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Todesfahrer: Tod auf Rügen

Sie hatten keine Chance. Eingeklemmt in ihrem Wagen starben vier junge Leute, die nachts auf dem Heimweg waren. Ein betrunkener Raser war ihnen frontal ins Auto gefahren. In Kürze beginnt der Prozess.

Der Einsatzbefehl kommt gegen fünf Uhr morgens. "Schwerer Verkehrsunfall auf der B 96 zwischen Lietzow und Ralswiek. Vier Tote. Der Fahrer des Unfallwagens soll zu Fuß geflohen sein." Polizeiobermeister Dirk Kolbe ist mit seinem Kollegen auf Streife in Sagard auf Rügen unterwegs, als er die Meldung über Funk hört. Ihre Nachtschicht endet in einer Stunde. Trotzdem machen sich die Beamten sofort auf den Weg. Als sie am Unfallort ankommen, werden sie über Funk zurückbeordert. "Ihr könnt abdrehen. Der Unfallverursacher ist vor Ort."

Kolbe und sein Kollege können vom Unfall nicht viel sehen. Es dämmert. Feuerwehr, Polizei und Rettungswagen versperren die Sicht. Dirk Kolbe öffnet die Tür des Streifenwagens, will aussteigen. Er kennt die Besatzung des Krankenwagens. "Vielleicht brauchen die Hilfe", sagt er. Sein Kollege hält ihn zurück. "Dirk, du siehst doch, dass die genug Leute haben." Einen Moment überlegt Kolbe, dann schließt er die Tür. Sein Kollege hat Recht. Es sind genügend Helfer vor Ort.

Die Beamten fahren

nach Mukran zur Wache. Eine Weile ist es still im Streifenwagen. Verkehrsunfälle gehören zum traurigen Alltag der Polizisten - auf Rügens Straßen verunglücken mehr als doppelt so viele Menschen tödlich wie anderswo in Deutschland. Unübersichtliche Alleen, kurvige Straßen, weite Strecken, wenig Busse, die die jungen Leute nachts nach Hause fahren. Oft spielt Alkohol eine Rolle. "Ich möchte nicht mit den Kollegen tauschen, die den Angehörigen die Todesnachricht überbringen müssen", sagt der Kollege. Dirk Kolbe nickt.

Er muss an seine Tochter Virginie denken, die in dieser Nacht mit Freunden unterwegs war. Aber um diese Zeit liegt sie sicher längst im Bett. Gestern abend war sie noch auf der Wache, um sich den neuen Streifenwagen anzugucken. Sie wäre so gern Polizistin geworden. Doch ein Nierenleiden machte ihren Berufswunsch zunichte. Nun lernt Virginie Krankenschwester.

Kolbe ist sehr stolz auf seine Tochter. Sie fühlt mit den Patienten, kann das Leid trotzdem gut wegstecken. Nach der Lehre will sie sich zur Rettungsassistentin ausbilden lassen, im Krankenwagen mitfahren, Unfallopfern helfen. "Und wenn das junge Leute sind - die armen Eltern", sagt Kolbe. "Ich habe ja selbst drei Kinder. Man mag sich das gar nicht vorstellen."

Wenig später schließt Dirk Kolbe die Tür seines rotgeklinkerten Hauses auf. An der Garderobe hängt Virginies hellblaue Jacke, die sie immer trägt. Der Vater atmet auf. Leise öffnet er die Schlafzimmertür. Seine Frau Silke schläft. Der Polizist geht ins Bett.

Die Unfallstelle gleicht einem Trümmerfeld. Der Asphalt ist mit Glassplittern übersät. Auf der Fahrbahn liegen in einem Umkreis von rund 40 Metern verbogene Metall- und verschmorte Plastikteile. Zwei Autos - ein Renault Clio und ein BMW - sind in einer Kurve frontal auf einander geprallt. Am Unfallort melden sich zwei Zeugen. Sie berichten, dass der BMW sie in der Kurve trotz durchgezogener Linie überholt hat und dann in den entgegenkommenden Clio gerast sei.

Im Strassengraben liegt

der schwarze Clio umgekippt auf der Seite. Die linke Seitenwand und das Dach sind auf- gerissen. Die Front ist zertrümmert, die Fahrgastzelle zusammengedrückt. Die Insassen - drei Mädchen und ein Junge - klemmen kreuz und quer im Wagen. Sie sind tot.

An der Böschung der anderen Straßenseite steht ein schwarzes Cabriolet. Die Front ist nur noch ein Block aus zerknäultem Metall. Neben dem Wrack sitzt Elias P., das linke Schienbein und der Fußknöchel sind gebrochen. Vom Airbag, der ihm vermutlich das Leben gerettet hat, hat er ein paar Prellungen. "Ich war's nicht. Der andere ist weg", hat der 24-Jährige zunächst gestammelt. Doch die Polizisten sehen, dass Elias P. nur noch einen Schuh trägt. Der andere steckt unterm Gaspedal. Der junge Mann riecht nach Alkohol.

In den Trümmern des Clios finden Polizisten die Personalausweise der Toten. Sie sind alle 18 Jahre alt: Mara Gründel, Catharina Fritz, Toni Rademacher und Virginie Kolbe.

Annette Rademacher hat schlecht geschlafen. Wie immer, wenn ihr Sohn Toni unterwegs ist. Im Halbschlaf horcht die Mutter, wann sich sein Schlüssel im Schloss dreht - das Geräusch, um endlich einzuschlafen. Manchmal denkt die 44-jährige Bilanzbuchhalterin, dass sie vielleicht ein bisschen zu besorgt ist. Doch Toni ist ihr einziges Kind.

In dieser Nacht

hat Annette Rademacher den Schlüssel nicht gehört. Am frühen Morgen schaut sie in Tonis Zimmer, die Tür steht einen Spalt offen, sein Bett ist leer. Annette Rademacher weckt ihren Mann Josef. Der Kraftfahrer hat heute Geburtstag. Der Vater beruhigt seine Frau. "Vielleicht hat Toni ein Mädchen kennen gelernt."

Toni, ein hübscher Kerl mit warmen Augen, hat Schlag bei den Frauen. Als er mal mit dem Karnevalsverein unterwegs war, hat er sich über Nacht als Hahn im Korb bei den Funkenmariechen einquartiert. Toni Rademacher lernt im letzten Jahr Hotelfachmann und muss für die Berufsschule büffeln. Gerade hat auch die Saison auf Rügen begonnen. Für Toni heißt das, den ganzen Sommer schuften, nix mehr mit freiem Wochenende. Kein Wunder, dass der Junge kein Ende findet, denkt Josef Rademacher. Da klingelt es an der Tür.

Kerstin Gründel schreckt um 4.50 Uhr hoch. Im ersten Moment glaubt die Köchin, es sei schon Zeit, zur Arbeit zu gehen. Sie guckt auf den Radiowecker, legt sich wieder hin. Doch sie ist unruhig. Wie so oft, seit ihr Mann vor zwölf Jahren gestorben ist. Mara ist doch so zuverlässig, denkt die Mutter.

Ihre Tochter trinkt nie, wenn sie mit ihrem Clio unterwegs ist. Und sie hat sich so gefreut, mit Cathi und Virginie ins "Mah k'ina" zur 40-Grad-Party zu fahren. Ihre zwei Jahre ältere Schwester Randi hatte ihr noch die langen Haare eingedreht, weil Mara Korkenzieherlocken haben wollte. Randi, die Krankenschwester lernt, hatte Mara und Virginie auf die Idee gebracht, auch diesen Beruf zu ergreifen. Anatomie fand Mara besonders interessant. Manchmal scherzte sie zum Entsetzen von Mutter und Schwester: "Ich werde Pathologin."

Als es gegen sieben Uhr an der Tür klingelt und ein Pastor draußen steht, fürchtet Kerstin Gründel Schreckliches. Ihr Mund wird ganz trocken, die Sprache gehorcht nicht. "Was passiert?", presst sie hervor. Der Pastor nickt. Wie durch eine Nebelwand hört sie, was er noch sagt: dass Mara keine Schuld hatte. Dass sie angeschnallt war, nichts getrunken hatte. Dass ihr ein Auto in einer Kurve entgegengekommen war, überholt hatte, trotz durchgezogener Linie. Dass der Fahrer betrunken war. Und dass Mara und die anderen keine Chance hatten. "Die anderen?", fragt Kerstin Gründel. "Alle drei tot?!" Der Pastor hat Tränen in den Augen. "Alle vier. Es saß noch ein Junge im Wagen."

Kerstin Fritz ist nicht sonderlich beunruhigt, als das Bett ihrer Tochter am Morgen leer ist. Die 43-jährige Friseurin wähnt Cathi bei ihrem Freund Robert. Neun Monate sind die beiden nun schon zusammen. Cathi gehört nicht zu denen, die über die Stränge schlagen. Sie steht kurz vorm Abitur, kämpft um jeden Punkt. Biologie und Mathe sind ihre Lieblingsfächer. Sie wetteifert immer ein wenig mit ihrem fünf Jahre älteren Bruder Thomas, der in Dresden Lehramt studiert. Deshalb wollte Cathi eigentlich auch studieren. Doch am vergangenen Abend - kurz bevor sie mit Mara und Virginie losgezogen ist - hatte sie zur Mutter gesagt: "Mama, nach dem Abi mache ich eine Lehre bei der Bank. Und dann will ich Kinder - so schnell wie möglich. Studieren kann ich ja immer noch." Die Mutter hat nichts gesagt. Cathi wird schon wissen, was sie tut. Hauptsache, sie wird glücklich, hatte Kerstin Fritz gedacht.

In der letzten halben Stunde,

bevor Cathi aufgebrochen ist, hielt die Mutter ihre Tochter viel im Arm. Kerstin Fritz hatte einen Pickel am Mund. "Du kriegst keinen Abschiedskuss", scherzte Cathi. "Na warte, ich hol mir einen", sagte Kerstin. Mutter und Tochter balgten durch die Wohnung. Atemlos drückte Cathi ihrer Mutter schließlich einen dicken Kuss auf den Mund. Dann musste sie los. Cathi hatte Mara eine Weile nicht ge-sehen, obwohl die Mädchen nur zwei Blocks voneinander entfernt wohnen. Seit Cathis Vater vor vier Jahren gestorben ist, ist das Verhältnis der Mädchen noch ein bisschen enger geworden. Mara hatte Cathi getröstet, sie wusste, wie es ist, den Vater zu verlieren.

Am Morgen geht Kerstin Fritz einkaufen. Schweinelendchen mit Kroketten hatte sich Cathi zu Mittag gewünscht. Als sie zurückkommt und gerade ihre Einkaufstaschen abstellt, um die Wohnungstür aufzuschließen, kommen zwei Polizisten die Treppe rauf.

Der Polizist Dirk Kolbe wird wach, als er seine Frau schreien hört. Er springt aus dem Bett, läuft runter ins Wohnzimmer. Ein Pastor steht da. Seine Frau weint. "Nein, nein. Virginie. Sie ist tot. Ein Unfall." Es dauert einen Moment, bis Dirk Kolbe begreift. Gestern Nacht. Der Unfall. Die vier Toten. Virginie. Sie hatte nicht im Bett gelegen, eine andere Jacke getragen. Dirk Kolbe sackt zusammen.

Um 11.21 Uhr ruft die Rechtsmedizinerin auf der Polizeiwache in Bergen an und gibt das Ergebnis der Blutprobe durch. Elias P. hatte um sechs Uhr morgens - eine Stunde und acht Minuten nach dem Unfall - noch 1,65 Promille. Nach dem Gesetz ist ein Fahrer mit 1,1 Promille absolut fahruntüchtig. Später werden im Blut des jungen Mannes außerdem Abbauprodukte von Kokain nachgewiesen.

Übers Internet verbreitet sich schnell die Nachricht vom Unfall. Elias P. ist auf der Insel bekannt. Sein Vater hat zwei Hotels mit 120 Betten und sitzt für die PDS im Gemeinderat. Die Stimmung schaukelt sich hoch. "An jeder Disco, auf der Rügendammbrücke und in jedem Laden soll ein Foto dieses Mörders hängen", schreibt ein User. Ein anderer hinterlässt im Netz eine Warnung. "Wie heißt es in einem Lied der Onkelz? Ein Leben lang gejagt, letzter Gruß am Sarg. Stirb, Du Hund."

Jugendliche rufen zum Sitzstreik vor einem der Hotels von Elias' Vater auf. Ein anonymer Schreiber hält dagegen: "Was Elias getan hat, war mit Sicherheit nicht gewollt... Ein großer Teil von euch fährt auch betrunken und völlig zugedröhnt Auto. Die meisten haben doch nur Glück gehabt, dass nix passiert ist, bzw., sie wurden NOCH NICHT erwischt." Niemand antwortet ihm.

Tonis Eltern Annette und Josef Rademacher fahren nach Sagard zum Jugendclub. Hier hatte ihr Sohn am Abend Basketball gespielt, ein paar Bier getrunken und war dann mit einer Bekannten ins "Mah k'ina" gefahren. Dort traf er seine Freundinnen Cathi, Mara und Virginie. Ein Schnappschuss von diesem Abend zeigt Toni und Cathi. Toni im Hawaiihemd, ein Bier in der Hand. Neben ihm Cathi - bildhübsch, klein und zierlich, das lange Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Das Mädchen blickt verträumt zur Seite.

Annette und Josef Rademacher

haben gehört, wie verzweifelt viele Teenager auf Rügen über den Tod ihrer Freunde sind. Für Tonis Kumpels ist es ein besonders böser Streich des Schicksals, dass er ausgerechnet durch ein BMW-Cabrio getötet wurde - hatten sie ihm doch zu seinem 18. Geburtstag ein BMW-Cabriolet für einen Tag gemietet. Toni war über die Insel gefahren, völlig selig. Jetzt reden seine Eltern, die eigentlich selbst Trost bräuchten, beschwörend auf die Jugendlichen ein. "Macht keine Dummheiten", sagen sie. "Toni hätte das nicht gewollt." Zwischendurch klingelt immer wieder das Handy von Josef Rademacher. Es sind Freunde und Verwandte, die ihm zum Geburtstag gratulieren wollen. "Toni ist tot", sagt Josef Rademacher nur und drückt das Gespräch weg.

Dirk und Silke Kolbe wollen ihre Tochter noch einmal sehen. "Möchten Sie das wirklich?", fragt der Beerdigungsunternehmer. Die Eltern sind sicher. Sie wollen nicht warten, bis der Bestatter ihrer Tochter die Haare gekämmt, die Wangen gepudert und die Wunden zugetuscht hat. "Es ist mir egal, wie meine Tochter aussieht", sagt Silke Kolbe. Virginie liegt noch in dem roten Sack, in dem sie von der Straße abtransportiert worden ist. Ihre Wangen sind eingefallen. Ihr Arm ist zerquetscht, der Schädel verletzt. Silke Kolbe drückt ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn, der Vater streichelt ihr über die Wange. In diesem Moment erst begreift Dirk Kolbe: Es ist wahr. Virginie ist tot.

Elias P. wird zunächst ins Sana-Krankenhaus Bergen eingeliefert - dort, wo Mara und Virginie gearbeitet haben. Drei Tage bleibt er in der Klinik. Auf seinen Zimmernachbarn Andreas Pantermöller macht er einen "überheblichen" Eindruck. Zeitungsartikel über den Unfall kommentiert er - so Pantermöller bei der Polizei - mit den Worten: "Ich habe noch andere Hobbys außer Disco und Rasen." Eine Krankenschwester wirft dem Todesfahrer eine Zeitung aufs Bett. "Hier, lesen Sie mal, was Sie angerichtet haben." Und entschuldigt sich kurz darauf.

Eine Woche nach dem Unfall

organisieren Jugendliche morgens um kurz vor fünf Uhr eine Gedenkveranstaltung am Unfallort. 2500 Menschen kommen. An der Unfallstelle stecken Schilder im Blumenmeer. "Jetzt reicht es!", steht darauf. "Wir fordern die Höchststrafe". Die Zeitung schreibt: "Die Klischees dieses Unfalls sind einfach zu groß. Der Todesraser: Sohn eines reichen Hoteliers. Dicker Schlitten. Inselbekannt als Verkehrsrowdy... Die Opfer: bekannt als lieb, brav, bescheiden, beliebt. Jetzt sind sie tot. Aber der mit dem stärkeren Auto überlebt. Leicht verletzt." Elias P. bekommt Morddrohungen. Er lässt sich von Bergen ins Klinikum nach Greifswald verlegen. Die Lokalpresse verbreitet, dass er auf der Station "... mit 15 Kumpels wild gefeiert" hätte. Eine Falschmeldung, wie Ärzte den Eltern der Opfer später versichern.

Die meisten Menschen, die sich in diesen Tagen über den Unfallfahrer äußern, wissen nichts Gutes über ihn zu sagen. "Elias P. war immer arrogant und überheblich. Er meinte, er wäre was Besseres. Geld spielte für ihn keine Rolle, er gab es mit vollen Händen aus", sagt eine Bekannte. Ein früherer Klassenkamerad bestätigt: "Er war von Beruf Sohn." Dass viele ihn für arrogant halten, weiß Elias P.

Im Büro seines Rostocker Anwalts Leonid Nikolenko sitzt ein junger Mann, der zum ersten Mal kritisch über sein Leben nachzudenken scheint. Seine Schultern hängen, die Mundwinkel sind nach unten gezogen, zwischen Nase und Mund haben sich zwei tiefe Falten in sein leicht teigiges Gesicht gegraben. Immer wieder bricht Elias P. in Tränen aus, fragt nach den Eltern der Opfer, weint, als er hört, dass Kerstin Gründel und Kerstin Fritz erst vor ein paar Jahren ihre Männer und nun ihre Töchter verloren haben. "Wenn jemand meine Kinder totgefahren hätte, würde ich auch wollen, dass er hart bestraft wird", schluchzt Elias P. "Ich bin für alle nur der Sohn, der alles hinten reingesteckt bekommen hat. Und irgendwo stimmt das ja auch", sagt er.

Sein Vater hatte kurz nach der Wende hintereinander zwei Hotels und ein Feriencamp eröffnet. Aus gesundheitlichen Gründen wollte er sich mehr und mehr aus dem Geschäft zurückziehen. Sein Sohn sollte das Geschäft übernehmen. Elias P. lernt nach der mittleren Reife Hotelkaufmann und wird mit Anfang 20 Chef von 25 Mitarbeitern. Nun ist er wer auf Rügen, wo jeder Sechste keinen Job hat. Elias P. aber hat Geld und Arbeit zu vergeben.

Mit 22 wird Elias P.

Vater von Zwillingen. Die Beziehung zur Mutter der Kinder zerbricht. Doch er kümmert sich um die Kinder, zeigt stolz die Bilder von "seinen Zwergen". "Ich wollte immer früh Vater werden", sagt er. Er habe schon oft angefangen, Briefe an die Eltern von Toni, Cathi, Mara und Virginie zu schreiben. "Aber ich finde keine Worte. Dafür gibt es keine Worte. Ich kann das, was ich getan habe, nie wiedergutmachen."

Auch sein Vater Wolfgang (Name geändert) P. fragt sich, was er falsch gemacht hat. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er mit 41 eine Witwe. Beide haben erwachsene Kinder. Doch Elias, der ein Jahr nach der Hochzeit zur Welt kam, sollte als Stammhalter das Geschäft des Vaters übernehmen. Jetzt plagt Wolfgang P. das schlechte Gewissen. Hat er seinem Sohn zu früh zu viel Verantwortung aufgebürdet? War er nicht reif für den Chefsessel? Hat ihn das Geld übermütig gemacht? Den BMW, einen Vorführwagen, hatte er seinem Sohn für 50000 Euro gekauft. "Ich habe gedacht, Elias arbeitet viel, und dann soll er auch mal eine Belohnung haben." Und dann fragt er: "Meinen Sie, ob ich den Eltern anbieten kann, ihnen die Beerdigung ihrer Kinder zu bezahlen?"

Annette Rademacher wird nachts oft wach, weil sie glaubt, Tonis Schlüssel zu hören. Doch es ist nur das Knistern und Knacken der Nacht. Die Eltern haben übers Internet bei der Nasa einen Stern auf den Namen ihres Sohnes taufen lassen. Rechts neben dem Großen Wagen. Wenn die Nacht klar ist, können die Eltern ihn sehen. Und sie erinnern sich an seine Träume: Nach seiner Ausbildung plante Toni, in die Schweiz, nach Österreich oder Gran Canaria zu gehen und dort in einem Hotel zu arbeiten. Er wollte die Welt sehen. Kurz vor seinem Tod hatte er seinen Eltern noch einen Gutschein für ein Candlelight-Dinner geschenkt. Er wollte sie bedienen, zeigen, was er kann.

Kerstin Gründel hat nicht die Kraft, Maras Zimmer zu betreten. Mit tränen-erstickter Stimme erzählt sie von dem Schild, dass sich ihre Tochter an die Tür gehängt hatte: "Hier wohnt ein Engel auf Erden". Maras Schwester Randi hat nach dem Unfall plötzlich für mehrere Wochen ihre Stimme verloren. Der Arzt konnte keine organische Ursache ausmachen.

Kerstin Fritz hat Cathi auf See bestatten lassen - so wie vor ein paar Jahren ihren Mann. Ihre Tochter wollte es so. "Wenn mal was sein sollte, will ich zu Papa", sagte Cathi einmal. Ihre Mutter antwortete: "Red nicht so einen Quatsch. Du bist doch noch so jung."

Gegen Elias P. hat die Staatsanwaltschaft Stralsund Anklage erhoben, in wenigen Wochen wird er sich wegen fahrlässiger Tötung in vier Fällen und vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs vor dem Landgericht verantworten müssen.

Inzwischen weiß man,

dass er am Unfallmorgen nach einer durchzechten Nacht zu seiner Freundin wollte. Gegen 4.30 Uhr telefonierte er mit ihr. Fahr nicht mehr, warnte sie ihn. Kurz darauf wollen Zeugen gesehen haben, wie Elias P. mit seinem BMW ausbrach und quer auf der Straße stand. Er fuhr weiter und raste wenig später in den Clio von Mara Gründel. Sie hatte nach Meinung des Sachverständigen "keine Möglichkeit, unfallvermeidend zu reagieren". Laut Gutachten hat Elias P. mit mindestens 108 Kilometer pro Stunde überholt. Mara Gründel fuhr nur 70. Elias P. hat vier Punkte in Flensburg, davon zwei wegen zu schnellen Fahrens. Ihm drohen jetzt bis zu fünf Jahre Haft.

"Wenn ich ins Gefängnis muss", sagt Elias P. weinend, "das steh ich schon irgendwie durch. Aber das macht die jungen Leute nicht wieder lebendig."

Dirk Kolbe ist vier Wochen nach Virginies Tod wieder zum Dienst gegangen. Wenn jetzt über Funk ein Verkehrsunfall gemeldet wird, fährt er nicht mit raus. Das übernehmen seine Kollegen.

Kerstin Schneider / print