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Zwischenruf: Das Skalpell der SS

Der erfolgreichste Maler der Gegenwart, Gerhard Richter, stellt sich in einer Ausstellung vor seinen Schwiegervater, der für Hitlers Rassenpolitik Hunderte von Zwangssterilisationen verantwortete. Verdrängung, die zum Skandal wird.

Von Hans-Ulrich Jörges

Der Mann im Vordergrund lächelt verhalten mit einer Art Bekennerstolz. Er bekennt sich vor dem Fotografen zu dem Bild im Hintergrund, das er 1964 gemalt hat. Von diesem Bild lacht breit ein anderer, mit Besitzerstolz, denn er umfasst eine Frau und zwei Kinder. "Familie am Meer" hat Gerhard Richter sein Gemälde genannt. Es ist eines von rund 60 Werken, vom Künstler ausgewählt und arrangiert, die das Museum Frieder Burda bis Ende April in Baden-Baden ausstellt. Doch der Titel des Gemäldes ist falsch. Weder handelt es sich um eine Familie noch bei dem Mann mit dem schütteren Haar um einen gewöhnlichen Vater.

Über Richters Schulter lacht sein Schwiegervater Heinrich Eufinger, SS-Obersturmbannführer, als Direktor der Frauenklinik Dresden- Friedrichstadt von 1935 bis 1944 verantwortlich für mehr als 800 Zwangssterilisationen geistig oder körperlich Behinderter, an denen er teils aktiv mitwirkte. Zu seiner Rechten: Ema, Tochter des Professors, Richters spätere Frau. Die scheinbare Mutter ist Anneliese Gräfin von der Osten, Patientin des furchtbaren Mediziners, im Arm ihr Sohn Erimar. Dem Betrachter wird das nicht erklärt. Auch das 24 Euro teure Buch zur Ausstellung schwurbelt unklar an der Wahrheit vorbei. Richter stellt sich vor seinen Schwiegervater, in der doppelten Bedeutung des Wortes. Das Foto wird zum demonstrativen Akt, zum Skandal des 76-Jährigen, den der "Guardian" zum "Picasso des 21. Jahrhunderts" erhob, der im Kölner Dom ein Fenster gestalten durfte und dem zum 70. im New Yorker Museum of Modern Art die größte dort je gezeigte Retrospektive eines lebenden Künstlers gewidmet wurde.

Richter hat das bild nach einem 1936 an der Ostsee geknipsten Foto gemalt. Da hatte Eufinger sein erstes Jahr in Dresden absolviert, das Jahr mit den meisten Zwangssterilisationen: 184 Mädchen und Frauen wurden unfruchtbar gemacht, im Dienste von Hitlers Rassenpolitik. Als unwissend gelten konnte Richter nur bis zum 22. August 2004, als der Autor Jürgen Schreiber im "Tagesspiegel" das Ergebnis akribischer Recherchen veröffentlichte, im Jahr darauf sein Buch "Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie". Das Drama ist: Auch Richters Tante Marianne sollte 1938 bei Eufinger unters Skalpell geschoben werden. Doch die an Schizophrenie erkrankte 21-Jährige wurde wegen ihrer schlechten Verfassung, in Arnsdorf unfruchtbar gemacht, im Februar 1945 schließlich in der Euthanasie-Anstalt Großschweidnitz umgebracht. Richter hat 1965 auch "Tante Marianne" gemalt, nach einem Foto von 1932. Vor dem 14-jährigen Mädchen lag, vier Monate alt, der spätere Maler.

"Treu, hart, zielbewusst"

Richter war zunächst beeindruckt von Schreibers Recherchen, im September 2005 aber verteidigte er Eufinger: "Er hatte nichts von einem Nazi, er war hoch gebildet, tüchtig, ein sehr imponierender Typ." Seine SS-Akte berichtet anderes: Der Arzt, der auch in der DDR Karriere machte, Richter als Dresdner Stipendiaten aushielt und 1988 in Wilhelmshaven hoch geachtet starb, war 1933 NSDAP und SA beigetreten, im Juli 1935 der SS (Nr. 284 645). Die Akte nennt ihn "treu, hart, zielbewusst". Im Januar 1944, zum 50. Geburtstag, befördert ihn Heinrich Himmler persönlich zum Obersturmbannführer, erst drei Monate zuvor war er Sturmbannführer geworden: "Reichsführer-SS bittet, dem Kameraden Eufinger seine Glückwünsche und Dank für seinen Einsatz für die Schutzstaffel zu übermitteln." Er hatte sich auch um fruchtbare SS-Ehen verdient gemacht.

Das Gemälde mit diesem Mann darf nicht mehr ausgestellt werden - jedenfalls nicht ohne Erklärung, unter dem zynischen Titel. Richter zieht damit eine fatale Parallele zu dem Schriftsteller Günter Grass. Beide haben sich intensiv mit der NS-Zeit auseinandergesetzt; Richter malte etwa "Herrn Heyde", Chef des Euthanasieprogramms, bei der Verhaftung. Über die persönliche Verstrickung aber strauchelten beide. Grass schwieg bis ins Alter über den Dienst in der Waffen-SS, Richter sucht im Alter Enthüllte wieder zu verbergen.

Seine Ausstellung soll von Mai bis Juli auch in Peking gezeigt werden, danach in Edinburgh und Wien. Am Mahnmal für die Opfer von Großschweidnitz, wo Tante Marianne anonym verscharrt liegt, heißt es: "Es blühe über den Gräbern Euer Herz, Aber vergesst uns nicht." Nichts weist darauf hin, dass Richter das Grabfeld je besucht hätte.

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