Unicef-Studie Deutschland nur bedingt kindertauglich


Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen hat eine Studie über Kinderfreundlichkeit vorgestellt. Dabei schnitt Deutschland deutlich schlechter ab als skandinavische Länder. Auf den hinteren Plätze liegt die mächtigste Nation der Welt.

Die erste internationale Vergleichsstudie zur Situation der Kinder in Industriestaaten hat für Deutschland ein ernüchterndes Bild erbracht. Die Bundesrepublik kam in der in Berlin vorgestellten Unicef-Erhebung auf Rang elf und liegt damit im Mittelfeld. "Deutschland erreicht in allen Dimensionen nur durchschnittliche Werte", hieß es darin. Als Sieger ermittelte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen die Niederlande, gefolgt von Schweden, Dänemark und Finnland. "Besonders schlecht schneiden Großbritannien und die USA ab."

Die Unicef-Vorsitzende Heide Simonis griff die deutsche Politik scharf an. Versprechen und Ankündigungen deckten sich nicht mit dem Handeln, sagte sie. "Deutschland steht überhaupt nicht gut da", sagte Simonis vor der Vorstellung der Studie im Bayerischen Rundfunk. "Hier muss was gemacht werden." Ähnlich äußerte sich der Wissenschaftler Hans Bertram von der Berliner Humboldt-Universität, der den internationalen Vergleich durch eine vertiefende Studie für Deutschland ergänzt hat. "Politik für Kinder ist in Deutschland meist nur Mittel zum Zweck, um Arbeitsmarktprobleme zu entschärfen oder die Rentenkassen zu füllen", sagte er. Es fehle ein Gesamtkonzept.

Deutliche regionale Unterschiede

Eine eigene Teilstudie für Deutschland zeigt deutliche regionale Unterschiede. So sind Kinder besonders in den Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg in hohem Maß armutsgefährdet. Fast 40 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen hätten angegeben, dass ihre Eltern mit ihnen "nie richtig reden" würden, sagte Simonis weiter. Solche Faktoren sagten über das Wohlbefinden eines Kindes fast mehr als die Tatsache, wie viel Geld man in der Hand habe. Kinder würden in Deutschland offenbar weniger als eine Bereicherung angesehen und mehr als ein Kostenfaktor und eine Beschwernis, beklagte die Unicef-Vorsitzende im rbb-Inforadio.

Familienministerin Ursula von der Leyen sei mit ihrer Forderung nach besserer Kinderbetreuung auf dem richtigen Weg. "Wir brauchen Ganztagseinrichtungen, wir brauchen Einrichtungen, wo Kinder mittags was Warmes zu essen kriegen, wir brauchen frühkindliche Betreuung", sagte Simonis. Das traditionelle Familienmodell, bei dem der Vater arbeiten gehe und die Mutter sich zu Hause um die Kinder kümmere, sei nicht mehr allein die Realität. "Wir haben ganz andere Formen von Familie", betonte Simonis. Dafür müssten gesellschaftliche Angebote gemacht werden.

Untersucht wurde die Lage der Kinder in 21 Industriestaaten nach den Kriterien materielle Situation, Gesundheit, Bildung, Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen, Lebensweise und Risiken sowie eigene Einschätzung der Jungen und Mädchen.

Reuters/AP AP Reuters

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