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An einem blaustichigen Samstagmorgen lenkt ein Mann mit kahlem Schädel und jungenhaftem Gesicht seinen alten Kombi durch die sächsische Provinz. Neben ihm sitzt eine Frau, die er im Internet kennengelernt hat. Sein Ziel ist ein kleiner Markt in der tschechischen Grenzstadt Dolní Poustevna. Er hat seine Route gut geplant, verschlungene Wege, keine Autobahn, er wird den Wagen auf der deutschen Seite abstellen und das letzte Stück laufen. Justin Schmidt* will keinen Verdacht auf sich ziehen. Ein Kamerad und er haben einen tödlichen Plan.
Schmidt sitzt am Lenkrad wie eine Statue seiner selbst. Sein runder Körper verrät keine Regung. Sein Blick scheint auf der Landstraße zu haften, die vor ihm liegt. Draußen ziehen Felder vorbei, Dörfer, eine Tankstelle. Am Rückspiegel zittern zwei Duftbäume.
Es ist Mitte Januar 2025. Schmidt ist 21 Jahre alt, Kraftfahrer. Er lebt mit seinem Stiefvater in einer Kleingartensiedlung in Sachsen, am Rande eines Dorfs mit ein paar Hundert Einwohnern und einem Supermarkt. Sie haben dort eine Parzelle mit zwei Lauben. An ihrer Eingangstür hängt ein blaues Schild, "Führerbunker" steht darauf.
Schmidt sagt, er sei schon als Kind ein Rechter gewesen. Auch seine Kameraden seien rechts, einer habe mehr Anzeigen gesammelt als Lebensjahre. Einige kennt er aus derselben geheimen Chatgruppe wie die Frau auf seinem Beifahrersitz. Sie hatten in den vergangenen Monaten zeitweise rund 60 Mitglieder. Der Jüngste sei 15, sagt Schmidt, viele andere kaum älter.
Schmidt sagt, sie wollten ein großes Ding durchziehen, einen Anschlag.
Er ahnt offenbar nicht, dass die Frau auf dem Beifahrersitz nicht die neue Kameradin aus Berlin ist, als die sie sich ausgibt, sondern eine verdeckte Reporterin.
Dieses Stück gehört zu den Beiträgen des stern, die im Jahr 2025 die meisten Leserinnen und Leser interessiert haben. Sie finden alle Artikel auch gebündelt auf einer Sonderseite.
Das Leben von Teenagern dreht sich normalerweise um Schule und Klassenarbeiten, um Liebe, Partys und das erste Bier. Das Leben von Justin Schmidt und seinen Kameraden aber drehte sich zuletzt oft um Gewalt, Propaganda und einen nationalsozialistischen Umsturz. Er ist Teil eines Netzwerks, in dem sich Jugendliche aus ganz Deutschland zusammengefunden haben. In verborgenen Chatgruppen witzeln sie über vergaste Juden und schicken einander Videos von Anschlägen. Vor allem bestärken sie sich in dem Glauben, dass sie selbst zu Kriegern gegen die liberale Ordnung Deutschlands werden müssen. Zu Terroristen, die eine Machtübernahme vorbereiten.
Es gibt Dutzende solcher Gruppen. Manche sind miteinander verbunden, auch mit Gleichgesinnten aus Europa und den USA. Sie nennen sich "Der Störtrupp", "Elblandrevolte" oder "Deutsche Jugend Voran". Ihre Anhänger sind jung, teilweise eher Kinder als Jugendliche. Manche sind so gewaltbereit, dass sich Experten in den Sicherheitsbehörden an die Neunzigerjahre erinnert fühlen, an die sogenannten Baseballschlägerjahre. Damals zündeten Neonazis mehrere Flüchtlingsheime an, jagten und töteten Menschen.
Anfangs hielten Ermittler die neuen Gruppen für eine Mode in den sozialen Medien. Inzwischen sehen sie in ihnen einen Grund dafür, dass die Zahl rechter Straftaten im vergangenen Jahr so hoch war wie nie zuvor, mehr als 40.000. Von den Anhängern rechter Jugendgruppen, sagt das Bundeskriminalamt, gehe eine Gefahr aus, wie es in dieser Form seit vielen Jahren nicht zu beobachten war.
Justin Schmidts Clique heißt "Letzte Verteidigungswelle", kurz LVW. Sie wurde vor etwa drei Jahren gegründet, so sagen es Mitglieder. Lange Zeit war sie nur gut informierten Ermittlern in den Sicherheitsbehörden bekannt, vor einigen Wochen aber machte sie bundesweit Schlagzeilen.
Am 12. Februar, vier Wochen nach Schmidts konspirativer Besorgungsfahrt an die tschechische Grenze, schwärmte eine Sondereinheit der sächsischen Polizei aus, um Schmidts Laubengrundstück zu durchsuchen. Die Spezialkräfte fanden Sprengstoff und mehrere Waffen. Schmidt sitzt seither in Untersuchungshaft. Auch gegen zwei seiner Kameraden laufen Ermittlungen. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden wirft Schmidt vor, einen Anschlag auf ein Flüchtlingsheim geplant zu haben. Der Verfassungsschutz fordert, Gruppen wie die "Letzte Verteidigungswelle" zu verbieten.
All das hat viel mit Schmidts Fahrt nach Tschechien zu tun. Und mit den Recherchen von stern und RTL. Ein Reporterteam hat rund ein halbes Jahr im Inneren der "Letzten Verteidigungswelle" und anderer Gruppen recherchiert, mit getarnter Identität in geheimen Chats. Es hat eine verdeckte Reporterin eingeschleust und aus nächster Nähe miterlebt, wie organisiert solche rechten Terrorzellen in Deutschland sind; wie sie Kinder und Jugendliche ködern; wie sie Anhänger schulen und Waffen besorgen.
So haben die Reporter aufgedeckt, dass Justin Schmidt und einige seiner Kameraden mutmaßlich mehrere Straftaten begangen oder geplant haben. Auch solche, von denen Polizei und Staatsanwaltschaften offenbar nichts wussten. Die Ermittler bestätigen, dass sie von mindestens zwei Fällen oder ihren wahren Hintergründen erst durch Anfragen von stern und RTL erfahren haben.
1. Der Junge von nebenan
Am Rande der Gemeinde Altdöbern im Süden Brandenburgs steht, zwischen turmhohen Tannen und alten Linden, eine Ansammlung von Gebäuden auf einer Lichtung. Am Anfang war es ein altes Schützenhaus, 1894 gebaut, mit der Zeit ist es zu einer Art Gasthof mit Wohnhaus und Wirtschaftsgebäuden angewachsen. Ein zugezogenes Paar hat es zu einem in der Region bekannten Treffpunkt umgebaut, mit Café, Bar und Konzerten. Auch der Gemeinderat tagte dort. Neuerdings sieht der Hof aus wie die Kulisse eines Kriegsfilms.
Das Ziegeldach des Schützenhauses ist nur noch ein schmaler lehmroter Saum über den Außenmauern. Im Inneren formen eingestürzte Dachbalken ein Gebilde, das an das Gerippe eines riesigen Wals erinnert, dazwischen häufen sich die Trümmer dessen, was einmal eine Einrichtung war. Auch die Fassaden der anderen Gebäude sind geschwärzt von Ruß.
Im Oktober vergangenen Jahres hat ein Großbrand das Kulturhaus zerstört. Die Ruine dünstet noch einen Geruch von verkohltem Holz aus.
Die Betreiber, die auf diesem Hof leben, erzählen, sie seien in der Nacht auf den 23. Oktober geweckt worden von einem Klirren, als hätte jemand unzählige Glasflaschen zertrümmert. Gegen 1.40 Uhr hätten sie die Feuerwehr gerufen. Wenig später waren 46 Kräfte im Einsatz. Sie sahen, wie meterhohe Flammen durch Fenster und Dächer schlugen und Rauch, dicht und weiß wie Zuckerwatte, den von zuckendem Blaulicht gefärbten Himmel füllte.
Sie brauchten Stunden, bis sie das Feuer unter Kontrolle hatten. Es grenzt an ein Wunder, dass sie das Wohnhaus der Betreiberfamilie retten konnten und niemand ums Leben kam.
Die Brandenburger Polizei schickte Kriminaltechniker und kam bald zu dem Ergebnis, dass wahrscheinlich ein technischer Defekt den Brand verursacht hatte.
1.24 hab ichs angezündet
Allerdings fand das Reporterteam mehrere Hinweise darauf, dass jemand das Gebäude angezündet hat. Ein Jugendlicher aus der Gegend, Elias Plätzsch*, 15 Jahre alt. Der Elias sei einer von ihnen, ein netter Junge, sagen manche aus seinem Ort.
Plätzsch ist ein Kamerad von Justin Schmidt, aus der Chatgruppe der "Letzten Verteidigungswelle". Schmidt hat in den vergangenen Monaten viel von Plätzsch erzählt. Sie beide gehören zu denen, die in ihrer Clique oft das Wort führen.
Anfang Januar 2025 hat Plätzsch in ihrem Chat ein Video gepostet, einen Clip von 16 Sekunden, schnell geschnitten wie ein Musikvideo. Es zeigt einen offenkundig jungen Menschen mit Sturmhaube über dem Kopf, sein schmächtiger Körper steckt in einem Flecktarnanzug. Er steht vor dem Fenster eines langen, schmalen Gebäudes, schlägt eine Scheibe ein, spritzt eine Flüssigkeit ins Innere. Einen Moment lang passiert nichts. Dann züngeln Flammen, beginnt das Bild heftig zu wackeln, springt. Einen Augenblick später brennt das Gebäude lichterloh.
Das Gebäude sieht aus wie das Kulturhaus von Altdöbern. Die Form, der Baustil, die Fenstereinfassungen. Die Filmaufnahmen deuten also auf eine Brandstiftung hin, eine schwere Straftat, auch im Jugendstrafrecht. Und es gibt nicht allzu viele Möglichkeiten, wer sie gefilmt hat. Der mutmaßliche Täter oder jemand, der ihn begleitet hat.
Einige Zeit nach dem Brand schreiben mehrere Mitglieder der LVW Nachrichten in den Chat oder an Kameraden, die diesen Verdacht erhärten.
Ein Café in Brandenburg, schreibt einer.
Ein anderer mutmaßt, dass Plätzsch abgetaucht sei.
Schließlich schreibt Plätzsch selbst, "1.24 hab ichs angezündet". Er meint wahrscheinlich um 1.24 Uhr. Die Sirene sei erst später losgegangen, da sei er schon wieder zu Hause gewesen.
Außerdem legt die weitere Unterhaltung nahe, dass der Club vielleicht kein zufälliges Ziel war. Einer schickt eine Sprachnachricht, Plätzsch habe ein altes Café niedergebrannt, das "Zecken" gekauft hätten. Zecke ist in der rechten Szene ein Schimpfwort für Linksautonome, manchmal auch für Leute, die anders denken als sie.
Als Justin Schmidt unterwegs ist nach Tschechien, spricht er mit der Frau auf dem Beifahrersitz über den Brand in Altdöbern. Er sagt, dass Plätzsch einen Brandbeschleuniger benutzt habe. Und dass sie zusammen noch etwas geplant hätten.
Etwas Schlimmeres als diesen Brand. An diesem Samstag hätten sie zusammen dafür einkaufen wollen, an der Grenze.
Heute, gut ein halbes Jahr später, wertet die Staatsanwaltschaft Cottbus den Brand von Altdöbern als schwere Brandstiftung. Sie ermittelt gegen zwei Jungen, beide 15 Jahre alt. Sie lehnt es ab, über den Fall und die Ermittlungen zu sprechen. Allerdings gibt sie zu, dass auch eine Anfrage von stern und RTL die Ermittler auf die Spur der beiden geführt hat.
Ein abgebranntes Haus. Schüler und Jugendliche, die den Sicherheitsbehörden bisher kaum aufgefallen waren. Eine Chatgruppe, in der sie einander mit Gewaltfantasien anstacheln.
Macht endlich was und bewegt was, sonst ändert sich nie etwas.
Außerdem sollt ihr aufrüsten. Mit Messern, Schlagstöcken, Schlagringen, Böllern, Schreckschuss. Damit wir radikaler werden können.
Es muss wenigstens einen Toten geben.
Die Einblicke in Schmidts Gruppe zeigen beispielhaft, warum Experten des Bundeskriminalamts, Verfassungsschützer und Staatsschützer die neuen rechten Gruppen für so gefährlich halten. Sie beobachten mit Sorge, dass Kinder und Jugendliche kaum mehr als ein Smartphone und eine App brauchen, um in den Sog von Leuten zu geraten, die die deutsche Demokratie mit allen Mitteln bekämpfen wollen. Der Verfassungsschutz spricht von einer Turboradikalisierung im Internet, schnell und kaum zu kontrollieren.
Manchmal beginnt es mit einem Like auf Tiktok oder Instagram. Nach und nach locken Gleichaltrige sie in Chats von Gruppen, die sich geben wie eine terroristische Vereinigung. Die Mitglieder dieser Gruppen posten und teilen Propaganda, sie planen und feiern Schlägereien und Angriffe, die sie "Aktionen" nennen.
Diese Jugendlichen agieren nicht aus dem Untergrund wie früher die Rote Armee Fraktion oder der Nationalsozialistische Untergrund, kurz NSU. Sie sitzen in ihren Kinderzimmern.
2. Junge Liebe, Tattoos und der Raketenangriff
Justin Schmidt hatte sich früh am Morgen in sein Auto gesetzt, um am Hauptbahnhof in Dresden die neue Kameradin aus Berlin abzuholen, pünktlich um neun. Seine Gartenlaube liegt gut eine Dreiviertelstunde entfernt, gerahmt von einem Waldstück und einem See. Sein Zimmer ist fast ohne Möbel, eine Matratze auf dem Boden, an der Wand eine Reichskriegsflagge, vor den Fenstern Lamellenrollos. Ein Feldweg führt dorthin, am Rand liegen glatt geschnittene Baumstämme, zu großen Stapeln aufgetürmt.
Schmidts Leben, wie er es erzählt, handelt von einer Kindheit mit Wirren und einer Jugend im Freundeskreis älterer Männer. Sein Vater sei spurlos verschwunden, als er drei war. Irgendwann habe seine Mutter einen anderen Mann kennengelernt, der ihm ein Stiefvater wurde und in seinem Leben wichtig geblieben sei, nachdem die Mutter und er sich getrennt hätten. Schmidt sagt, er habe viele Abende mit dem Stiefvater und seinen Freunden verbracht. Einige seien Glatzen.
Als Schmidt am Dresdner Bahnhof eintraf und nach der vorgeblichen Kameradin aus Berlin Ausschau hielt, vibrierte der Chat der LVW auf seinem Handy wie ein Bienenstock. Seit dem Morgen waren zahlreiche Nachrichten eingegangen.
Ein Sondereinsatzkommando der Polizei war, im Umkreis des abgebrannten Kulturhauses von Altdöbern, vor einem Backsteinhaus mit weißem Gartenzaun vorgefahren und hat Elias Plätzsch festgenommen.
Eine andere Spezialeinheit hat ein weißes Mehrfamilienhaus in Schmölln, Thüringen, gestürmt und Yannik Matuschik* in Handschellen abgeführt. Auch er ist ein Kumpel aus Schmidts Gruppe, 18 Jahre alt und damit einer der Älteren in der LVW.
Nun, auf dem Weg ins Grenzgebiet, sagt Schmidt, dass die Sicherheitsbehörden jetzt vielleicht auch hinter ihm her seien. Er gehe davon aus, dass inzwischen Spitzel ihre Chats mitlesen.
Es ist noch nicht allzu lange her, dass Plätzsch und Matuschik sich in der Chatgruppe mit den Taten brüsteten und einander vorrechneten, wer dafür mehr Berichte und Aufmerksamkeit in den Medien bekam.
Anfang dieses Jahres hatten zwei vermummte Männer eine Asylunterkunft in Schmölln attackiert, eine Fensterscheibe eingeschmissen und eine Salve von Silvesterraketen auf die Fenster geschossen. Mit der Absicht, ein Feuer zu legen, wie die Polizei glaubt. Sie ermittelt wegen versuchter Brandstiftung.
Dieses Mal war es Matuschik, der ein Video teilte. Es zeigt zwei schwarz gekleidete Gestalten, die in etwas Abstand vor einem großen weißen Haus mit roten Dachgauben in die Hocke gehen, nur Augenblicke später schwirrt eine Flotte von Feuerschweifen durch die Dunkelheit, begleitet vom Donner der Detonationen. Die beiden Männer hasten über den schneebedeckten Vorplatz des Hauses davon, auf die Kamera zu.
Das weiße Haus ist eine Asylunterkunft in Schmölln. Etwa 50 Männer, Frauen und Kinder sind dort untergebracht, aus ihrer Heimat nach Deutschland geflohen.
Es dauerte nicht lange, bis Matuschik und andere in der Chatgruppe auch diesen Angriff besprachen. Und seine möglichen Folgen.
Wir kommen in den Knast, wenn das rauskommt.
Ach, wenn wir die Füße stillhalten, sind wir fein raus.
Wir geben uns gegenseitig ein Alibi.
Während Schmidt durch Wälder und Ortschaften in Richtung Tschechien gleitet, denkt er laut darüber nach, ob es Zufall sein kann, dass die Ermittler ausgerechnet heute bei Plätzsch und Matuschik aufgetaucht sind, alles durchsucht und Waffen und einiges mehr beschlagnahmt haben. An dem Tag also, an dem er mit den beiden ins Grenzgebiet fahren wollte, um das nächste Ding vorzubereiten, angeblich kühner und gewaltiger als alles bisher.
Schmidt fuhr noch durch Dresdner Außenbezirke, als sein Handy klingelte. Yannik Matuschiks Freundin meldete sich. Sie klang aufgekratzt und begann, von der Razzia am Morgen zu erzählen. Ein lautes Krachen der Wohnungstür, Viertel nach sechs. Dann Polizisten mit Schutzschild, die alles durchsucht und mitgenommen hätten, was ihnen verdächtig erschien. Yanniks Spielekonsole, Messer, seine vier Pistolen, die große Hakenkreuzflagge, die in seinen Videos gut sichtbar in der Mitte des Zimmers hing. Auch seine beiden Handys, mit allen Daten und Chats. Und Yannik selbst, die Hände gefesselt.
Die Freundin sagte, sie habe danach erst einmal versucht, das gröbste Chaos in seinem Zimmer zu beseitigen, das die Polizisten hinterlassen hätten. Dabei habe sie Liebesbriefe einer früheren Freundin gefunden. Sie habe sich das alles anders vorgestellt. Das erste Wochenende bei ihrem neuen Freund.
Als sie mit ihm zusammenkam, angeblich nur Wochen zuvor, war Matuschik längst Mitglied in der "Letzten Verteidigungswelle". Einmal stellte er sich mit einer Sprachnachricht vor.
So, ihr Juden. Ich bin Yannik, 18 Jahre alt, und komme aus Thüringen. Joa, ich hab Hakenkreuze tätowiert und bin ein rechter Skinhead. Heil Hitler!
Manchmal führte er seine Tattoos vor, schickte Fotos oder Videos. Auf den Oberschenkeln ein Hakenkreuz. Der Schriftzug "Blut und Ehre". Das Wort "Erschießungskommando", der Name einer rechtsradikalen Band.
Ich persönlich finde, das macht einen übel attraktiv, sagte er.
Auch solche Dinge, so sagen Ermittler, erklärten, warum sich Kinder und Jugendliche von der rechten Szene zunehmend angezogen fühlen. Sie habe eine Jugendkultur geschaffen, die längst mehr biete als Glatzen und Springerstiefel. Einen Lebensstil mit eigener Mode, Tätowierungen, Musik. Viele der jungen Rechten tragen die Haare gescheitelt und kurz an den Seiten wie Fußballstars, sportliche, dunkle Klamotten, dazu die Sneaker bestimmter Marken. Auch deshalb sei es in manchen Gegenden Deutschlands regelrecht angesagt geworden, rechts zu sein.
3. Abschiebehits und Machtfantasien
Die Landstraße nach Weifa schlängelt sich eine Anhöhe hinauf, ringsum nur Felder und Wald. Das Dorf, 600 Einwohner, gehört zum Landkreis Bautzen. An einer Seitenstraße in der Dorfmitte steht, im Schatten wuchtiger Tannen, ein Haus mit Spitzdach und dunkler Schindelfassade. Es war früher ein Ferienheim, heute ist es ein Hauptquartier der rechtsextremen Jugendkultur.
Die Rapper Proto und Kavalier, mit bürgerlichen Namen Kai Naggert und Dominik Raupbach, haben in einem Nebengebäude ein Studio, in dem sie ihre Songs aufnehmen und produzieren. Ein Mikrofon, Lautsprecherboxen, Computer und zwei große Bildschirme, an denen sie ihre Songs abmischen. Naggert ist 32 und vor fünf Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Weifa gezogen, Raupbach ist Anfang 20 und in der Gegend aufgewachsen. Raupbach sagt, er sei früher ein Anhänger von Proto gewesen; inzwischen treiben sie die gemeinsame Sache voran.
An diesem nebelverhangenen Nachmittag probieren Naggert und Raupbach, beide in schwarzem Kapuzenpulli, in ihrem Studio ein paar neue Ideen aus. Die Melodien ihrer Songs sind so eingängig, dass sie in jeder Kneipe am Ballermann laufen könnten. Ihre Texte handeln von starken Männern, einem deutschen Land und Abschiebungen.
Wir sind weiß, männlich, kampfbereit
Düsi, düsi, jetzt wird abgehoben. Düsi, düsi, du wirst abgeschoben
Jetzt wird das ganze Land blauer. Wir sprengen die Brandmauer
Naggert sagt, dass sie ihre Musik als politischen Aktivismus verständen. "Unsere Lieder sind definitiv dafür da, um wachzurütteln." Der sächsische Verfassungsschutz beobachtet die beiden, ihre Plattenfirma und eine "fortschreitende Radikalisierung", die insbesondere junge Menschen anspreche.
Naggert und Raupbach verstehen es, Trends und Moden aufzugreifen, mit ihren Songs erreichen sie im Internet Hunderttausende Menschen. Sie vertreiben mit ihrem Label Klamotten, auf Youtube geben sie Videoanleitungen für Krafttraining. Sie bieten das Lebensgefühl an, das die Sicherheitsbehörden meinen. Und sie nutzen die Macht der sozialen Medien geschickter als andere, ähnlich wie die AfD.
Kurz vor der Bundestagswahl im Februar haben sie einen Song veröffentlicht, mit dem sie für die Partei warben. Die holte anschließend in Weifa rund 54 Prozent der Stimmen, die absolute Mehrheit. Naggert sagt, er wolle Brücken bauen. Brücken zwischen radikalen rechten Bewegungen und Parteien wie der AfD, dem Dritten Weg oder der Heimat.
Die Sicherheitsbehörden beobachten seit einiger Zeit, dass sich Lager der rechten Szene, die einander früher argwöhnisch belauerten, plötzlich zusammentun. Die Erfolge der AfD befeuerten ihre Hoffnung, ein anderes Deutschland zu errichten.
Die Sonne streut gleißendes Licht über die Landstraße, Justin Schmidt hört Bands mit heiserem Gesang und scheppernden Gitarren. Auf die Politik und die Zukunft blickt er ähnlich wie Naggert und Raupbach. Die AfD, sagt er, sei okay für den Übergang. Aber nach und nach solle eine Partei an die Macht kommen, die Politik "für das Volk" mache. Wie früher die Partei Adolf Hitlers.
Schmidt taucht hinter seinem Lenkrad in der Geschichte des 20. Jahrhunderts ab, Nationalsozialismus, Kommunismus, die Weltgeschichte, ihre Führer. In seinem Kopf scheint sich alles zu einem großen Ganzen zu fügen.
Auch für seine Gruppe, die "Letzte Verteidigungswelle", denkt er groß. Er spricht von Kursen und Trainings, von Waffenkunde und Schießübungen für den gemeinsamen Kampf. Einige seiner Kameraden sind längst dabei, sich mit anderen Gruppen und den Ablegern rechtsextremer Parteien zu verbinden, jung, radikal und im Visier der Verfassungsschützer.
4. Ein tödlicher Plan
Am späten Vormittag passiert Justin Schmidt mit seinem dunkelblauen Kombi den Ortseingang von Sebnitz, er lenkt den Wagen in ein Wohngebiet, in einer schmalen Straße mit Gründerzeitbauten parkt er. Einen kurzen Fußmarsch später stehen er und seine Begleiterin in Dolní Poustevna, auf der tschechischen Seite der Grenze. In Schmidts linker Hand dampft Kaffee in einem Pappbecher, mit der anderen fingert er sein Handy aus der Jackentasche und öffnet einen Lageplan. Er sucht einen kleinen Asialaden.
Der Laden ist Teil eines Schwarzmarkts, ein bekanntes Ausflugsziel der rechten Szene. Es gibt dort Schlagringe und Butterflymesser, Schreckschusspistolen und Munition. In Deutschland sind diese Sachen nicht so einfach zu bekommen, manche verboten. Auf dem Markt aber gibt es sie für kleines Geld, wenn man sich auskennt. Die Verkäufer fragen selten nach Alter oder Ausweis.
Schmidt schlurft, den Blick auf sein Handy gerichtet, durch Straßen und Gassen. Nach einer Weile steht er in einem Verschlag, in dem quietschbunte Shirts und Pullover in langen Reihen hängen und vollgestopfte Regale bis unter die Decke reichen.
Schmidt steuert auf eine Glasvitrine zu. Ein Verkäufer kommt auf ihn zu, ein älterer Mann, Schmidt deutet auf ein großes Springmesser. Der Verkäufer zieht es heraus und legt es auf den Tresen.
Schmidt fragt, ob es noch größere Messer gebe. Der Verkäufer verschwindet und kehrt mit einem Messer zurück, das etwa so lang ist wie ein Brotmesser.
Schmidt nickt, nimmt er. Aber er sucht noch etwas. "Kugelbomben, wie letztes Mal?", fragt er.
Der Verkäufer führt Schmidt und seine Begleiterin in eine Ecke des Ladens, zu einem großen schwarzen Reisekoffer, der flach auf dem Boden liegt. Mit geübten Handbewegungen zieht er den Reißverschluss auf. Der Koffer ist voller Kugelbomben, manche groß wie Bowlingkugeln.
Erst kürzlich, in der Silvesternacht, haben Kugelbomben wie diese mit ihrer Sprengkraft in mehreren deutschen Städten Wohnungen verwüstet oder Menschen getötet. Sie dürfen nur an professionelle Pyrotechniker verkauft werden, die sich ausweisen können. In diesem Laden aber gibt es sie, die gefährlichste kostet 38 Euro.
Schmidts Blick taxiert die Kugeln, er scheint zu überlegen, schließlich deutet er auf eine der größeren Bomben. "Zweie von denen", sagt er.
Der Verkäufer packt sie in einen Karton, schiebt ihn über den Tresen, stellt keine Fragen. Schmidt bezahlt mit einer Karte.
Auf dem Weg zum Auto beginnt er seiner Begleiterin zu erzählen, was er mit den Kugelbomben vorhabe. Ein Asylheim in Senftenberg, sagt Schmidt. Die Kreisstadt im Süden Brandenburgs hat in einem eierschalenfarbenen Haus rund 50 Flüchtlinge untergebracht. Er wolle, sagt Schmidt, die beiden Bomben in dieses Gebäude werfen.
Später wird er erzählen, wie genau er und sein Kumpel sich diesen Anschlag vorstellen. Erst eine der Bomben in das Heim schmeißen, durch ein Fenster und am besten in eines der unteren Zimmer. Die unteren Zimmer ständen oft leer. Das heiße, dass es länger dauere, bis jemand den Brand bemerke. Und irgendwann die zweite Bombe. Und wenn Vorhänge und Stühle erst einmal Feuer gefangen hätten, könnten sich die Flammen schön ausbreiten.
Es würden dabei sicher Menschen sterben, sagt seine Begleiterin.
Schmidt nickt, der Elias wolle ihm helfen.
Elias Plätzsch, einer der beiden mutmaßlichen Brandstifter von Altdöbern, hatte kurz vor seiner Festnahme im Chat der Gruppe daran erinnert, dass sie auf dem Markt Kugelbomben kaufen müssten. Und Schmidt hatte geantwortet, es müsse wenigstens einen Toten geben.
Junge mutmaßliche Brandstifter, die Angriffe auf Asylunterkünfte vorbereiten. Die offenbar planen, dass in den Flammen Menschen sterben. Das alles wirkt wie ein Echo der Vergangenheit. Es erinnert an Hoyerswerda und Lichtenhagen, an Mölln und Solingen. Es erinnert auch an den NSU, die Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe aus Jena, die in den Nullerjahren neun Migranten und eine Polizistin ermordeten, mitten in Deutschland. Die jahrelang die Ermittler narrten.
Es ist Mittag geworden, als Schmidt vor der offenen Kofferraumklappe seines Kombis steht und ausprobiert, wie er die Kugelbomben so verstauen kann, dass sie auf der Fahrt möglichst nicht heiß werden und bei einer Polizeikontrolle nicht auffallen.
Schmidt sagt, dass seine Gruppe es machen sollte wie der NSU, wie Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. "Anschläge auf Kanaken", sagt er.
Auf der Rückfahrt fliegt hinter der Windschutzscheibe die Landschaft an ihm vorbei. Aus den Lautsprechern scheppert der Song einer seiner Lieblingsbands.
Deutschland, Deutschland, Heimatland
Sieg Heil, Deutschland
5. Die Razzia
Am Ende eines Feldwegs hakelt Justin Schmidt das Gatter seines Gartengrundstücks auf. Er trägt ein weißes Kurzarmshirt, Hosenträger, Jeans und Springerstiefel, in seinem Mundwinkel klemmt eine Zigarette. Die Sonne legt ein helles Netz über ein Waldstück im Landkreis Meißen. Es ist Mitte Februar.
Schmidt hat die neue Kameradin aus Berlin eingeladen, er begrüßt sie mit einer angedeuteten Umarmung. Er hat ihr erzählt, dass dieser Garten so etwas ist wie sein geheimer Ort. Sein Stiefvater und er hätten eine Wohnung in einer der umliegenden Gemeinden, dort seien sie gemeldet, aber selten anzutreffen. In Wahrheit lebten sie in einer Gartenkolonie. Er hatte der Kameradin keine Adresse genannt. Erst als sie am Morgen losfuhr, schickte er ihr einen Ortsmarker aufs Handy.
Schmidt zieht die Tür zu seiner Laube auf, die Luft darin ist kühl und feucht. Er zeigt der Kameradin seine Laube, sein Zimmer, unter dem Bett der Karton mit den beiden Kugelbomben, die er in Tschechien gekauft hat.
Wenig später führt er sie zu einer Lichtung, zeigt ihr Griffe und Techniken für den Nahkampf. Erzählt ihr, wie er am Dresdner Hauptbahnhof einen Mann erschossen habe im Herbst 2021, er war 17 damals. Er nennt Details und spielt ihr einige Momente vor.
Als es dunkelt, stehen sie mit seinem Stiefvater um einen Steinofen. Der sagt, er sei früher selbst in der rechten Szene gewesen. Er erzählt von seiner wilden Zeit und dass er nach Hoyerswerda fahren wollte, als sich dort Randale abzeichnete.
Der Name der sächsischen Kleinstadt steht für eine Serie rassistischer Angriffe, die im September 1991 das ganze Land entsetzte. Sie endete damit, dass mehrere Dutzend Neonazis mit Steinen und Molotowcocktails ein Wohnheim angriffen, in dem ausländische Arbeiter lebten. Die Polizei sah zu, Anwohner klatschen Beifall.
Nur Tage nach dem Besuch der Frau aus Berlin postieren sich in einem Waldstück nahe der Laube mehrere dunkle Fahrzeuge im Unterholz. Als die Dämmerung einsetzt, schießen sie über den Feldweg und halten vor Schmidts Gartengrundstück. Mehrere Männer mit Sturmhauben und schusssicheren Westen eilen auf den Eingang zu. Kurz darauf liegt Schmidt bäuchlings auf dem Rasen, und ein Polizist des Sondereinsatzkommandos bindet seine Hände zusammen.
Am nächsten Tag sagt der sächsische Innenminister, der Fall zeige, wie wichtig es sei, den Verfolgungsdruck auf die rechtsextreme Szene weiter hochzuhalten. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei habe mutmaßlich einen Sprengstoffanschlag auf ein Übergangswohnheim in Senftenberg verhindert. Die Einsatzkräfte hätten zwei industriell hergestellte Kugelbomben sichergestellt. Außerdem Schlagringe, Einhandmesser, Munition, Schreckschusswaffen und mehr. Ein anonymer Hinweis, heißt es, habe die Ermittler auf die Spur geführt. Er kam von der verdeckten Reporterin von stern und RTL, der angeblichen Kameradin aus Berlin.
Nun, Ende April 2025, sitzt Schmidt in einem sächsischen Gefängnis in Untersuchungshaft, sein Kamerad Matuschik im thüringischen Arnstadt, Plätzsch dagegen hat die Polizei wieder entlassen. Die Ermittlungen zu Schmidts mutmaßlichem Anschlagsplan, den mutmaßlichen Brandanschlägen von Altdöbern und Schmölln laufen noch. Allerdings haben die Ermittler offenbar nichts gefunden, was auf die Schießerei und den Toten am Dresdner Hauptbahnhof hindeuten würde, von dem Schmidt mehrfach erzählt hat. Kann es sein, dass er einen Mord erfunden hat?
Man wüsste gern, was er dazu sagt. Und auch, was er, Plätzsch und Matuschik zu den Anschlagsplänen und den anderen Vorwürfen der Ermittler sagen. Das Rechercheteam hat versucht, sie zu sprechen, oder ihnen Fragen geschickt. Geantwortet hat nur Yannik Matuschik. Er bestätigt, Mitglied der Gruppe "Letzte Verteidigungswelle" gewesen zu sein; seine Festnahme; Gegenstände, die die Ermittler bei ihm sichergestellt hatten. Auch dass er am Tag seiner Verhaftung mit Schmidt und zwei anderen ins tschechische Grenzgebiet fahren wollte. Alle Fragen zu den mutmaßlichen Anschlägen in Schmölln und Altdöbern ließ er unbeantwortet, er wolle sich während der laufenden Ermittlungen nicht selbst schaden. Von den Kugelbomben und einem Angriffsplan auf eine Flüchtlingsunterkunft habe er nichts gewusst.
Solange es kein Urteil gibt, gilt für alle drei die Unschuldsvermutung.
An einem Mittag furcht ein Traktor einen Acker, während Schmidts Stiefvater seinen Kleinwagen vor seinem Gartengrundstück parkt. Er trägt eine Baseballkappe, ein silbriger Bart wuchert in seinem von Falten zerfurchten Gesicht. Auf der Rückbank sitzt ein Schäferhund.
Ein Vierteljahr fast ist vergangen, seit Spezialkräfte seinen Ziehsohn geholt haben. Er werde dazu nichts sagen, sagt der Stiefvater. Schon gar nicht der Systempresse. Ein paar Meter hinter ihm steht Schmidts blauer Kombi. Auf den Sitzen ein paar seiner Sachen. Ein Passfoto, eine Parkscheibe und eine zerknüllte Deutschlandflagge.
*Namen geändert
Das gesamte Rechercheteam: Jonas Fedders, Markus Frenzel, Angelique Geray, David Holzapfel, Tina Kaiser, Frederik Mittendorff, Marc Neller.
Koordination: Tina Kaiser, Tim Kickbusch, Marc Neller.
Verifikation: Michael Lehmann
Weiteres zu Rechtsterrorismus: Die zugehörige Doku "stern Investigativ." können Sie auch bei stern.de und RTL+ abrufen.
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