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IPCC-Bericht Was wir aus der Corona-Pandemie für den Kampf gegen den Klimawandel lernen können

Klima Corona Autobahn
Wohin führt die Klimapolitik? Zu leeren Autobahnen oder findet sich ein Weg, der die Menschen mitnimmt?
© Andreas Rosar / DPA
Mitten im Ringen mit der Pandemie steht plötzlich wieder die Klimakrise vor der Tür. Noch ein schier übermächtiges Problem. Doch der Umgang mit dem Coronavirus zeigt, wie der Kampf gegen die Klimakrise aussehen könnte.

"Der Planet schwebt in Lebensgefahr und mit ihm seine Bewohner" – Bundesumweltministerin Svenja Schulze wählte große Worte als Kommentar zum neuen Bericht des Weltklimarats. Sehr große Worte. Denn klar kann einem der Inhalt der ICPP-Studie Angst und Bange machen: Der Klimawandel nimmt an Tempo zu, das 1,5-Grad-Ziel ist kaum noch haltbar und eine Rückkehr in irgendeine "gute, alte Zeit" vor der industriellen Revolution scheint so gut wie ausgeschlossen. Düstere Aussichten. Aber deshalb gleich die ganze Welt retten? Wo wir noch schwerst damit beschäftigt sind, einer der übelsten Pandemien der jüngeren Geschichte unter Kontrolle zu bekommen?

Niemand muss um den Planeten bangen

Nein, um den Planeten muss sich niemand sorgen. Der wird noch sehr lange seine Bahnen um die Sonne ziehen. Auch wird es weiterhin Leben geben und eine prosperierende Natur – nur leider stehen die Chancen gut, dass es nicht mehr unser Leben sein wird und auch nicht unsere Natur, und auch nicht unsere Umwelt oder unser Klima. An Untergangssuperlativen mangelt es in der Klimaschutzdebatte also nicht, fraglich ist bloß, ob der so erzeugte Druck, nicht nur Umwelt und Klima retten zu müssen, sondern gleich den ganzen Planeten mit, den einen oder anderen womöglich überfordert und entmutigt.

Professionelle Klimaleugner und -verharmloser benutzten Apokalypsen-Szenarien übrigens gerne, um Aktivistinnen und Klimaschützer in die Resignation und letztlich zum Nichtstun zu drängen, wie der US-Forscher Michael Mann in seinem Buch "Propagandaschlacht ums Klima" schreibt. Nicht, dass Mahnerinnen wie Svenja Schulze derartiges im Sinn führten, aber vielleicht würde es eine Nummer kleiner auch tun. Ohnehin bietet die globale Infektionswelle derzeit genug Anschauungsunterricht in Echtzeit, wie sich gigantische Krisen bewältigen lassen – oder eben auch nicht.

  • So hat die Corona-Pandemie beispielsweise die schicksalsergebene wie banal anmutende Wendung hervorgebracht: "Wir werden lernen müssen, mit dem Virus zu leben." Diese Annahme gilt natürlich auch für unzählige andere Krankheitserreger, aber in allen Fällen lautet die Devise: Wenn es keinen Schutz wie eine Impfung gibt, können wir nur die Ansteckungsgefahr minimieren.

Auf den Klimawandel angewendet bedeutet das: Auch mit ihm zu leben, werden wir lernen müssen – was uns in den reicheren Regionen sicher deutlich leichter fallen wird. Dennoch düfte einiges, was wir lange für selbstverständlich gehalten haben, seltener werden oder vielleicht ganz verschwinden: das Häuschen im Grünen, Leben am idyllischen Flussufer, Skifahren in den Bergen oder die zweiwöchige Lieferung von Wegwerfklamotten.

Wissen ist nicht statisch

  • Die Corona-Pandemie zeigt auch, dass die Wissenschaft zwar das Maß des Wissens ermittelt, aber Wissen nicht statisch, sondern im Fluss ist: So wurde zu Beginn der Sars-CoV-2-Welle noch häufiges Händewaschen empfohlen. Mittlerweile gelten Aerosole als Hauptüberträger des Virus und nicht so sehr die Schmierinfektion über Gegenstände oder Hände. Stand jetzt. Wie hartnäckig aber die nächste oder übernächste Virusmutation an Geländern und Händen haften bleiben wird, ist noch nicht absehbar. (Händewaschen schadet trotzdem und sowieso nicht)

Auf den Klimawandel übertragen: War sich die Forschung noch 2018 darüber einig, dass die Erde im Jahr 2040 um 1,5 Grad wärmer sein wird als im vorindustriellen Zeitalter, geht sie nun davon aus, dass die Temperaturschwelle schon 2030 erreicht sein wird. Möglicherweise wird sich der Punkt der 1,5-Grad-Schwelle zukünftig erneut ändern – und mutmaßlich noch schneller kommen als erwartet.

  • In der Corona-Pandemie wurde wieder deutlich, dass sich die Laborbedingungen der Forschung nicht immer in die Praxis übertragen lassen. So ist etwa der beste Schutz vor einer Ansteckung immer noch die Isolation: kein Kontakt zu anderen Menschen - keine Infektion. Manche Regierungen haben daraus die "No Covid"-Strategie entwickelt, wie in Australien. Ein einziger Covid-19-Fall löst dort automatisch einen mehrtägigen oder -wöchigen Lockdown aus. Und tatsächlich gibt es auf dem Kontinent verhältnismäßig wenig Corona-Opfer. Der Preis: Ein abgeschottetes Leben im ständigen On-Off-Modus, zudem ohne Planungsmöglichkeiten und im schlimmsten Fall: ohne absehbaren Ende.

Auch im Kampf gegen den Klimawandel gibt es drastische Ideen. So wurde vor mehr als zehn Jahren mal eben die 100-Watt-Glühbirne vom Markt verbannt. Manche denken mittlerweile über Flugverbote nach. Zwischen drei bis fünf Prozent klimaschädlicher Ausstöße stammen von Flugzeugen, 60 Prozent davon geht auf Tourismus zurück. Letzterer ließe sich zwar als "unnötiger Luxus" verbrämen, doch darunter würden dann wiederum Regionen und Staaten leiden, die besonders vom Reisen abhängen wie Griechenland, Spanien oder Thailand. Was den Teil mit Geschäftsreisen betrifft: Dank der durch Corona schlagartig eingeführten Videokonferenzen werden viele Quer-durch-Land-Trips wegen eines Ein-Stunden-Termins künftig entfallen.

  • Stichwort Wirtschaft: Die Corona-Pandemie hat vielen Menschen schmerzhaft bewusst gemacht, dass Wirtschaft zwar nicht alles ist, aber ohne sie leider vieles nichts. Ob Gaststätten, Einzelhandel oder eben Tourismus: Die Lockdowns der vergangenen Monate haben viele Bereiche der Geschäftswelt in die Knie gezwungen, zu Pleiten geführt und Menschen arbeitslos gemacht. Die Gründe für das Herunterfahren des Landes waren sinnvoll und möglicherweise auch alternativlos – doch an den Kosten, nicht nur den finanziellen, werden wir alle noch lange zu knabbern haben.

Die Lehre für den Klimawandel kann nur heißen: So nachvollziehbar die Formel "Klima/Umwelt/Menschen sind wichtiger als die Wirtschaft" auch klingen mag, sie geht nicht immer auf. Denn das eine funktioniert nicht ohne das andere. Und ein Vorteil hat der Klimawandel gegenüber der Corona-Pandemie: Er kommt nicht überraschend, die Wirtschaft kann und lässt sich hervorragend darauf vorbereiten.

Gleiche Probleme, ungleiche Lösungen

  • Was die Corona-Pandemie noch zeigt: Selbst die offenkundigsten Probleme lösen nicht bei allen die gleichen Schlüsse aus. Beispiel USA. Während in den meisten Staaten eine Maskenpflicht und Abstandsgebot gelten, scheren sich die Regionalregierungen in Florida und Texas einen feuchten Kehricht um Corona-Maßnahmen – entsprechend rasant schießen dort die Infektionszahlen in die Höhe. In Belarus hat der dortige Präsident einst Wodka als Medizin gegen das Virus empfohlen und überall auf der Welt wehren sich Menschen gegen einen kleinen Piks in den Oberarm, obwohl Impfungen nachweislich helfen und ungefährlich sind.

Was also lässt sich daraus für den Kampf gegen den Klimawandel ableiten? Politik, Forschern und Aktivisten bleibt nichts anderes übrig, als in mühevoller Kleinarbeit immerzu die Folgen des Klimawandel zu übersetzen – denn nicht jede und jeder hat die Muße oder die Möglichkeiten sich selbst ständig ein Bild über den Zustand der Umwelt zu machen. Politikprofis wissen: Nur wer sich nicht für Aufklärungsarbeit in Dauerschleife zu schade ist, kriegt die Menschen überzeugt.

  • Busse fahren nicht, ab 22 Uhr gibt’s am Kiosk kein Bier mehr, fürs Konzert muss die Maske mit. Luca-App? Schnelltest-Mail dabei und den Impfpass? Die Corona-Pandemie bringt viel Nerverei und Unannehmlichkeiten mit sich. Doch im Großen und Ganzen geht doch alles irgendwie immer und die Einschränkungen sind ja für einen guten Zweck.

Beim Klimawandel gibt es, anders als bei Corona, noch sehr viele verschiedene Wege mehr, seinen Beitrag zu leisten. Die einen können zwar nicht aufs Auto verzichten, sich dafür aber eine Biogasanlage in den Garten stellen. Ein anderer nimmt öfter sein Fahrrad für den Weg zur Arbeit, der nächste steigt von Fleisch auf Gemüse um oder schaltet vielleicht einmal den Computer aus. Denn, unschöner Fun Fact zum Schluss: das Internet (darunter Whatsapp, Netflix und Amazon) produziert ungefähr genau viel Treibhausgase wie der gesamte weltweite Flugverkehr.

Quellen: "Capital", Deutschlandfunk, DPA, AFP, Ärztezeitung, Tagesschau, Infektionsschutz.de, "Spektrum.de"


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