VG-Wort Pixel

Youtube-Interview der Kanzlerin Die Sendung mit der Merkel


Lach- und Sachgeschichten mit der Kanzlerin: Angela Merkel verliert sich beim Interview auf dem neuen Youtube-Kanal der Bundesregierung in Allgemeinplätzen. Das Spannendste am Format sind die Fragen.
Von Björn Erichsen

Vor einigen Wochen wurde Günther Jauch dafür kritisiert, dass er in seinem Interview mit Angela Merkel zu zahm gewesen sei. Reiner Kuschelkurs statt forscher Fragen, so der Vorwurf. Immerhin, das ist beim Kanzlerinnen-Interview auf dem neuem Youtube-Kanal der Bundesregierung besser gelungen. Zwar geriert sich Moderator Torsten Föste ("Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin…") nicht weniger ehrfuchtsvoll als Jauch, jedoch liest der eingekaufte Journalist die von Bürgern per Internet eingesandten Fragen im Wortlaut vor. Und so erfährt die Kanzlerin ungeschönt, dass Volkes digitale Stimme Bundestagsabgeordnete für "versteckte Lobbyisten" hält, oder dass manche ihrer Landeskinder glauben, dass ihr die Fragen hier doch nur "ins eine Ohr rein und ins andere wieder raus" gehen würden. Derartige Respektlosigkeiten verleihen dem Format durchaus einen gewissen Unterhaltungswert - wenn nur Merkels Antworten nicht wären.

Seit die politische Klasse von der Existenz des Internet erfahren hat, mühen sich die Volksvertreter um den Netzkontakt zu ihren Bürgern. Und so gibt es nicht nur einen twitternden Regierungssprecher und einen im Bundeskanzleramt für teures Geld produzierten wöchentlichen Podcast, sondern seit Mitte Oktober auch ein Regierungskanal auf der Videoplattform Youtube. Dort lässt sich virtuell durch das Kanzleramt spazieren, in einem kurzen Video beschwört Finanzminister Wolfgang Schäuble die Zukunft des Euro, und der thüringische Obergefreite Marvin Heyer darf vom Dienst im Wachbataillon berichten. Das Highlight der Seite ist aber derzeit das Kanzlerinnen-Interview, dessen erster Teil seit Freitag abrufbar ist. Die Botschaft ist klar: Mehr Bürgernähe war nie.

Wenn interessiert schon die Euro-Krise?

Knapp drei Wochen lang durfte jedermann der Kanzlerin schreiben. Knapp 1800 Fragen sind insgesamt eingegangen, was Regierungssprecher Steffen Seibert für ein "sehr schönes Echo" hält. Tatsächlich sind die Einsendungen das Interessanteste an dem Format, spiegeln sie doch die Frustration vieler Menschen über die politische Klasse wider. Und sie zeigen wie weit die Lebenswelt der Bürger von der politischen Agenda entfernt ist: So betrifft keine der zehn von den Usern höchstbewerteten Fragen den Mega-Komplex "Euro" bzw. "Schuldenkrise". Stattdessen geht es in der aktuellen Folge des Videos um ganz andere Theme n: Steuererleichterungen für Malstifte und Windeln, Parteispenden, die Rente und die Einnahmen von Abgeordneten.

Die Kanzlerin nun beantwortet diese Fragen der Bürger in etwa so wie sie regiert: humorlos, nüchtern, technokratisch. Auf die Frage, wie es sein könne, dass sich ausgerechnet "Großverdiener aus dem System der gesetzlichen Krankenkassen ausklinken" würde, sparte sie sich die Antwort auf das "Warum" einfach aus - und lieferte stattdessen Nachhilfe in Politik und Zeitgeschichte: Das Nebeneinander von privaten und gesetzlichen Krankenkassen sei in Deutschland "historisch gewachsen" und habe "Vorteile wie auch Nachteile", lässt Merkel den Zuschauer wissen. Ebenfalls, dass "die Rente relativ sicher" sei. Und eine Frage nach stärkerer Bürgerbeteiligung beantwortete sie mit dem Hinweis auf die "unterschiedlichen Aufgaben von Bundestag und Bundesrat in der föderal organisierten Bundesrepublik".

Vom Town-Hall-Meeting weit entfernt

Das Ganze liegt nur unwesentlich über dem Niveau der Lach- und Sachgeschichten aus dem Kinderfernsehen. Und so ist der Wert des digitalen Regierungskanals für den Bürger nicht viel größer als bei einem Schmuse-Interview mit Jauch. Von dem Charme amerikanischer Town-Hall-Meetings, bei denen sich Politiker den Bürgerfragen spontan in einer vollbesetzten Turnhalle stellen, ist das starr moderierte Format weit entfernt. Es verhält sich so ähnlich wie im letzten Bundestagswahlkampf, als die deutschen Parteien auf Barack Obamas Spuren wandeln wollten und einen gewichtigen Teil ihrer Ressourcen im Netz investierten - sich dort aber auch nicht zu echtem Dialog, geschweige denn Mitbestimmung durchringen konnten. Als "Digitales Glanzpapier" beschreiben Kommunikationsforscher diesen Netzaktionismus der Parteien gern, der doch nicht viel mehr ist als eine herkömmliche Plakatkampagne per Computer.

Der Youtube-Kanal der Bundesregierung ist sicher gut gemeint, aber auch überfällig in einer Gesellschaft, für die Fernsehen zusehends an Bedeutung verliert und in der die junge Generation einen Großteil ihrer Zeit im Netz verbringt. Zwei weitere Teile des Kanzlerinnen-Interviews werden noch veröffentlicht: Am Montag kommender Woche und am Mittwoch wird Merkel weitere Bürgerfragen beantworten, und zumindest beim letzten Teil könnte das Einschalten tatsächlich lohnen. Denn man darf durchaus gespannt sein, wie weit die Kanzlerin ausholen wird, wenn sie sich dem mit großen Abstand meist gewünschten Thema der Online-Einsendungen widmet: der Freigabe von Cannabis.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker