HOME

Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Nein, Scholz wird nicht SPD-Kanzlerkandidat

Die Debatte, die nach der Bürgerschaftswahl in Hamburg aufgekommen ist, lässt sich schnell beantworten: Scholz wird 2017 nicht gegen Merkel antreten. Er peilt ein anderes Amt an.

Von Andreas Hoidn-Borchers

So, und jetzt alle noch mal, damit wir es hinter uns haben, die Genossen-Welle: La Olaf! Ja, doch, das hat er - um es hanseatisch auszudrücken - ganz ordentlich gemacht, der Scholz. Oder wie wir Berliner in solchen Fällen gerne sagen: Kann man nicht meckern. Muss man lange in den Archiven kramen, bis man auf ein Wahlergebnis stößt, über das in den Nachrichten mit dem einleitenden Satz berichtet wird: "Die SPD erleidet leichte Verluste und kommt auf 45,7 Prozent." Um es in der Kicker-Sprache zu sagen: Scheiße, aber verdammt gut. Zuletzt hatte ein sozialdemokratischen Spitzenkandidat Ende des vorigen Jahrtausends besser abgeschnitten als der gerne als Polit-Drögist beschriebene Scholz bei seinen beiden Bürgerschaftswahlen: Gerhard "das Tier" Schröder im Frühjahr 1998 in Niedersachsen. Ein gutes halbes Jahr später war er Kanzler.

Halbsteif aus dem Grab

So, und jetzt dürfen sich alle wieder hinsetzen und beruhigen und den Michel zurück in die Stadt verfrachten. Habemus papam? First we take Hamburgo then we take Berlin?

Humbug. Eine Landtagswahl ist eine Landtagswahl ist eine Landtagswahl, und man sollte sich hüten, übereilte Schlüsse für die gesamte Republik daraus zu ziehen. Für die SPD, aber auch für alle anderen. Ja, die FDP ist noch mal halbsteif aus dem bereits geschaufelten Grab gekrabbelt - aber wir wollen mal abwarten, wie´s ausgeht, wenn der Kameramann vor der nächsten wichtigen Wahl, sagen wir: in Baden-Württemberg, über das haarige Bein eines zu kurz besockten FDP-Spitzenkandidaten zoomt… Ja, die AfD hat es erstmals, knapp, in ein westdeutsches Parlament geschafft - aber das hatte in Hamburg, wo sie offenbar auch ein Faible fürs Abseitige haben, auch schon die Statt-Partei und, mit 20 Prozent, Ronald Schill… Ja, die CDU ist sensationell baden gegangen, aber das wird Angela Merkel deutlich weniger Schlaf kosten als Putin, Poroschenko und dieser krawattenlose Grieche… Ja, Olaf Scholz hat ein superduperbomben Ergebnis geholt, aber er hat erstens weder, wie von ihm selbst prophezeit, AfD und FDP aus der Bürgerschaft halten noch die Wähler aus ihrem warmen Häuschen locken können.

Noch mal kurz zur korrekten Einordnung dieser Wahl: In Hamburg leben 1,3 Millionen Wahlberechtigte, ein bisschen mehr als zwei Prozent aller deutschen Wähler. Davon ist nur etwa jeder Zweite überhaupt wählen gegangen - und von denen wiederum hat auch nur knapp jeder zweite die Scholz-SPD gewählt (das können Sie jetzt selber zu Ende rechnen). Für die Hälfte der Hamburger scheint es also keinen Unterschied zu machen, ob sie von der SPD allein oder von Rotgrün regiert werden, denn darum ging es ausschließlich bei dieser Wahl. Eine realistische Alternative dazu gab es nicht, dies ist die fromme Deutungsart, warum sich so wenige aufraffen konnten zu wählen. Die weniger erbauliche ist: Den Leute ist nicht nur das schnuppe, es ist ihnen insgesamt wurscht. Das Gemeinwesen muss ohne sie und ihre Mitwirkung auskommen. Was allerdings nicht heißen muss, dass sie nicht im nächstbesten Wuttrotteltross mitmarschieren oder gegen die Stromtrasse hinter ihrem Wochenendgrundstück mobil machen können. Aber das ist eine andere Geschichte.

Niederlage selbst abholen

Jedenfalls muss der vermeintliche Langweiler Scholz, was an sich ja schon eine komische Note hat, nun trotz alledem verstärkt die Frage beantworten, ob er nicht 2017 für die SPD gegen Angela Merkel antreten würde. (Was, nebenbei bemerkt, den aufregendsten Wahlkampf seit Scharping gegen Kohl verspräche; möge es uns erspart blieben!) Scholz verneint das natürlich brav und gebauchpinselt zugleich. Danke der Nachfrage. Kein Interesse. Man darf ihm das sogar abnehmen, für den Augenblick jedenfalls. Der Mann, der von sich mal sagte, er sei "liberal, aber nicht doof", ist auch selbstbewusst, aber nicht bescheuert. So wie es jetzt aussieht, könnte DIESE Bundes-SPD in drei Jahren mit George Clooney und einem "Freibier für alle und Gras-für den Rest"-Programm antreten und hätte gegen DIESE Kanzlerin nicht die geringste Chance. Offenkundig wollen die Deutschen seriös und spröde regiert werden, was gegen die Clooney-Variante spricht - und zwar vom Original, Merkel. Scholz weiß das genau. Nein, die blutige Nase soll sich ein Anderer holen. Beziehungsweise: der Andere.

Es ist im Prinzip ausgemachte Sache und daran ändert diese Wahl wenig: Selbst wenn SPD-Chef Sigmar Gabriel, der in vielerlei Hinsicht das Gegenmodell zu Scholz verkörpert, nicht selber wollen sollte, wird ihm nicht anderes übrig bleiben, als 2017 selbst den Spitzenkandidaten zu machen. Er wird sich selbst in die Pflicht nehmen müssen. Die SPD mag selten einer Meinung sein, in diesem Fall aber zeigt sie sich ausnahmsweise eigentümlich geschlossen. Wen man aus der Parteispitze auch auf die Kanzlerkandidatur anspricht in diesen Tagen, der antwortet: DIE Niederlage muss sich Gabriel dieses Mal selbst abholen. Der Preis, den er fürs Kneifen zahlen müsste, wäre hoch: der Parteivorsitz. Und wenn der Wahlsieger Scholz auf einen Posten schielt, dann auf diesen. Die SPD würde er schon gerne mal führen. Er ist ziemlich überzeugt davon, dass er es mittelfristig besser machen könnte als Gabriel, dass er die SPD wieder Richtung 30 plus dickes X und also gen Kanzleramt bugsieren könnte. Nach 2017.

Bis dahin ist es in Hamburg auch ganz schön…

Andreas Hoidn-Borchers kennt Scholz seit fast 20 Jahren - und mag vor allem sein schräges Lachen ("Hihichichichi, Pfruhuchurchrch"). Auf Twitter können Sie dem Autor unter @ahborchers folgen