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Weltwirtschaftskrise Banker lassen sich nicht ändern


Nie wieder sollen die Finanzinstitute ein Desaster auslösen können, wie wir es gerade erleben. Doch trotz aller vollmundigen Absichtserklärungen der Regierungschefs bleibt ein Problem: die Banker selbst. Sie sind unbelehrbar, fürchtet stern-Autor Stefan Schmitz.

Es reichen ein paar Zeilen aus einem Bankprospekt, um die großen Worte vom Gipfel der 20 wichtigsten Staaten hohl klingen zu lassen. Wie schön wäre es, wenn die Mächtigen endlich handelten. Wenn sie dafür sorgen könnten, dass diese ganze Krise verschwindet. Nur besteht die Welt eben nicht nur aus dem Londoner Kommuniqué, in dem von Millionen neuen Jobs und sogar von Wachstum die Rede ist.

Irgendwie näher an der Wirklichkeit sind Angebote wie das der Deutschen Bank für ein nagelneues "Bonus-Zertifikat mit CAP". Jede Zeile darin atmet genau den Geist, der die Finanzwirtschaft und uns alle ins Desaster geführt hat: Der Anleger kann von steigenden Goldpreisen profitieren, allerdings nur bis zum festgelegten "Maximalbetrag (CAP)". Einen "Bonus-Betrag" gibt es nur, wenn zuvor der "Barrieren-Betrag" an keinem Handelstag unterschritten wird. Das alles ist undurchschaubar, überkomplex, und niemand kann erkennen, was die Bank daran wirklich verdient. Echtes Gold hat mit dieser Wette wenig oder nichts zu tun.

Das Wertpapier, Erstnotiz am kommenden Mittwoch, zeigt, wie ungebrochen das Verlangen der Banker ist, dem Affen Zucker zu geben. Wenn der Kunde zocken will - bitte schön! Schließlich sollen die Traumrenditen aus der Zeit vor dem Crash bald wieder fließen. 20, ja 25 Prozent auf das eingesetzte Kapital finden Spitzenkräfte wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann weiterhin angemessen. Zwar sollen die Geschäfte jetzt staatlich strenger überwacht werden - nur stehen die Chancen schlecht, dass das funktioniert.

Langwieriger Prozess der Regulierung

Dazu fehlt vor allem den Amerikanern die letzte Entschlossenheit, die Banker wirklich an die Kette zu legen. Sie können es sich nämlich nicht leisten, auf eine kraftvolle Finanzindustrie zu verzichten, da die bislang der stärkste Teil ihrer ansonsten ziemlich maroden Wirtschaft war. Die Banker haben das Land in aberwitzige Schulden getrieben, werden aber trotzdem noch gebraucht.

Und selbst wenn sich alle ohne Rücksicht auf eigene Interessen ans Werk machten, würde es schwierig und langwierig: Die Aufseher müssen aufgerüstet und zum Teil müssen neue Gremien geschaffen werden; Gesetze müssen beschlossen und aufeinander abgestimmt werden. Basel II, das letzte große internationale Regulierungswerk, hat viele Jahre gebraucht. Niemand sollte daher hoffen, dass sich über Nacht etwas ändert.

Vor allem gibt es kein Gesetz und keine Verordnung, die nicht umgangen und ausgetrickst werden können. Den Beamten und Quasibeamten der Aufsicht steht eine Branche gegenüber, die seit vielen Jahren die klügsten Köpfe jedes Uni-Jahrgangs anzieht. Denen wird auch diesmal etwas einfallen. Nichts deutet darauf hin, dass ihre Arbeitgeber sie davon abhalten werden. Im Gegenteil. Jetzt, da große Teile des einst so lukrativen Investmentbankings daniederliegen, sind neue Ideen gefragt wie selten zuvor.

Die Kanzlerin rügt

Beim Jahresempfang des Bundesverbandes deutscher Banken in Berlin las die Kanzlerin vergangene Woche den Geldmenschen die Leviten. Als sie fertig war, klatschten alle artig. Keine halbe Stunde später sagt einer aus der Menge der kleinen und großen Ackermänner: "Die Banker werden sich nicht ändern." Er ist Mitte 30, kennt mehrere Banken von innen. "Die Banker ziehen jetzt einen Sack an, streuen sich Asche aufs Haupt und hoffen, dass sie bald wieder normal ihren Schnitt machen können."

Der echte Josef Ackermann verteidigte vor ein paar Wochen im zwar kleinen, aber keinesfalls nicht öffentlichen Kreis in der Evangelischen Akademie Tutzing nichts so energisch wie die von ihm ausgerufenen Renditeziele. Es war nicht ganz der "Gier ist gut"-Schlachtruf von Gordon Gekko aus dem 80er-Jahre-Hollywoodfilm "Wall Street". Aber viel weniger war es auch nicht.

Ackermann erzählte, wie er einmal im Flieger von Sydney nach Singapur saß und Zeitung las. Es war die Zeit, in der die Hypo-Vereinsbank übernommen wurde und er die Deutsche Bank konsequent auf Rendite trimmte und dabei schon mal an einem Tag sowohl Rekordgewinne als auch Arbeitsplatzabbau verkündete. Da kam jemand zu ihm und sagte: "Herr Ackermann, ist das nicht komisch? Auf Seite eins werden Sie kritisiert für das, was Sie tun. Und auf Seite drei wird die Hypo-Vereinsbank dafür kritisiert, dass sie ihre Hausaufgaben nicht macht." Da habe er gesagt: "In dieser Welt leben wir."

Rückkehr der Traumrenditen?

Feinsinnig unterscheidet Ackermann die von Idealen geprägten Vorstellungen seiner Kritiker und die "reale Welt". In der war die Deutsche Bank ein Übernahmekandidat, und nur durch sein Wirken blieb sie stark und selbstständig. Ihr Chef handelt eben virtuos nach den Gesetzen der Branche.

Sein in Tutzing ausgebreitetes Credo lautet: Erst Toprenditen schaffen Reserven und damit Sicherheit. Die Deutsche Bank pries er als Institut, das ohne Staatshilfe zurechtgekommen sei. Dass ihr von dem komatösen US-Riesenkraken AIG knapp zwölf Milliarden Dollar amerikanische Staatsknete weitergereicht wurden, sah er dazu nicht als Widerspruch an. Ihm ging es um etwas anderes: Die Traumrenditen werden wiederkommen. Bald wiederkommen. Zumindest für die Besten.

Das aber dürfen sie nicht. Denn viel Geld verdienen Banken vor allem dann, wenn sie mit wenig Eigenkapital große Geschäfte machen können. Das erhöht natürlich das Risiko, dass sie in Schwierigkeiten geraten, wenn es schiefgeht. Als Irrglaube hat sich herausgestellt, dass man nur möglichst ausgetüftelte mathematische Modelle für Chance und Risiko braucht, um sozusagen mit wissenschaftlicher Präzision Gewinne einzufahren.

Mit genau diesem Ansatz sind schon in den 90er Jahren zwei superschlaue Wirtschaftsnobelpreisträger samt ihrem Fonds "Long-Term Capital Management" gescheitert. Das hat viele Milliarden gekostet. Aber nichts haben die Banker dazugelernt. Wie übrigens auch nicht in der Asien-, der Russland-, der Mexiko-, der Lateinamerika- und allen anderen Krisen.

Diesmal soll alles anders werden

Diesmal - da das Fiasko größer als je zuvor ist - soll alles anders werden. Aber dafür spricht wenig mehr als die Gipfelrhetorik. Eigentlich wäre ja nichts dagegen einzuwenden, dass Banken mit privatem Geld und auf eigenes Risiko Geschäfte machen, die auch platzen können. Nur sind die Geldströme so gewaltig, dass die von ihnen gepriesene Marktwirtschaft an ihre Grenzen stößt: Wenn die Rechnungen nicht aufgehen, muss der Staat zahlen, da sonst erst die Finanzinstitute eins nach dem anderen kollabieren und am Ende die ganze Wirtschaft.

Wirklich helfen würde nur, aus der Königsdisziplin des Kapitalismus eine langweilige Infrastrukturaufgabe zu machen. Denn Kredit braucht eine Wirtschaft so dringend und zuverlässig wie Strom und Wasser und Telefon. Tatsächlich braucht sie noch etwas mehr: Niemand glaubt, dass hoch entwickelte Volkswirtschaften sich nur mit Ratenkrediten finanzieren lassen. Aber den größten Teil der kreativen Superprodukte wie die berüchtigten Bündel irgendwelcher Hypothekenkredite und der dazu passenden Versicherungen - die braucht kein Mensch.

Lord Adair Turner, immerhin Chef der britischen Bankenaufsicht, ist zu der Erkenntnis gelangt: "Die Bankenwelt sollte in Zukunft weniger gewinnträchtig, aber auch weniger riskant sein." Längst sind es nicht mehr nur Attac-Aktivisten und Kirchentagsbesucher, die nach anderen Banken rufen. In einem Brief an den britischen Premier Gordon Brown hat der Wirtschaftsnobelpreisträger Edmund Phelps gefordert, dass das Investmentbanking - Ackermanns riskante Lieblingssparte - von den Geschäftsbanken abgetrennt oder geschlossen wird. Er predigt das "narrow banking", begrenzte Geldgeschäfte also, um so zu verhindern, dass die Institute ihre Versorgungsfunktion nicht mehr erfüllen können.

Für die derzeitige Elite des Finanzgewerbes wäre das die Vertreibung aus dem Paradies. Freiwillig werden sie nicht gehen. Der scheidende Bankenverbandspräsident Klaus-Peter Müller etwa guckt sehr angriffslustig, wenn man ihn fragt, ob es nicht an der Zeit wäre, dass die Geldinstitute den Charakter von Stadtwerken annehmen, die immer liefern, aber sehr langweilig sind. Da sagt er: "Ach Quatsch." Und: "Das Ausland würde sich totlachen." Das klingt wie Ackermanns Belehrungen über die harte Welt des globalen Wettbewerbs, der man sich leider nicht entziehen könne. Aber genau diese Logik muss durchbrochen werden, wenn die nächste große Krise verhindert werden soll.


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