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Von Beruf Demonstrant: Die Reisen des Herrn T.

Er ist der Mann mit den Kerzen und dem Plakat mit der Aufschrift "Warum?": Timo Tasche ist Berufsdemonstrant. Sein jüngstes Projekt: Die Schließung des Nokia-Werkes in Bochum verhindern. stern.de hat den Arbeitslosen begleitet.

Von Matthias Lauerer

Es gibt Millionen Menschen, die einfach nur Nachrichten hören. In fünf Minuten informieren sie sich über die Neuigkeiten des Tages Danach leben sie ihren Alltag weiter. Doch Timo Tasche, 28, tickt anders. Denn der Arbeitssuchende handelt. Er fährt quer durch Deutschland zum Tatort des Tages. Ob bei den sechs Toten vor dem Restaurant "da Bruno" in Duisburg oder dem Prozess gegen die Bundeswehrsoldaten in Münster: Timo Tasche stellt sich einfach an den Ort des Geschehens und demonstriert. Stumm. Stundenlang. Tagelang. Immer mit dabei im Kofferraum des alten silbernen Opel: seine selbst gemalten Schilder. Damit drückt er Kummer und Wut aus, immer dort, wo etwas Schreckliches im Land passiert ist.

Diese Woche führte ihn die Aktualität nach Bochum. Mit weißem T-Shirt, schwarzer Jacke, weißem Stirnband und blauer Hose stand er schon am Dienstag vor dem Nokia-Werkseingang. 2.300 Menschen will das Unternehmen entlassen. Dort hat Tasche seine Papp- und Pressspan-Platten an einen Baum gelehnt. Immer malt er die Protest-Plakate selbst. Immer verwendet der stille Aufmerksam-Macher sein Lieblingswort, das schon zu seinem Markenzeichen wurde: "Warum?". Vier Schilder hat er in Bochum dabei, sieben brennende Kerzen stehen vor dem kahlen Baum auf dem matschigen Grasboden. Warum Kerzen? "Die Kerzen sind immer dort dabei, wo etwas stirbt. Oder, wo etwas schon gestorben ist", sagt Tasche. Ein viertes, großes, braunes Schild hat er an diesem Tag an den nächsten Baum genagelt. Darauf steht: "Demonstrieren wie damals bei Opel". Und auf der Protest-Tafel darunter dann: "An Nokia Bochum: Standort Bochum erhalten." Seine Beweggründe formuliert der Demo-Star so: "Mich treibt die Ungerechtigkeit an, diese maßlose Gemeinheit."

600 Euro gibt Tasche im Jahr für Sprit aus

Eigentlich wollte Tasche seine Arbeit als Berufsdemonstrant nach der Katastrophe von Darry an den Nagel hängen. Im Dezember 2007 hatte dort eine junge Mutter ihre fünf Kinder im Schlaf getötet. "Was sollte ich noch erreichen?" sagte er damals resigniert. Doch dann las er die Nachricht von der Werksschließung bei Nokia in Bochum. Tasche setzte sich in den klapprigen Pkw, fuhr ins 25 Kilometer entfernte Bochum. Da der Marler arbeitslos ist, muss er sich überlegen, ob er sich die Fahrten überhaupt leisten kann. Doch irgendwie klappt es immer. 600 Euro verfährt der Demonstrant pro Jahr.

Mittlerweile hat er sich zum Phänomen entwickelt. Selbst einen Film hat man über ihn, den Spontan-Demonstranten, gedreht. Der WDR zeigt ihn in seiner Reihe "Menschen hautnah" am 13. Februar um 22.30 Uhr.

Doch bereits vor sieben Jahren, im März 2001 startete Tasche seinen ungewöhnlicher Job. Damals verschleppte ein zunächst Unbekannter Ulrike B. in Eberswalde. 14 Tage suchte man die Vermisste. 2800 Polizisten, Hubschrauber, Hunde und Bundeswehr-Tornados waren im Einsatz und fanden die Leiche im Wald. Stefan J. wurde als Täter festgenommen. Der damals 21-Jährige Timo Tasche wollte da nicht stillhalten. Spontan fuhr er die 586 Kilometer nach Eberswalde und stellte seine Schilder zum ersten Mal auf. Als Katastrophen-Tourist sieht er sich jedoch nicht. "Nein, man könnte es eher so formulieren: dem Unheil hinterher. Ich bin ja nicht nur bei Katastrophen, sondern auch bei anderen Sachen." Dann ging er immer wieder auf Tour durch die Republik.

Tasches Traumberuf: Gerichtsreporter beim Amtsgericht

Doch bevor Tasche vor sieben Jahren zum Profi-Demonstranten wurde, hatte er in seinem Leben vieles versucht, um auf die Beine zu kommen. "Nach der Gesamtschule und meiner Fachoberschulreife, ging ich auf die höhere Handelsschule, war Verkäufer, Taxifahrer. Ich fing sogar eine Lehre an der Ruhruniversität zum MRT an, arbeitete beim Beerdigungsinstitut und auf der Kirmes. In den Jahren waren es so an die 30 Jobs und Praktika", sagt er. Doch sein Traum ist mittlerweile ein anderer: "Ich würde gerne als Prozessberichterstatter arbeiten und sei es nur am Amtsgericht." "Schilder", sagt der 28-Jährige gut gelaunt weiter, "sind gut. Aber ich will das noch steigern und vielleicht Geld damit verdienen." Ein mehrmonatiges Praktikum hat er in seiner Heimatstadt bei der "Marler Zeitung" gemacht. Doch "nach der Zeit war Schluss". Warum? Das weiß er nicht. Und wenn das mit dem Job am Gericht nicht klappt, dann würde er gerne in die Politik gehen.

Doch bis es soweit ist, will der Reisende einfach eine Chance vom Leben. Denn bisher lebt der Alleinstehende von Hartz IV, doch er sagt: "Ich will unbedingt arbeiten!" Deshalb reist er weiter rastlos von Geschehen zu Geschehen. Geschätzte 150 Orte besuchte der Demonstrant in all den Jahren. Im vergangenen Jahr legte der dunkelhaarige Mann gute 12.000 Kilometer zurück.

Tatortplanung per Internet

Ein ungewöhnlicher Schatz lagert bei Tasche im heimischen Keller. Dort sammelt er möglichst viele Zeitungs-Ausschnitte seiner Demo-Arbeit und archiviert sie. Daneben stehen die vielen, vielen Schildern, die er aufbewahrt hat, und sein Zugang zur Welt. Ein guter Freund bastelte ihm aus alten Computern einen funktionierenden PC zusammen. An diesen setzt er sich regelmäßig gegen 6 Uhr morgens. Dann ruft er google.news auf, und sieht nach, was der Tag wohl bringen mag. Dort findet er sie, die aktuellen Tages- Tatorte. Nokia war ihm ein neuer Ansporn, nach Darry doch noch weiterzumachen. Ihn ärgert dabei, dass "die Chefs nur das Geld im Kopf haben. Ich habe gehört, dass sie in Rumänien zehn Mal billiger produzieren können, als hier in Bochum. Die Mitarbeiter sind denen doch völlig egal. Mir geht der Zeitgeist auf den Zeiger".

Bereits den dritten Tag steht er jetzt in Bochum vor dem Werkstor. Sein Wunsch: "Ich habe die Hoffnung, dass das Werk erhalten wird. Vielleicht wird das hier so, wie damals bei Opel in Bochum." 2004 hatten Tausende Opelaner teilweise in wilden Streiks erfolgreich gegen die geplante Werksschließung demonstriert und so teilweise ihre Arbeitsplätze erhalten.

Am Rande der für kommenden Dienstag angekündigten Großdemo der IG-Metall will Timo Tasche wieder demonstrieren. Auch für diesen Tag hat der Idealist einen Wunsch: "Hoffentlich kommen viele Menschen vorbei und machen mit!"