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Zwischenruf: Befreit Lafontaine!

Verachtung und Ausgrenzung machen den Vorsitzenden der Linken nicht schwächer, sondern gefährlicher. Seine politischen Konkurrenten sollten auf ihn zugehen - sein politischer Kurs ist ein einziger Schrei nach Respekt stern Nr. 35/2007

Den Casus Lafontaine kann man politisch oder psychologisch betrachten. Die Konkurrenten der Linken, alarmiert wegen seiner Beutezüge durch die Wählerschaft, haben sich angewöhnt, ihn politisch zu interpretieren - und auch so auf ihn zu antworten. Insbesondere die Sozialdemokraten, die nach anfänglicher Sprachlosigkeit nun holzen gegen den "Rattenfänger" und seine Skrupellosigkeit beim Einsammeln von Protestwählern, ganz links, aber auch ganz rechts. Wenn er etwa George W. Bush einen Terroristen nennt und iranische Atomrüstung gegen das atomar bewaffnete Israel für gar nicht so verwerflich hält. Die Konfrontation ist unvermeidlich, aber sie macht Lafontaine noch attraktiver für die Versprengten und Verzweifelten, die nur ein Motiv kennen: die Etablierten in Angst und Schrecken zu versetzen. Quietschen die weithin vernehmbar, ist der Zweck erreicht, und Oskar wächst zum Helden. Fruchtbarer wäre es, über Lafontaines Psychologie nachzudenken. Wie kommt ein Mann dazu, der zeitlebens ein intellektueller, kulturinteressierter, hedonistischer West-Linker war, zuweilen sogar einer mit reformerischen Impulsen, die er selbst heute als neoliberal geißeln würde, sich fortwährend zu radikalisieren, scheinbar bedenkenlos, bis ins Irrationale hinein?

Warum wird aus einem traditionellen Machtpolitiker so etwas wie ein ideologischer Taliban? Die alte Erklärung taugt nicht mehr: Rache. An Gerhard Schröder, den Lafontaine unter seiner Kontrolle glaubte - als er noch die SPD führte und Rot-Grün begann - und der sich dann doch als der Stärkere erwies und ihn aus dem Kabinett mobbte. Der Rachedurst ist gestillt: Schröder verlor die Kanzlerschaft, weil ihm Lafontaine entscheidende Prozente nahm, und die beiden haben inzwischen fast schon ihren Frieden miteinander gemacht. Jedenfalls schilderte Schröder den Ämterflüchtling in seinen Memoiren verblüffend sanft und anerkennend als den Begabtesten, dem er in der Politik je begegnet sei, und Lafontaine antwortete in seiner Rezension im stern ebenso sanft - beeindruckt und geschmeichelt.

Isolation und Kränkung enträtseln Lafontaines Psyche. Schon als der Liebling der Partei alle Ämter hingeschmissen hatte und ins Saarland geflohen war, hatte er vergebens auf den Aufstand der SPD gehofft, den Ruf: Oskar statt Gerd. Und später auf eine Einladung zum Parteitag. Den Liebesentzug hat er nie verkraftet, der Mann, der sich so ultrahart gebärdet und im Innersten doch eher feinsinnig, weich und verletzlich ist. Heute ist sein politischer Kurs ein einziger Schrei nach Wahrnehmung, Respekt. Je verbissener die SPD, ja die gesamte politische Klasse ihn als Outcast, als Unberührbaren behandeln, schneiden und ausgrenzen, desto mächtiger wächst in ihm der Drang, den Druck zu verstärken, wehzutun, bis sie einfach nicht mehr an ihm vorbeikönnen.

Fundamentalisten wachsen unter Isolation, ob in den Bergen Afghanistans oder im Deutschen Bundestag. Lafontaine zurückzuholen, ihn zu befreien, kann also nur gelingen, wenn man ihm Achtung entgegenbringt, ihn abholt, konsultiert, einbindet - das Gespräch sucht. Dieser Auftrag gilt nicht nur für die SPD, er gilt für den Bundespräsidenten, die Kanzlerin, die Würden- und Mandatsträger aller Parteien. Man nennt den anderen nicht einen Holzkopf oder Terroristenhelfer, wenn man eben mit ihm geplaudert oder gar ein Glas Wein getrunken hat. Niemand wartet darauf so sehr wie Lafontaines eigene Partei. Denn keiner außer der SPD leidet inzwischen so unter ihm wie die Linke. Es ist ein Lustleiden: Er macht sie stark und stärker, aber er führt sie auch programmatisch ins Abseits - und in scharfen Gegensatz ausgerechnet und ausschließlich zum Wunschpartner SPD. Gregor Gysi seufzt.

Und immer ungenierter setzen sich Jungrealos aus dem Osten in Widerspruch zum Altfundi aus dem Westen. Der verdammt die Privatisierung öffentlicher Leistungen, die verkaufen defizitäre Krankenhäuser an Klinikkonzerne und diskutieren die Umbenennung des Berliner Olympiastadions nach einem Sponsor, um Geld für Soziales zu sammeln. Der will den Abzug der Bundeswehr von überallher, die beginnen, über humanitäre und Friedenseinsätze zu diskutieren. In der Führung der Linken treibt das auf einen Großkonflikt zu. Für ein Jahr ist Lafontaine gerade neben Lothar Bisky zum Parteichef gewählt. Dann könnte statt Bisky die junge Ostberlinerin Gesine Lötzsch an Lafontaines Seite rücken, für weitere zwei Jahre. Danach, ab 2010, will die Parteisatzung nur noch einen Vorsitzenden respektive eine Vorsitzende: Lafontaine oder Lötzsch. Er wird dann 67. Wäre er befreit von seiner Seelenqual, könnte er, vor der Wahl 2013, auch seine Partei befreien. Und als Ehrenvorsitzender abtreten.

Hans-Ulrich Jörges/print

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