HOME
Porträt

Macht- und Familienmensch: Ursula von der Leyen: Die Chefin

Ursula von der Leyen ist anders als andere Politiker. Unser Autor erlebt das seit vielen Jahren aus der Nähe. Wer ist die Frau, die Präsidentin der mächtigen EU-Kommission werden soll?

Ursula von der Leyen spricht bei ihrer Bewerbungsrede vor den Abgeordneten des Europaparlaments

Als ich sie das erste Mal sah, thronte sie auf einem Sitzball. Es war ein großes grünes Plastikding, sie hüpfte damit durch ihr Büro, kreuz und quer, und ihre langen blonden Haare hüpften mit. Sie lächelte und sagte, dass das alles wahnsinnig gut für ihren Rücken sei. Dann fragte sie, etwas atemlos vom Rumgehüpfe: "Und? Geht es Ihnen gut?"

Über 14 Jahre ist das jetzt her, Ursula von der Leyen war damals noch Sozialministerin in Niedersachsen. Das ist nicht unbedingt ein Job, mit dem man in die Schlagzeilen kommt. Aber sie hatte es geschafft, sie wirbelte mit, als es auf Bundesebene um die Einführung einer "Kopfpauschale" in der Krankenversicherung ging, und daheim in Niedersachsen sorgte sie für Aufsehen, als sie nicht nur das Blindengeld kürzte, sondern auch noch für die Kantine ihres Ministeriums ein komplettes Alkoholverbot erließ.

In der CDU sagten sie: Da ist eine in der Provinz, Riesentalent, die wird mal was, die müssen Sie sich angucken. Also guckte ich sie mir an.

Bullerbü-Feeling im Zuhause von Ursula von der Leyen

Einen ganzen langen Tag fuhren wir über Land. Wir waren bei den Landfrauen in Jever, in einer Klinik in Wittmund, in einem Mehrgenerationenhaus in Leer. Einmal ließ von der Leyen ihren Fahrer sogar kurz bei sich zu Hause halten. Sie eilte in ein rotes Backsteinhaus mit einer weißen Eingangstür, an der ein geflochtener Kranz hing. Hier wohnte sie also mit Mann und sieben Kindern, Ziegen und Ponys, umgeben von Wiesen und Weiden. Es sah aus wie in Astrid Lindgrens Bullerbü.

"Das ist doch genau mein Thema", sagte sie, als sie wieder ins Auto stieg. "Wie schaffen wir eine Welt, in der Bullerbü für Familien möglich ist, aber eben in den modernen Strukturen von heute?" Dann zog sie einen Labello-Stift aus ihrer Handtasche, machte damit ihre Lippen schön geschmeidig und rief ihren Staatssekretär an. "Ich bin’s, von der Leyen. Stör ich? Gut. Drei Dinge: erstens …, zweitens …drittens …"

Alles war schon damals da. Alles, was sie als Mensch und Politikerin ausmacht, bis heute, wo sie zur mächtigsten Frau Europas aufsteigen will. Ihre Fähigkeit zum Pathos, mit der sie ihre Ziele bis ins Kitschige überhöhen kann. Ihre Schnelligkeit und Effizienz, die sie wie selbstverständlich auch von ihrer Umgebung erwartet. Ihre unverwüstliche Heiterkeit, die eine eigenartige Verbindung eingeht mit protestantisch eingefärbter Verzichtsbereitschaft.

Latte macchiato bringt sie durch den Tag

Im Auto zog sie sich eine dünne Strickjacke an und fühlte sich wohl, einmal stoppten wir an einer Tankstelle, sie holte sich einen Latte macchiato, den sie offenbar als Grundnahrungsmittel einstufte. Richtiges Essen hielt sie den ganzen Tag über für entbehrlich.

Dafür erzählte sie mir ihr halbes Leben. Ihre Zerrissenheit als junge Mutter zwischen Kindern und Karriere: "Was hab ich am Anfang für ein schlechtes Gewissen gehabt!" Ihre Anfänge in der Parteipolitik: "Als ich in meinem Kreisverband auftauchte, sagten sie: 'Und, wo waren Sie eigentlich die letzten 15 Jahre?'" Ihre Zeit als Assistenzärztin in einer Geburtsklinik: "Wissen Sie eigentlich, wie diese jungen Babys riechen? Die riechen einfach wahnsinnig gut!" Schlimm sei nur der unter jungen Müttern verbreitete "Nikotin-Abusus".

Abends setzte sie mich noch netterweise am Hauptbahnhof in Hannover ab, und als ich, nach mehr als acht Stunden mit ihr, allein in der Bahnhofhalle stand, hatte ich zwei Gedanken. Der erste: 'Was für eine Frau!' Der zweite: 'Jetzt sofort eine Zigarette und ein eiskaltes Bier, endlich.' Denn "Nikotin-Abusus" und Bier in der Gegenwart von Ursula von der Leyen – das ging irgendwie nicht, das war von Anfang an klar. Sie hat eine unfassbare Energie. Aber sie zieht, typisch für Machtmenschen, auch viel Energie aus ihrer Umgebung ab.

Unterwegs als ihr Schatten

Nur wenigen Politikern bin ich so auf die Pelle gerückt wie ihr. Zusammen sind wir Hubschrauber geflogen und "Transall" , wir waren in New York und Paris, in Bamako und Senden-Bösensell. Ich habe sie nach ihren Anfängen in Niedersachsen in Berlin als Familien-, Arbeits- und Verteidigungsministerin erlebt. Dass sie mich mal ihren "Schatten" nannte, weil ich möglichst bei keiner Gelegenheit von ihrer Seite wich, zeigt, dass es für sie nicht jederzeit angenehm war.

Zuletzt sagte sie, wenn ich ihr im Bundestag über den Weg lief: "Kommen Sie doch mal wieder vorbei!" Ich glaube, dass sie als Verteidigungsministerin einsam war in ihrem Amt, in dem vor ihr schon so viele Politiker verschwanden, wie in einem dunklen Loch.

Aus der jungen Sitzball-Hüpferin von einst wurde über die Jahre eine Staatsfrau. Man konnte sehr gut studieren, wie die Politik, diese menschenvertilgende Suchtmaschine, von ihr Besitz ergriff. Ihre mädchenhafte Zopffrisur wich einem Drei-Wetter-Taft-Helm. Ursula von der Leyen wurde schneller, fordernder. Und härter, auch zu sich selbst.

Einmal, es war in ihrer Zeit als Arbeitsministerin, besuchte ich sie frühmorgens in ihrem Büro. Die Flure waren noch leer. Die Nacht hatte sie wenige Meter hinterm Schreibtisch verbracht, in einer kleinen Mönchsklause, nur durch eine Tür getrennt von ihrem Büro. Darin: Bett, Stuhl, Fernseher und ein winziges Bad, sonst nichts.

Gar nicht erst wohlfühlen in Berlin

Sie ging in die Pantry auf dem Flur, drückte bei der Kaffeemaschine zweimal auf die Taste "Milchkaffee" und erzählte: "Leben tue ich zu Hause. Ich will mich in Berlin gar nicht wohlfühlen." Und die Kinder? Fünf seien ja schon aus dem Haus – und es gebe ja die wunderbar praktische Smartphone-App "Family Talk".

Alles gut also? Es passte nicht ganz zu dem, was sie mir auch mal erzählt hatte. Wie sie in jungen Jahren nach Hause kam und ihr im Flur die Kinder entgegenstürmten: "Sie kamen angeflogen, so richtig wusch! Ich konnte nicht mal meine Tasche abstellen. Das kann ich jetzt. Aber manchmal denke ich: Wie schön wäre es, wenn mir noch mal das Chaos entgegenquellen würde."

Dass ich noch ohne Kinder war, fand sie, gerade in ihrer Zeit als Familienministerin, unbegreiflich. Amt und Mensch kamen in besonderer Weise zur Deckung, nur deshalb konnte ihr bundesweiter Feldzug für Elterngeld und Kita-Ausbau eine solche Wucht entfalten. Ich erinnere mich gut an die quasireligiöse Atmosphäre, die ihre Auftritte umwehte: Erst malte sie düstere Bilder von einem Land, in dem "bald kein Kinderlachen mehr zu hören ist" . Um dann politische Erlösung zu versprechen von der Geißel niedriger Geburtenraten.

Ein Leben ohne Kinder? Schwer vorstellbar

Ursula von der Leyen ist ein "Familientier" durch und durch, ein Leben ohne Kinder ist für sie, auch wenn sie das so nie sagen würde, im Grunde kein richtiges Leben. Oft erzählte sie mir von der "Fertilitätssprechstunde", die sie als junge Ärztin abhielt, von den "vielen älteren, eleganten, kontrollierten Frauen", die sie dort erlebte. Von der Sehnsucht dieser Frauen nach einem Kind. Von der Zeit, die ihnen weglief. Auch von den Tränen, die dort flossen.

Meine Kinderlosigkeit weckte in ihr missionarischen Überzeugungseifer. Mein Gott, was hat sie auf mich eingeredet! Eine Zeit lang gab es keine Begegnung, bei der sie mich nicht zur Familiengründung aufgefordert hätte. Als es dann so weit war und ich ihr erzählte, dass ich als junger Vater sehr glücklich sei, jubelte sie: "Sehen Sie? Ich habe es Ihnen immer gesagt! Sie wollten es mir nicht glauben, aber ich hatte recht!" Recht haben ist ein gutes Gefühl. Ursula von der Leyen hat es in meinem Fall ausgiebig genossen.

Sind wir uns nahegekommen? Nähe ist ein ambivalenter Begriff. Journalisten sind auf Nähe angewiesen, wenn sie Politiker wirklich verstehen wollen. Aber zu viel Nähe ist gefährlich. Niemals dürfen Politiker und Journalisten das Gefühl haben, dass sie im selben Boot sitzen.

Ein Satz, der elegant die Hierarchie zeigt

Kann man Ursula von der Leyen überhaupt nahekommen? Ja, aber nur in Grenzen. Selbst wenn man viel Zeit mit ihr verbringt, bleibt doch ihre Aura von Höherer-Töchter-Schule, und ihre dauerlächelnde Freundlichkeit ist immer von der Art, mit der man sich notfalls auch gut die Leute vom Leibe halten kann. Für den Fall, dass man als Journalist trotzdem nicht lockerlässt, hat sie sich einen schönen Satz zurechtgelegt, der die für sie selbstverständliche Rangordnung auf elegante Weise wiederherstellt: "Strengen Sie mich nicht so an!"

"Mama, was macht eigentlich die Bundeswehr? Ist das gefährlich?", wollte eine ihrer Töchter wissen, als von der Leyen das Amt der Verteidigungsministerin übernahm. Ja, es ist gefährlich, und es wurde immer gefährlicher – für sie selbst. Ursula von der Leyen war im Bendlerblock in der Hochrisikozone der Politik angekommen.

Als ich vor einigen Wochen an Bord einer Luftwaffenmaschine auf dem Rückflug von Washington mit ihr sprach, erzählte sie mir vom Handy, das immer eingeschaltet auf dem Nachttisch liegen müsse. Ein Gefühl war von nun an ihr ständiger Begleiter: Es kann dich jeden Tag erwischen. An diesem Mittwoch nun will sie das Amt der Verteidigungsministerin abgeben – egal, wie die  Abstimmung im EU-Parlament ausgeht. Sie wolle ihre "volle Kraft in den Dienst von Europa" stellen, twitterte sie am Montagnachmittag.

Die ständige Frage nach dem Wehretat

Als Verteidigungsministerin hatte sie sich festgefressen zwischen all den Rüstungspannen und Beraterskandalen. Und dazu noch die Amerikaner, die fragen: "Örssolla, what about your budget?" – "Ursula, was ist mit deinem Wehretat?" Kein USA-Besuch ohne dieses nervige, auf Erhöhung der Rüstungsausgaben drängende: "Örssolla, what about your budget?" Am Ende des Gesprächs war ihr Dauerlächeln verschwunden, mir fiel auf, wie viel Härte in ihrem Gesicht stecken kann. Aber sie war immer noch wild entschlossen, diesen Kampf zu gewinnen. So wollte eine Ursula von der Leyen nicht vom Feld gehen.

Das tut sie jetzt doch. Um ein Haar wäre sie als die große Unvollendete in die Geschichte eingegangen. Die Frau, die lange als Kanzlerin im Gespräch war und einmal auch als Bundespräsidentin – aber beides nicht wurde. Und jetzt, wenn das EU-Parlament mitmacht, im letzten Moment: ein Ausstieg, veredelt als Aufstieg. Auf höchste Höhen.

Sie war gerade Verteidigungsministerin geworden, da begleitete ich sie auf einem Inspektionsbesuch beim Führungsunterstützungsbataillon 381 in Storkow. Am Ende ihres Rundgangs traf sie auf zwei Feldjäger mit ihren Diensthunden. Spontan sagte sie zu einem der Hunde: "Setz dich mal". Der Hund setzte sich. Sie lobte: "Feiiiner Hund!" Dann sagte sie: "Jetzt leg dich mal hin." Der Hund legte sich hin.

In diesem Moment, den Hund zu ihren Füßen, wirkte Ursula von der Leyen ganz bei sich. Knappe Anweisung – schnelle Reaktion: Das schien dieser machtbewussten Frau sehr zu gefallen. Ich glaube, sie findet, dass die Welt insgesamt so doch eigentlich ganz gut funktionieren könnte. Aber natürlich weiß sie, dass Europa so nicht funktionieren kann. Denn sie ist nicht nur eine sehr machtbewusste Frau. Sie ist auch eine sehr kluge Frau.