Wahlkampf in Hessen Joschkas Rückkehr


Ex-Außenminister Joschka Fischer trat am Montagabend zu seinem einzigen Auftritt im hessischen Landtagswahlkampf an und wurde triumphal empfangen. Doch die bessere Rede hielt ein anderer.
Von Mathias Schlosser

"Willst du 'was gelten, mache dich selten." Die Weisheit gilt auch für Joschka Fischer. Und so fragte niemand der rund 700 Zuhörer im feudalen Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhaus, warum die Ikone der hessischen Grünen ihren politischen Erben nur eine einzige Rede gönnt, um den ungeliebten Roland Koch aus der Staatskanzlei zu verjagen.

Grenzenloser Jubel

Geschenkt! Grenzenlos war der Jubel, als Fischer gegen 19.06 Uhr den Saal zu "Don't Stop" von Fleetwood Mac betrat. Zehn Kamerateams und Dutzenden von Fotografen begleiteten das 36-Minuten-Comeback des grünen Superstars, der seit dem 14. September 2005 auf keiner politischen Bühne in Hessen mehr gesehen worden war. Und als die Menge begann rhythmisch zu klatschen, glänzten Fischers Augen vor Rührung.

Die Rolle des Anheizers übernahm sodann Tarek Al-Wazir. Es erinnerte ein wenig an den jungen Joschka Fischer, wie sich der 37-jährige Fraktions-Chef im hessischen Landtag mit Fakten und Frechheiten Roland Koch vornahm und das Publikum mal witzig, mal bissig zu Beifallsstürmen hinriss. Und härter als Al-Wazir hätte auch kein Bürgerlicher auf der Linkspartei herumhacken können - ein rhetorisches Glanzstück, das selbst Joschka Fischer beeindruckte.

Die leise Distanz des Polit-Rentners

Der Übervater selbst wirkte dagegen etwas altväterlich, erzählte viel von früher und von seinen Erfahrungen auf der ganzen Welt. Von der leicht krächzenden Stimme über die zugekniffenen Augen bis zum Trommeln auf das Rednerpult war zwar alles da, was einen Joseph Fischer ausmacht. Doch die allerletzte Leidenschaft fehlte dem Politrentner im selbstgewählten Ruhestand.

An seinem alten Widersacher Roland Koch ließ aber auch Joschka Fischer a.D. kein gutes Haar. Ganz und gar undiplomatisch warf er ihm "ausländerfeindliche Hetze" und "Lügenpropaganda" vor. "Wo nehmen die eigentlich die Stirn her, ein Vorbild für die junge Generation zu sein?", fragte er unter tosendem Beifall. Und Fischer glaubt auch den Grund zu kennen, warum die hessische CDU zurzeit so auf den Putz haut: "Denen steht das Wasser bis zum Schopf", rief er. Koch sehe, wie ihm die Wahl "wegrutscht" und deswegen greife er zu der ausländerfeindlichen Kampagne. "Die moderne CDU hat er damit um Jahre zurückgeworfen", analysierte er.

"Die Sache ist gewinnbar"

Zum Schluss appellierte Fischer an die Grünen, nicht zu sehr zu taktieren. "Wer rot-grün will, muss grün wählen", wärmte er augenzwinkernd einen alten Wahlkampfslogan seiner Partei auf und warnte vor Leihstimmen an die Linkspartei. Kochs derzeitige Schwäche sei die Chance für Rot-Grün. "Die Sache ist gewinnbar." Um Viertel nach Acht war das Comeback des Joschka Fischer zu Ende. Durch den Seitenausgang ging es zurück in den Ruhestand. Kurz darauf gingen auch die grünen Anhänger mit beseeltem Blick nach Hause. "War ganz schön, den Joschka noch einmal gesehen zu haben", sagte ein Student mit Franzenfrisur zur Garderobenfrau. "Aber der Tarek war besser."


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