biertisch ebenso. Was aber jetzt sein könnte: Er sucht nach eigenem politischen Freiraum. Den hat ein Kanzleramtsminister nicht. Er würde jedes Ressort akzeptieren, in das ihn Merkel am Ende schickt, wenn sie es tatsächlich tut. Am liebsten dürfte ihm das Finanzministerium sein. Dort käme er aus der weithin unsichtbaren Arbeit im Kanzleramt heraus. Über die sagt er zuweilen: "Für die schlechten Sachen bin ich zuständig, für die schönen die Bundeskanzlerin."

Doch wie auch immer Merkel entscheidet, der Mann folgt seiner Pflicht. Der Vater Ulrich de Maizière, einst Generalinspekteur der Bundeswehr, hat einmal ein Buch mit dem Titel "In der Pflicht" geschrieben. So erzog er auch seinen Sohn.

Und auch die Oma war mit strenger Hand dabei. Zu Weihnachten war es Pflicht, der Oma Elisabeth in der DDR aus Bonn einen Weihnachtsbrief zu schicken. Die strich die Fehler rot an, schickte den Brief aus Ostberlin zurück und erwartete binnen zwei Tagen schriftliche Korrektur.


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