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Weimers Woche: Probleme mit Technik

Unser Verhältnis zu Technik und Fortschritt, zur Wissenschaft, zum Entdeckertum ist gestört: Statt grandiose Instrumente wie einen Teilchenbeschleuniger zu huldigen, sind vielen die Beine von Heidi Klum wichtiger. Die deutsche Technikfeindlichkeit lähmt unseren Fortschrittsimpuls.

Von Wolfram Weimer

Unsere Kanzlerin entpuppt sich in einer Beziehung als Riesenüberraschung. Anders als alle Vorhersagen wird ausgerechnet die politische PR zu ihrem größten Trumpf. Im Anorak am Nordpol das Weltklima retten, mit dem Dalai Lama im Arm Tibet befreien, via breitem Dekolletee Europas Opernkultur huldigen und nun mit Kindergartenzwergen die deutsche Bildungsmisere beseitigen. Angela Merkel hat ein sicheres Gespür für Themen und - inzwischen auch - für Inszenierungen. Den Grünen hat sie so den Umweltschutz entrissen, der SPD die Familienpolitik, nun will sie den Liberalen das Bildungsthema abspenstig machen.

Die Merkelsche Bildungsoffensive wird freilich ein schwieriges Unterfangen. Denn schon melden sich eifersüchtige Ministerpräsidenten, sie betreibe thematischen Hausfriedensbruch, denn Bildungspolitik sei Ländersache. Zudem ist das Bildungsproblem Deutschlands nur vordergründig ein organisatorisches. In Wahrheit hat sich eine bildungs- und fortschrittsfeindliche Alltagskultur ausgebreitet, an der Merkels Bildungs-PR kaum etwas ändern dürfte - leider.

Ein Beispiel: In wenigen Tagen lassen die Europäer in Genf auf einem gigantischen Teilchenbeschleuniger namens Cern spektakulär testen, was die Welt im Innersten zusammen hält. Nie gesehene Welten werden plötzlich offenbar. Ein großer Moment der Menschheit. Mal abgesehen von Deutschland. Wir finanzieren zwar, unsere Wissenschaftler sind dabei, nur unser Interesse bleibt aus. Die neue Liebschaft von Boris Becker, Heidi Klumms Beine, der Schnupfen von Olympioniken - alles wichtiger. Große, nationale Zeitungen melden die Experimente in Genf mit der gleichen emotionalen Temperatur wie die Bilanzzahlen der Filzfabrik Fulda. Die Fernsehsender platzieren das Ereignis unter Vermischtes - irgendwo zwischen Paris Hilton und Jürgen Klinsmann. Wir stellen die Hierarchie der Wichtigkeiten dauernd auf den Kopf.

Mehr noch: Unser Verhältnis zu Technik und Fortschritt, zur Wissenschaft, zu echter Leistung, zum Entdeckertum ist offenbar gestört. Andere Nationen - allen voran die Amerikaner - feiern Weltraummissionen oder technische Durchbrüche mit dem Bewusstsein des Heroischen. Wir nicht. Ganz und gar nicht.

Wie auch, wenn wir unseren Kindern lieber Holzspielzeug schenken als Laptops, wenn wir die Naturwissenschaften zum Abwahlfach an den Schulen degradieren, wenn wir Bohlen und Ballack zu Helden erklären, nicht aber unsere Wissenschaftler und Erfinder, wenn wir das Land lieber mit Windmühlen zustellen als die Kernfusion zu erforschen. In unseren Familien werden Fernsehen, Internet und Computer als Übel der Moderne stigmatisiert und von Kindern möglichst ferngehalten. Dabei sind sie grandiose, mächtige Instrumente der Moderne.

Zeugnisse einer optimistischen Fortschrittsedukation

Anstatt Plastikroboter bekommen unsere Kinder das naturhölzerne Schaukelpferd vom Urgroßvater geschenkt. Dabei dachte just dieser ganz anders. Unsere Urgroßväter stellten ihren Kindern Miniatur-Dampfmaschinen und Spielzeug-Eisenbahnen ins Spielzimmer - Zeugnisse einer optimistischen Fortschrittsedukation. Wir dagegen lassen sie regressiv mit Natursteinen Zierrat herrichten, auf dass sie mit zwölf vielleicht ihren Namen tanzen, aber das Internet nicht bedienen können.

Ernst Jünger rief einst noch aus: "Die Technik ist unsere Uniform." Wir haben diese Uniform abgelegt und schleichen lieber im Nachtgewand der Vormoderne umher. Von der Gentechnik über die Kernenergie bis zum Flugzeugbau erreicht der Ablehnungsaffekt jede Großtechnologie. Während andere mit Gen-Food Milliardengeschäfte machen, fackeln unsere Umweltaktivisten noch jeden Versuchsacker ab.

Die deutsche Technikfeindlichkeit ist nicht nur Ausgeburt der kapitalismuskritischen Linken oder toskanaseligen 68er, wie Neoliberale gerne meinen. Das konservative Bürgertum ist der eigentliche Nährboden unserer postmodernen Verweigerung, Adorno und Horkheimer bekommen posthum Recht. Die Dialektik der Aufklärung lässt Antroposophen-Schulen boomen und homöopathische Medizin mitten im Bürgertum erblühen.

Unser eigenes Bewusstsein lähmt einen kraftvollen Fortschrittsimpuls

Wenn wir Deutschland siechen sehen, beklagen wir gerne die ach so reformunfähige Politik. In Wahrheit lähmt unser eigenes Bewusstsein einen kraftvollen Fortschrittsimpuls. Deutschland ist im ausgehenden 19. Jahrhundert stark und später reich geworden durch seine Konzentration technischer Intelligenz. Das Tüftlerethos, der Erfindergeist, die Maschinenbauerei waren Kerntugenden unseres industriellen Aufstieges. Heute werden sie zu Relikten schwäbischer Heimatmuseen degradiert.

Nun wäre das Ganze amüsant, wenn es eine vorübergehende Wohlstandsmarotte, ein Entschleunigungsreflex, gewissermaßen das erleichternde Bäuerchen nach dem Trunk der Moderne bliebe. Tut es aber nicht. Die Postmoderne gräbt sich als mentales Raster tief in unserem Land ein. Inzwischen wird die Grundakzeptanz des Naturwissenschaftlichen untergraben - vom einstigen Heldenmythos eines Daimlers, eines Sauerbruchs, eines Schliemanns oder Humboldts ganz zu schweigen. Welcher Junge will heute noch Lokomotivführer oder Ingenieur oder Astronaut werden. Pferdeflüsterer und Popsternchen sind die heutigen Leitbilder. Die Moderne wird schon im Kinderzimmer verloren. Oder erzählt jemand als Gute-Nacht-Geschichte die sagenhafte Reise der Cern-Teilchen von Genf?

Cicero