HOME

Vor dem Bush-Besuch: Nun müssen noch die Menschen weg

In Stralsund ist der Ausnahmezustand ausgerufen: US-Präsident Bush trifft ein. Er soll nicht spüren, dass die Stralsunder seinem Besuch gelassen aber ohne Begeisterung entgegen sehen.

Von Holger Witzel, Stralsund

Der Alte Markt ist verkabelt, alle Gullys verschweißt, Stromkästen versiegelt. Stralsund ist bereit für den Besuch von George W. Bush. Nur die Menschen - Touristen und Einheimische - müssen noch weg. Ab 18 Uhr werden die Zufahrten zur Altstadt mit schweren Containern einer Entsorgungsfirma versperrt. Dann müssen alle Autos verschwunden sein. In der so genannten Kernzone, etwa 400 Meter um die Nikolaikirche, dürfen sich morgen nur noch geladene Gäste bewegen. Anwohner müssen während des Besuchs in ihren Häusern bleiben, ihre Autos schon am Abend vorher außerhalb parken, Geschäfte geschlossen halten, sich permanent kontrollieren und von Jubel-Statisten und Claqueuren ersetzen lassen.

Sprengstoffhunde in den Straßen, Scharfschützen auf den Dächern

Für den Aufwand und die Umstände, die ihnen der knapp dreistündige Besuch des amerikanischen Präsidenten verursacht, nehmen es die Stralsunder erstaunlich gelassen. Die meisten haben nicht wirklich das Gefühl Gastgeber zu sein. "Das kommt ja alles von außen", sagt der Vorruheständler Manfred Weiher, der sich mit seinem Fahrrad den Rummel in der Altstadt anschaut und viel lacht: "Ich wusste gar nicht, wie viele Leute beim Fernsehen arbeiten."

Ein endloser Tross aus Übertragungswagen hat die Stadt zuerst überschwemmt und sich wie auf einem Campingplatz in jeder Baulücke eingerichtet. Sprengstoffhunde aus Nordrhein-Westfalen hecheln durch Gassen und leer stehende Speicher. Minen-Taucher schnorcheln durch Teiche. Scharfschützen in kurzen Hosen, tätowiert und mit coolen Sonnenbrillen auf der Nase sitzen auf den Dächern rund um den Markt Probe.

Auf der halbfertigen Brücke, die bald den Rügendamm ersetzen soll, hat die Polizei Funk-Antennen errichtet. Beamte aus allen Bundesländern kommen nach und nach an. Ingesamt 12.500 werden den zweitägigen Besuch in Mecklenburg-Vorpommern absichern, Kosten von mindestens zwölf Millionen Euro verursachen und vor allem dafür sorgen, dass der amerikanische Präsident möglichst wenig davon mitbekommt, dass er eigentlich nicht willkommen ist.

Keine Angst, Mr. President

Das Gewerkschaftshaus hat fast alle Fenster mit den Regenbogenfahnen der Friedensbewegung bestückt. US-Flaggen kann man bisher an einem Finger zählen. Vier Mädchen von Greenpeace stehen mit einem gelben Plakat vor dem gotischen Rathaus. "No Nukes, no war, no Bush" steht darauf. Das gleich prangt noch einmal weithin sichtbar auf dem Turm der Marienkirche. "Wir haben es für ihn extra einfach formuliert", sagen die Greenpeace-Leute und kämpfen noch immer mit Eilanträgen vor Verwaltungsgerichten darum, auch am Tag des Stadtrundgangs auf dem Markt stehen zu dürfen. "Wir sind ja nur vier Leute. Der Präsident muss keine Angst haben."

Ein Straßenmusikant singt in der Fußgängerzone seine Version des Liedes Guantanamera, in dem es heißt "Guantanomo-Bay, ein bisschen Folter ist auch bei." Nebenan, in der Buchhandlung Weiland, liegt eine Bush-Biografie in der Ramschkiste, von 26 Euro auf 4,95 gesenkt. Aber nicht einmal dafür greift jemand zu.

Hoffentlich keine Zwischenfälle

Leserbriefschreiber der Ostseezeitung warnen Bush vor der Vogelgrippe: Er soll doch lieber nur einen Rundflug machen wie New Orleans, das würde auch Kosten sparen. Selber wird er das nicht lesen können, denn wenn er am Donnerstagvormittag in Stralsund ankommt, ist die Zeitung vermutlich noch nicht da, weil die Briefkästen versiegelt sind und die Zeitungsboten nicht überall hinkommen, wie sich die Ostseezeitung vorab entschuldigt.

Richtig unangenehm könnte es für Bush werden, wenn der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern kurzfristig krank wird. Dann nämlich müsste ihn der Stellvertreter von Harald Ringsdorf (SPD) auf dem Flughafen empfangen, und Wolfgang Methling (PDS), Umweltminister der rot-roten Landesregierung, würde ihn am liebsten vor ein internationales Kriegsverbrechertribunal sehen, "wie Saddam und Milosevic." Dass er als Redner auf einer den Protestdemonstrationen auftritt, hat die Koalition in Schwerin angeblich schon jetzt auf eine schwere Probe gestellt. "Dass sich ausgerechnet die PDS als Gralshüter der Demokratie aufspielt", schimpft seine Minister-Kollege und SPD-Landeschef Till Backhaus. Die eigene Basis in Stralsund beteiligt sich allerdings auch an den Protesten.

Jubelgäste rekrutieren und Begeisterung sichern

Vor zwei Wochen flatterte ausgewählten Einwohnern eine Einladung des Oberbürgermeisters ins Haus: Sie sollten doch einen beiliegenden Antrag zur Personenüberprüfung ausfüllen und - falls nicht gegen sie spricht - den Präsidenten auf dem Alten Markt begrüßen. Mathias Kindler hat ihn sofort weggeworfen. "Ich lass mich doch nicht auch noch als Jubelgast rekrutieren." Er besitzt einen vielfach ausgezeichneten Weinladen in der Altsstadt und wohnt selbst in der roten Zone. Am Abend sollen die Anwohner dort letzte Anweisungen von der Polizei bekommen.

"Wahrscheinlich wird es noch mehr alberne Auflagen geben", fürchtet Kindler und flüchtet deshalb lieber für einen Tag an die Küste. Wenn es nach ihm geht, sollten es alle Stralsunder so machen. "Eine leere Stadt - das wäre die richtige Antwort." Doch auch dagegen ist vorgesorgt. Weil die Gastgeber fürchten, dass tatsächlich zu wenige Leute Begeisterung zeigen, füllen nun 300 Rekruten der Marinetechnikschule in Zivil die Jubelreihen auf dem Alten Markt auf.