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Personalmangel und Drogenmissbrauch Verliert der Staat die Kontrolle über Deutschlands Gefängnisse?

Die JVA Diez
Die JVA Diez
© Felix Schmitt / STERN
Um die Zustände in deutschen Gefängnissen steht es nicht zum Besten. Drogenhandel bestimmt den Alltag, Gefangene klagen über mangelnde Resozialisierungsangebote und schlechte medizinische Versorgung. Und überall fehlt Personal.

"Es gibt Zeiten, da kommt der Krankenwagen täglich zur Anstalt", erzählt ein ehemaliger Häftling der JVA Diez. Hinter Gittern floriere der Drogenhandel und -missbrauch. Die Rauschmittel kämen per Brief oder Buch in die Anstalt, sagt ein anderer Ex-Insasse und erklärt dem stern, wie das funktioniert: Briefpapier oder Bücherseiten werden mit einer geruchlosen Substanz getränkt und ins Gefängnis geschickt. Dort werden die entsprechenden Blätter in den Tabak gestreut - die Wirkung ist dabei kaum abzusehen. "Bei meinem Jägermeister wusste ich wenigstens was drin ist", erklärt der Mann. "Aber bei dem Papier merken die Leute entweder gar nichts oder liegen stocksteif 'ne Dreiviertelstunde auf dem Bett, erbrechen sich oder stuhlen sich ein".

Die schlimmen Zustände sind auch einem erheblichen Personalmangel nicht nur in Gefängnissen wie Diez, sondern in ganz Deutschland geschuldet. Einer Umfrage von "Report Mainz" (ARD, Dienstag 21.45 Uhr) unter allen deutschen Justizministerien nach sind im Strafvollzug bundesweit mehr als 1500 Planstellen nicht besetzt. Auch der Krankenstand unter den Bediensteten des Strafvollzugs ist demnach überdurchschnittlich hoch. Allein in Brandenburg fallen pro Jahr nach Angaben des Justizministeriums durchschnittlich 17 Prozent der Bediensteten krankheitsbedingt aus, in Berlin 16 Prozent.

Ein eigenes Reich in Deutschland

In Gesprächen mit "Report Mainz" und dem stern klagten zahlreiche Gefangene außerdem über mangelnde Resozialisierungsangebote sowie schlechte medizinische und sozialtherapeutische Versorgung. In der JVA Diez kam es vergangenes Jahr laut Auskunft des rheinland-pfälzischen Justizministeriums zu drei Suiziden. Häftlinge berichten von einem jungen jesidischen Flüchtling aus Syrien, der mit sich selbst nicht zurechtgekommen sei und sich aufgehängt habe. Auch ein junger Russlanddeutscher, der wegen eines Sexualdelikts einsaß, habe sich umgebracht. "Du musst irgendwann dein Vollstreckungsblatt zeigen, und bei den Russen bist du als Vergewaltiger und Pädophiler unten durch", erklärt ein ehemaliger Mitinsasse. "Da hat er sich in der Zelle versteckt und irgendwann hat er sich aufgehängt." Der dritte habe mehrfach angekündigt, sich umzubringen - ohne dass die Anstalt etwas dagegen unternommen hätte.

Die JVA Diez in Rheinland Pfalz sei ein "eigenes Reich", sagt ein ehemaliger Häftling dem stern. "Da will keiner mehr Verantwortung übernehmen." Das Justizministerium in Rheinland-Pfalz erklärte gegenüber Report Mainz: "Zu den einzelnen Beweggründen der Suizidenten liegen keine Erkenntnisse vor. Gemeinsame Faktoren, die eine gezieltere Suizidprävention ermöglichen könnten, fanden sich nicht."

Die Ergebnisse der Recherche sehen Sie auch in "Report Mainz" (ARD, Dienstag 21.45 Uhr)


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