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Wolfgang Huber: Ein intellektueller Vordenker unter den Kirchenoberen

Der Berlin-Brandenburger Bischof Wolfgang Huber ist zum neuen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt worden - ein intellektueller Vordenker, der unmissverständlich seine Meinung sagt.

Der berlin-brandenburgische Landesbischof Wolfgang Huber ist neuer Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die EKD-Synode und die Mitglieder der EKD-Kirchenkonferenz wählten den 61-Jährigen am Mittwoch in Trier mit großer Mehrheit. Huber wird damit höchster Repräsentant von 26,5 Millionen Protestanten in Deutschland. Der bisherige Ratsvorsitzende Manfred Kock geht nach sechsjähriger Amtszeit in den Ruhestand.

Mit seiner Wahl zum Ratsvorsitzenden der EKD hat Wolfgang Huber eien späten Sieg errungen. Schon bei der letzten Ratswahl vor sechs Jahren galt der sprachgewandte Sozial- und Bioethiker und scharfe Denker als Favorit. Das Rennen machte damals jedoch überraschend der als Außenseiter gehandelte Manfred Kock (67), den Huber jetzt ablöst. Der 61-Jährige zählt zu den intellektuellen Vordenkern und bekanntesten Köpfen der evangelischen Kirche in Deutschland. Wenige Kirchenführer verstehen so virtuos wie er auf der Klaviatur der modernen Medien zu spielen.

Großer Befürworter der Ökumene

Huber gilt zudem als ernst zu nehmender Partner der Politik, weil er brennende Themen wie den Embryonenschutz und Sterbehilfe sachlich fest im Griff hat. Als großer Befürworter der Ökumene machte sich der neue Repräsentant von rund 26,5 Millionen evangelischen Christen einen Namen, als in Berlin in diesem Jahr der erste Ökumenische Kirchentag über die Bühne ging.

Immer wieder wurden Huber Ambitionen auf das höchste Amt in der protestantischen nachgesagt. In der Öffentlichkeit hielt er sich stets zurück, wie er selbst auf der EKD-Synode in Trier sagte, um keinen Namen vorher schon tot zu reden. Huber sieht sich in der Nachfolge links-protestantischer Denker wie Karl Barth und dem von den Nazis 1945 hingerichteten Dietrich Bonhoeffer. Wie Bonhoeffer vertritt Huber die Überzeugung, dass die Kirche sich einmischen muss in der Welt. In seinem Arbeitszimmer hat Huber eine Bonhoeffer-Büste stehen "mal lächelt er mich an, mal grollt er mit mir", sagte Huber in Trier.

Für soziale Gerechtigkeit

Bei seiner Vorstellung auf der Synode forderte Huber eine offene missionarische Arbeit und eine Stärkung des Protestantismus. Dabei setzt er sich ebenso für liberale Freiheitsrechte wie für soziale Gerechtigkeit ein. Bevor er 1993 zum Oberhaupt der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg gewählt wurde, lehrte er Theologie in Marburg und Heidelberg und strebte ein SPD-Bundestagsmandat an. Eng verbunden war er mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag, den er in Düsseldorf leitete. Wissenschaftliche Meriten verdiente er sich mit dem mehrbändigen, noch mit seinem Vater begonnenen Werk "Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert!".

Huber agiert auf erstaunlich vielen Schauplätzen und wirkt dabei immer hellwach und kompetent: als Mitglied des Nationalen Ethikrates zu Fragen der Gentechnik, als Honorarprofessor der Humboldt-Universität Berlin oder Mitherausgeber des christlichen Magazins "chrismon". Obwohl von Amts wegen um moderates Auftreten bemüht, vermag er sich in Debatten durchaus scharf und unmissverständlich zu äußern - so etwa in den Debatten um Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus. Er verteidigt das Kirchenasyl als christliches Verständnis von Menschenwürde. Im Kopftuch-Streit bezog er anders als Kock klar Position und wandte sich gegen das Tragen solcher Tücher im Unterricht.

"Westimport"

Sein Credo ist eine offene Kirche, die selbstbewusst auf Menschen zugeht. Vor der Bischofs-Wahl als "Westimport" gerade im Ostteil der Berlin-Brandenburger Kirche nicht unumstritten, gilt er inzwischen als Glücksfall. Selbst interne Kritiker erkennen zudem seine Leistung beim Zusammenwachsen des Ost- und Westteils der Kirche sowie bei der von ihm mit angeschobenen Strukturreform an. Als er das Amt übernahm, wurde die Landeskirche gerade von einer Austrittswelle und einer schweren Finanzkrise erschüttert. Ende April 2004 läuft die zehnjährige Amtszeit Bischof Hubers aus. Das Bischofswahlkollegium hat aber ihn und den Görlitzer Pfarrer Hans-Wilhelm Pietz als Kandidaten nominiert. Damit könnte seine Amtszeit verlängert werden.

Wolfgang Huber wurde am 12. August 1942 in Straßburg in eine Juristenfamilie geboren. Sein Vater war der Rechtslehrer Ernst Rudolf Huber, seine Mutter Rechtsanwältin. Sein Großvater mütterlicherseits, Walter Simons, war 1920/21 Reichsaußenminister und später Präsident des Reichsgerichts. Huber ist seit 1966 mit der Lehrerin Kara Huber-Kaldreck verheiratet, die beiden haben drei Kinder.

Thomas Kunze / DPA