VG-Wort Pixel

Und jetzt ... Django Asül Stell dir vor, es ist Terror ...

... und keiner geht hin. Im Angesicht bedrohlicher Bombenattrappen schreibt stern.de-Kolumnist Django Asül über Chefhumoristen im Berliner Senat, Harry Potters Schnitzeljagd und Billigwecker aus Namibia.

Stell dir vor, es ist Terror ... und keiner geht hin. So oder so ähnlich ist die derzeitige Gemütslage im deutschen Volke. Der konkreteste Hinweis des deutschen Innenministers war, man möge bitte die Augen offen halten. Wobei er damit explizit die Phasen des Nichtschlafens meinte. Aber auch dieser wohlgemeinte Rat ist eine Selbstverständlichkeit. Jeder Mensch hält die Augen auf. Nicht weil er Angst vor Terrorattacken hat, sondern weil er sonst gegen die nächste Straßenlaterne donnert.

Unbestreitbar hat jedoch der Terror eine neue Dimension erreicht. Die Terroristen werden immer perfider. Früher griffen sie immer zu Sprengstoff. Diese berechenbaren Zeiten sind vorbei. Siehe Namibia. Heutzutage braucht es nur noch einen Wecker und ein paar Kabel. Das wird dann eine Laptoptasche gesteckt und fertig ist ein Horrorszenario sondergleichen. Juristisch haben die Terrorbrüder von Namibia sowieso ein Eigentor geschossen. Ihnen droht eine Anzeige wegen Vortäuschens falscher Tatsachen. Nicht nur, weil die vermeintliche Bombe eine lächerliche Attrappe war. Auch die Terroristen waren nämlich Attrappen. Genau gesagt waren das Tester. Und da fühlte sich natürlich auch al Kaida mächtig verkohlt. Alle Welt vorverurteilte schon das Terrornetzwerk. Dabei steckt Stiftung Warentest dahinter. Selbst der Wecker soll eine Attrappe gewesen sein!

*

Damit werden sämtliche edlen Grundsätze des internationalen Terrorismus (Wohlstand für niemand und Ärger für alle) ad absurdum geführt. Wenn jetzt auch noch der deutsche Innenminister sämtliche prophylaktischen Antiterrormaßnahmen abblasen würde, wäre das eine gefährliche Beleidigung der echten hochqualifizierten Terroristen. Drum hält de Maizière den Hysteriepegel auf einem soliden Level. Getreu dem Motto: Ein Wecker ohne Sprengstoff (im fernen Ausland deponiert) ist mindestens so gefährlich wie Sprengstoff ohne Wecker (im nahen Inland deponiert). Sekundiert wurde de Maizière vom Chef der Bundespolizei. Der wähnt die Anschlagsgefahr auf einer Skala von eins bis zehn bei neun. Nach namibischer Ortszeit wäre das halb neun vormittags.

Somit ist klar: Der Ausnahmezustand muss her. Bis Ende Dezember sollen weder Polizisten noch Bundespolizisten Urlaub nehmen dürfen. Und wenn Urlaub, dann auch nur in Namibia oder um den Reichstag herum. Weil sich die Terroristen untereinander wohl nicht auf ein vernünftiges Anschlagsziel einigen konnten, waren diverse deutsche Dienste so behilflich und haben den Reichstag vorgeschlagen. So ist allen geholfen. Weder Attentäter noch Sicherheitskräfte müssen dann sinnlos herumirren, sondern können sich logistisch und mental ordentlich sortieren. Was auch dem Verkehrsfluss in der Hauptstadt sehr entgegen kommen sollte.

*

Aber auch unter den Berliner Politikern gibt es immer wieder Schlingel, die solche Sondersituationen dazu nutzen, um dem Schalk im Nacken freien Lauf zu lassen. Als Chefhumorist des Berliner Senats fungiert beim Thema Ausländer/Terror nach dem Abgang von Sarrazin neuerdings der Innensenator Körting. Der ließ folgende Aussage, die jetzt schon zum Klassiker der Gegenwartsliteratur taugt, vom Stapel: Wenn wir in der Nachbarschaft irgendetwas wahrnehmen, dass da plötzlich drei etwas seltsam aussehende Menschen eingezogen sind, die sich nie blicken lassen oder ähnlich, und die nur Arabisch oder eine Fremdsprache sprechen, die wir nicht verstehen, dann sollte man, glaube ich, schon mal gucken, dass man die Behörden unterrichtet, was da los ist.

Da kann man Herrn Körting nur gratulieren. Erstmals hat es jemand geschafft, Harry Potter, Schnitzeljagd, Big Brother, 11. September und Sprachdefizite unter Deutschen in einem Satz unterzubringen. Da bleibt nur zu hoffen, dass viele fremdländisch Aussehende erst gar nicht bis drei zählen können. Eigentlich schade, dass die Forderungen nach der Vorratsdatenspeicherung noch so leise sind. Ein gewisser Vorrat an Daten dient immer der Sicherheit. Das schreckt auch die Terroristen ab. Wenn zum Beispiel deutsche Behörden alle innerdeutschen Telefonate speichern und abhören dürfen, traut sich in Namibia keiner mehr, eine Uhr ohne Sprengstoff zu deponieren. So in etwa stellen sich die Vorratsdatenspeicherungsfanatiker vor. Das wäre dann quasi die telefonische Version von Facebook, aber powered by Bundesregierung statt von so einem Dämlack wie Zuckerberg. Wem das zu blöd ist, soll halt nicht mehr telefonieren. Oder hat etwas zu verbergen und weiß es selber womöglich noch nicht. Freiheit hat nun mal seine Grenzen. Und ein Verzicht auf Privatsphäre ist ein Klacks, wenn dadurch vermieden wird, dass Billigwecker aus Namibia importiert werden. Jedenfalls kann sich Deutschland nun in aller Ruhe auf die besinnliche Zeit freuen. Denn wenn demnächst etwas in Europa explodiert, dann nur der Euro. Das werden sich jedoch weder al Kaida noch Stiftung Warentest von der Kanzlerin in die Schuhe schieben lassen.

Django Asül live am 25./30. Nov und 1./2. Dez live im Lustspielhaus München


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker