Zwischenruf Krieg nach dem Krieg


Die deutsche Politik hat den Feldzug im Irak von Anfang an falsch interpretiert - Amerika und Israel geht es um die Neuordnung der arabisch-islamischen Welt. Aus stern Nr. 16/2003

Saddams Ende ist erst der Anfang. Der Beginn einer mit atemberaubender Kühnheit - man könnte auch sagen: haarsträubender Risikobereitschaft -, missionarischem Eifer und enormer Militärkulisse in Szene gesetzten Neuordnung des gesamten Nahen und Mittleren Ostens durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Das sagt sich leicht, in klare Sprache übersetzt heißt das Projekt nichts anderes als Gewalt und Krieg, jedenfalls die Bereitschaft - oder gar Entschlossenheit - dazu, falls politischer Druck und geheimdienstliche Manöver allein den Zweck nicht erfüllen. Wir Deutschen, wir Europäer müssen jetzt, jetzt endlich, begreifen, dass wir den Krieg im Irak von Anfang an falsch interpretiert, falsch diskutiert und von unserer Politik falsch erklärt bekommen haben. Auch die Parole "Blut für Öl" verfehlt den Kern.

Denn Ziel des Feldzuges war niemals an erster Stelle oder gar ausschließlich die Entwaffnung des Irak, die Zerstörung seiner Massenvernichtungswaffen. Das war nicht mehr als propagandistische Verkleidung, um Unterstützung für die eigentliche Absicht zu gewinnen: den Sturz des Regimes. Und das erklärt auch, warum die Erfolge der Waffeninspekteure, die Konzessionen Saddams, die Beschwörungen aus Berlin und Paris in Washington nur auf taube Ohren stießen.

Das aufsässige Nordkorea

Die kriegskritischen Europäer und die neokonservativen Strategen in den USA haben stets aneinander vorbeigeredet. Regime Change, das Auswechseln unliebsamer, unberechenbarer oder unbeweglicher Potentaten, war und ist deren Absicht. Nicht nur im Irak. Und hier liegen die gemeinsamen Interessen Amerikas und Israels, die endlich offen diskutiert werden müssen, weil sie jene Ära bestimmen, in die wir nun hineingestoßen worden sind und die auch erklären, warum das atomar aufsässige Nordkorea geschont wird.

Das Scheitern des Nahost-Friedensprozesses liefert den Schlüssel zum Verständnis. Im Juli 2000 unternahmen die USA unter Präsident Bill Clinton den letzten Versuch, den damaligen israelischen Regierungschef Ehud Barak und den Palästinenser-Präsidenten Jassir Arafat in Camp David mit den Mitteln klassischer Diplomatie zu einem Verständigungsfrieden zu bewegen. Beide fühlten sich indes vom jeweils anderen überfordert; Arafat wurde, auch von Clinton, zum Sündenbock erklärt.

Seither stehen die Amerikaner ganz auf Seiten Israels. Sie makeln nicht mehr, sie tauschen aus: die störenden Figuren im arabischislamischen Lager. "Krieg gegen den Terror" ist das verbindende Motto, denn die offene Palästinafrage ist die Quelle der Angriffe gegen Israel wie die USA. Arafat wurde als Erster matt gesetzt, der palästinensische Ministerpräsident Mahmud Abbas ist - vorerst - als neuer Partner ausersehen. Nach Arafat rückte Saddam ins Fadenkreuz, denn ohne den Zweiten ist der Erste gar nichts mehr. "Die Palästinenser, die sich nach Reformen sehnen, werden dann besser dazu in der Lage sein, neue, echte Führer zu wählen", verkündete George W. Bush. Ein demokratischer Irak werde ein "dramatisches und inspirierendes Beispiel der Freiheit für andere Nationen" in Nahost sein. Wäre der Irak indes friedlich abgerüstet worden, hätten die UN-Sanktionen gegen Saddam aufgehoben werden müssen - und er hätte mit seinen Öleinnahmen rasch neue Stärke gewonnen. Nun werden der syrische Staatschef Baschar Assad und das iranische Mullah-Regime ins Visier genommen. Assad, im Juli 2000 noch als pro-westlicher Reformer angetreten, hat sich zum Gegner gewandelt; der Iran scheint, einen Angriff fürchtend, hektisch atomar aufzurüsten.

Die Dominotheorie

In Washington wird eine neue Dominotheorie dagegengesetzt: Der Fall des Irak begünstigt einen Umsturz in Teheran und kippt Syrien, sodass rasch auch dessen Protektorat Libanon fällt und am Ende sogar Saudi-Arabien, die Heimat Osama bin Ladens, demokratisiert wird. Die korruptesten und repressivsten Regime in der Region wären beseitigt, die Wurzeln des Terrors gegen Amerika wie Israel ausgerissen.

Oder genau umgekehrt frisch gedüngt. Denn eine Kette von Kriegen könnte die schöne Dominotheorie in einem Aufstand der islamischen Massen untergehen lassen. Und den Westen endgültig spalten. Genau darüber wird nun in Washington zwischen Ultras um Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz und Realisten um Außenminister Colin Powell gestritten. Der Sieg in Bagdad gibt den Falken einstweilen Aufwind. Pure Illusion zu glauben, sie würden die Beute nun bereitwillig den UN ausliefern. Sie brauchen den Irak - als Flugzeugträger für neue Kriege.

Hans-Ulrich Jörges print

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