Zwischenruf Die Neun-Prozent-Kaste


Nur noch eine verschwindende Minderheit bekundet Vertrauen in Deutschlands Konzernführer - ihr Ansehen rangiert ganz unten, noch hinter dem des Zentralrats der Muslime. Politik und Wirtschaft müssen handeln.
Von Hans-Ulrich Jörges

Der Duden definiert "asozial" als "unfähig zum Leben in der Gemeinschaft" oder "am Rand der Gesellschaft lebend". Nachdem Post-Chef Klaus Zumwinkel als vermögender Steuerflüchtling aufgeflogen war, sprach Hubertus Heil, Generalsekretär der SPD und wahrhaft kein Linker, von einer Gruppe "neuer Asozialer", die sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichere. Das löste Empörung aus bei Spitzenmanagern - verständlich. Dennoch hat Heil nicht ganz unrecht. Denn die Deutschen, eine bestürzend große Mehrheit von ihnen, hat die Manager in der Tat als Kaste ausgegrenzt, an den Rand der Gesellschaft gerückt. Eine Erhebung, die ich im April beim Berliner Forsa-Institut in Auftrag gegeben habe, eine repräsentative Umfrage unter 1004 Bundesbürgern über Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen, offenbart: Nur noch neun Prozent der Deutschen haben "großes Vertrauen" in "Manager von Großkonzernen".

Damit bilden die Konzernlenker das Schlusslicht unter 29 zur Abstimmung gestellten Institutionen. Noch hinter dem Zentralrat der Muslime, dem 14 Prozent vorbehaltloses Vertrauen entgegenbringen, und den politischen Parteien, die mit 16 Prozent an drittletzter Stelle rangieren. Das ist ein verheerendes Urteil, zugleich ein höchst alarmierendes, denn in Zeiten der Globalisierung, des rasanten Dahinschmelzens gewohnter Sicherheiten, müssten gerade die Manager Vorbilder sein, Anker der Verlässlichkeit. Der Neun-Prozent-Kaste aber wird von den Deutschen das glatte Gegenteil bescheinigt: Verantwortungslosigkeit, rücksichtsloser Egoismus, Verrat an allem, was sie an die Gesellschaft binden müsste.

Der Konzernmanager ist nicht Vorbild, er ist Zerrbild geworden, wird als Fratze des Kapitalismus wahrgenommen. Ihm traut man alles zu. Rekordgewinne bei den Dax- Konzernen, Millionengehälter von Vorständen auch in Firmenkrisen, Millionenabfindungen selbst für krasse Versager, dazu luxuriöse Alterseinkünfte und viele, viele Extras, das alles gekrönt von Siemens-Skandal und Steuerflucht à la Zumwinkel, haben den Ruf ruiniert. Und Reformpolitik als Schröpfen von Millionen zur Bereicherung von Millionären diskreditiert. Das ganze Land zahlt dafür.

Generell arbeitgeberfeindlich, fundamental antikapitalistisch aber hat das die Deutschen nicht werden lassen. Denn befragt nach dem "eigenen Arbeitgeber", bekunden 68 Prozent anhaltend großes Vertrauen, zwei Drittel also - zur Wirtschaft und zu Unternehmern immerhin noch je ein Drittel. Persönlich machen die Deutschen also in ihrem Betrieb ganz andere Erfahrungen, als das zerstörte Manager-Leitbild vermuten lässt. Das ist ein glänzender Vertrauensbeweis vor allem für mittelständische Firmen und Familienunternehmen, in denen die große Mehrheit Beschäftigung findet. Deren Eigentümer und Manager verhalten sich offenbar ganz anders, verantwortungsbewusst, sozial verwurzelt und persönlich bescheiden - vertrauenerweckend eben. Und im Umkehrschluss ist es ein umso vernichtenderes Urteil über Konzernlenker, von denen wenige das Image aller verdorben haben.

Wem vertrauen die Deutschen noch inmitten der Krise der Eliten? Der "eigene Arbeitgeber" rangiert weit oben, an fünfter Stelle, vor ihm die Polizei (78 Prozent), die Ärzte (75), der Bundespräsident (72) und die Universitäten (72). Es folgen die Gerichte und die Umweltorganisationen mit jeweils 58 Prozent. Bundesregierung und Gewerkschaften rangieren im Mittelfeld, haben aber gegenüber einer vergleichbaren stern-Umfrage 2005 einen Sprung nach oben gemacht: die Große Koalition um 14 auf 39 Prozent, die Gewerkschaften um 9 auf 37. Höchst differenziert fällt das Urteil über die Medien aus: Dem Radio bringen 57 Prozent ungebrochenes Vertrauen entgegen, der gedruckten Presse 41, dem Fernsehen nur 29. Die Banken, nach eigenem Anspruch das Gewerbe des Vertrauens, kommen gerade auf 33 Prozent. Den Kirchen geht es nicht viel besser: Die evangelische liegt mit 44 Prozent relativ weit vorn, während der katholischen nur 27 Prozent vorbehaltlos vertrauen - viertletzter der 29 Ränge. Wir sind Papst? Das sehen offenbar viele ganz anders.

Der Krebsschaden am Vertrauenskapital der Gesellschaft aber sind die Konzernmanager. Die Therapie der SPD, gesetzliche Begrenzung von Gehältern und Abfindungen, findet bei solcher Diagnose starken Widerhall, weit über die Linke hinaus. Das Neun-Prozent-Desaster ist aber auch Appell an die Wirtschaft. An die Konzerne, sich ihrer Ethik mit einem Kodex der Selbstbeschränkung zu besinnen. An Mittelstand und Familienunternehmen, ihre eigene Kultur selbstbewusst zu pflegen. Und an die Politik, sich weniger sprunghaften Renditejägern zuzuwenden als denen, die für kommende Generationen wirtschaften. Denn die verdienen Vertrauen.

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