Zu Gast bei Freunden Die Deutschen öffnen ihre Wohnzimmer


Karl Sanwald aus Berlin feiert mit seinen Gästen brasilianische Parties, Familie Müller lernt Origami-Falten. Deutsche Gastgeber berichten, was sie mit WM-Fans aus aller Welt erlebt haben.
Von Kathrin Buchner

Noch nie zuvor haben die Deutschen so bereitwillig ihre Häuser und Wohnungen für ausländische Gäste geöffnet: Völkerverständigung und Gastfreundschaft stehen bei der WM hoch im Kurs. Millionen Fußball-Fans aus aller Welt haben privat eine Unterkunft gefunden und mit ihren Gastgebern zusammen die Spiele angesehen, gefeiert, gegessen und getrunken.

Für eine Studie haben Studenten der Hochschule Künzelsau/Heilbronn 9000 WM-Gäste befragt. 95,3 Prozent bewerteten die Stimmung in Deutschland mit den Noten gut und sehr gut. Neue Freundschaften sind entstanden, die auch über das Event hinaus Bestand haben.

Einen entscheidenen Anteil haben Vermittlungsplattformen wie "Host a Fan", durch die es überhaupt möglich wurde, dass ausländische Gäste schnell und unkompliziert eine private Unterkunft vermittelt bekamen. Authentisch und ungefiltert berichten Gastgeber auf stern.de von ihren Erlebnissen mit Fußball-Fans aus aller Welt.

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Wie Familie Müller aus Karbach in die Kunst des Origamifalten eingewiesen wurde

Roland und Marlies Mülller aus Karbach berichten:

Seit März gingen die ersten Anfragen per email bei uns ein. Natürlich hatten die meisten Fans Interesse, möglichst nahe an den Spielstätten (Frankfurt/ Nürnberg) zu wohnen, was wir leider nicht bieten konnten. Aber einige Fans wollten ihren Aufenthalt zur WM auch dazu nutzen, Land und Leute näher kennen zu lernen. So konnten wir in der ersten WM-Woche bei uns in Karbach (ca. 6 km von der A3 entfernt) zwei Familien begrüßen, die aus London und Philadelphia angereist waren, um ihre südkoreanische Mannschaft bei den Spielen anzufeuern. Da beide Familien in Großstädten wohnen, waren sie von der ländlichen Gegend ganz begeistert. Während die Erwachsenen fasziniert die Fronleichnam-Prozession verfolgten, hatten es den beiden 2 1/2-jährigen Jungs vor allem die Traktoren angetan. Die Freude war groß, als sie sich dann sogar einmal auf den Traktor unseres Nachbarn setzen durften (natürlich mit entsprechender Fotosession). Wir begleiteten unsere Gäste auch auf Ausflügen nach Lohr und Würzburg - von beiden Städten, die sie sonst auf ihrer Fahrt durch Deutschland eigentlich hätten an der Autobahn links liegen lassen, waren sie total beigeistert.

Nach der Abreise der koreanischen Gäste holten wir zwei japanische Studentinnen vom Bahnhof Karlstadt ab, die das Spiel ihrer Mannschaft in Nürnberg gegen Kroatien besucht hatten. Und zu Hause auf unserer Terrasse schauten wir am Abend noch gemeinsam das Match der Südkoreaner an, die ebenfalls von den Japanerinnen lautstark angefeuert (spielen doch einige Südkoreaner auch in der japanischen Liga) wurden. Während sich die beiden in unser Gästebuch eintrugen, erhielten wir gleich noch einen kleinen Einblick in die Kunst des Origami (japanische Papierfaltkunst). Geschickte Hände zauberten in kurzer Zeit aus zwei Stückchen Papier zwei Kraniche. Während unserer Fahrt zurück zum Bahnhof erzählten mir die Japanerinnen am nächsten Tag, dass sie jetzt nach Paris weiterfahren würden. Während ich sie um ihre Fahrt nach Paris beneidete, erklärten sie mir, dass ihnen Deutschland viel besser gefällt und sie bestimmt noch einmal wiederkommen werden. Kleine Anekdote am Rande: gerade, als mich Asami bei der Fahrt durch den Wald fragte, ob es hier auch "wilde" Tiere gibt, sahen wir am Waldrand ein Reh und dann hoppelte auch noch ein Hase vor uns gemütlich über die Straße - so etwas wird einem Tokyo nicht geboten!

Unsere nächsten Gäste reisten aus Südamerika an - zwei junge Argentinier mit ihrem Vater. Als wir ihnen zur Begrüßung Kartoffelsalat, Steaks und Nürnberger Bratwürste servierten, waren sie ganz begeistert von der deutschen Küche. Mit dem deutschen Straßenverkehr war es dann nicht so leicht. Die Jungs hatten nur Führerscheine, die in Deutschland nicht gültig waren und der Vater traute sich nicht, auf dem deutschen "Highway" zu fahren. Also fuhren wir die drei zu Ausflugszielen in der Nähe bzw. zum Bahnhof, wenn sie mit dem Zug nach Frankfurt wollten. Um ihnen schon einen kleinen Vorgeschmack auf die Atmosphäre in den Stadien zu geben, schauten wir mit den argentinischen Gästen das Spiel Deutschland - Ecuador in den Posthallen am Würzburger Bahnhof an. Sie konnten es gar nicht fassen, wie groß die Begeisterung der deutschen Fans ist, hatte man doch als Südamerikaner so seine Vorstellungen vom Temperament der Deutschen. Krönender Abschluss war das anschließende "Fußballfest" auf den Straßen und Plätzen Würzburgs.

"Last minute" im wahrsten Sinne des Wortes " kam eine Anfrage in der Halbzeitpause des Spiels Schweden - England am Dienstag abend. Vier Schweizer Fans fragten telefonisch an, ob sie nach dem Spiel auf dem Weg in Richtung Süden noch eine Unterkunft bei uns bekommen könnten. Die bekamen sie natürlich! Gegen 2.30 Uhr trafen sie ein und nach einer kurzen Nacht mit anschließendem Frühstück auf der Terrasse ging es weiter. Wie es bei uns in den nächsten Tagen mit den Gästen weitergeht, können wir noch nicht sagen. Eines steht aber jetzt schon fest: die letzten Wochen haben uns viele neue Eindrücke, Spaß und Erinnerungen an die Weltmeisterschaft im eigenen Land gebracht. Und nicht zuletzt hoffen wir mit dazu beigetragen zu haben, dass "die Welt sich zu Gast bei Freunden" fühlen konnte.

Brasilianische Privatpartys bei einem Berliner Rentner

Karl Sanwald, 59, Rentner aus Berlin schreibt:

Da ich gerade Neu-Rentner geworden bin, habe ich mir gedacht, Fans aufzunehmen ist eine tolle Idee, Leuten kennenzulernen. Insgesamt waren 20 Leute bei mir zu Gast. Russen, Brasilianer, Serben, Schweizer, zwei Araber aus Dubai, aber auch Deutsche aus Hamburg und Freiburg. Ich war begeistert, wie unbekümmert alle waren und wie schnell sie sich bei mir zu hause gefühlt haben. Eigentlich habe ich nur ein Gästezimmer, das war schon besetzt von einem jungen Paar aus Serbien. Aber ein brasilianisches Paar brauchte unbedingt noch eine Unterkunft, die haben sich mit meiner Couch zufrieden gegeben.

Es wurde der schönste Abend der WM: Alle zusammen haben wir auf der Fanmeile das Spiel Brasilien gegen Kroatien angeguckt, haben bis zwei Uhr morgens gefeiert, es hat sich niemand allein gefühlt. Dann haben wir auch noch Leute mit genommen und in meiner Wohnung bis sieben Uhr morgens eine Party gemacht mit richtig brasilianischer Stimmung. Mit den Brasilianern war ich auch im Olympiastadion. Die werde ich auf jeden Fall in Brasilien besuchen. Alle anderen haben mich auch eingeladen, aber alle kann ich leider nicht besuchen. Ich habe es sehr genossen, meinen Gästen die Stadt zu zeigen, ihnen Frühstück zu machen und mich mit ihnen zu unterhalten und dabei mein Englisch zu verbessern. Nach der WM werde ich sicher in ein Loch fallen.


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