HOME

Zwischenruf: Und Friedman schweigt

Der gescheiterte Moralist lechzte nach seiner "zweiten Chance". Als er sie bekam, versagte er, wie eine denkwürdige Fernsehnacht offenbarte. Aus stern Nr. 48/2003

Der Hitler hat ja in einem Maße dieses Land in Bewegung gebracht, das man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Er hat in den 30er Jahren, was bis in die 40er, 50er, man kann sagen: in die 60er Jahre weitergewirkt hat, den Leuten einen Elan vermittelt, der vollkommen von uns gewichen ist." Sagt Arnulf Baring. Und Michel Friedman schweigt. Und wenige schauen zu. Es ist Sonntag, der 9. November 2003, eigentlich schon Montag, der 10., denn das "nachtstudio" im ZDF hat erst zehn Minuten nach Mitternacht begonnen.

Arnulf Baring, der als Zeitgeschichtler zu dem Namen kam, den er nun als verstörter Trommler koboldhaft zertrümmert, hockt vor dem elektrisch flackernden Kamin, an dem sonst nur schwer vermittelbare Geistesakrobaten einem schwer zu messenden Publikum schwer Verständliches zu schweren Träumen schnüren.

Der den Hitler in Baring zum Leben erweckt

Ihm gegenüber an diesem historischen Datum, das Synagogen brennen und Mauern einstürzen sah: Michel Friedman, der an schneeweißem Koks und lebendfrischer Liebe aus der Ukraine gescheiterte Doppelmoralist, der nach seiner "zweiten Chance" giert. Rechts von Baring Monika Zimmermann, die als Historikerin vorgestellt wird; links Daniela Dahn, die Schriftstellerin, die stets das Gute im Osten sucht und doch immer nur das Böse im Westen findet. Neben Friedman Volker Panzer, der intellektuell ondulierte Moderator, der in dieser denkwürdigen Nacht den Hitler in Baring zum Leben erweckt. Und den Moralisten in Friedman zu Grabe trägt.

Baring also preist den Unsäglichen als größten aller Volkserwecker, der die besten Kräfte der Deutschen entfesselte - so gewaltig, dass es nach der Eroberung der Welt noch zu Wiederaufbau und Wirtschaftswunder reichte. Nicht Adenauer noch Erhard - Hitler war‘s. "Was ich immer wieder sage, ist: Wenn ein Bruchteil des Enthusiasmus, den der Hitler für sein Regime leider Gottes mobilisieren konnte, für die Republik mobilisiert würde, wären wir aus allen Schwierigkeiten raus."

Und Friedman schweigt. Und Baring spricht. Man müsse doch den Leuten sagen: "Wir schaffen das, und wir wollen irgendwo hin ? Diese Vision muss natürlich irgendwo sagen: Wir haben doch früher mal was Anständiges geschafft." Und Friedman schweigt. Die Hand am Kinn. Aus halb gesenkten Lidern kriecht ein schwerer, müder Blick.

“Das ist doch aber... Hören Sie mal!"

"Es ist mir jetzt etwas unwohl dabei", erhebt sich da, zögernd, Monika Zimmermann gegen den Hitler, der das Anständige schuf. "Da würde ich zum Beispiel lieber an Roman Herzog erinnern, und zwar an den Ruck." Denn Hitler habe "an niedere, an niedrige Instinkte appelliert". Worauf Baring sich empört: "Das finde ich aber ganz fatal. Niedere Instinkte - ich bitte Sie!" Und Friedman schweigt. Und Zimmermann legt nach: "Da würde ich nicht gerne wieder anknüpfen." Und gerät in Rage: "Das ist doch aber ? Hören Sie mal!" Und Friedman schweigt. Und die Hakelei der anderen geht weiter.

Da endlich, leise, schleppend und defensiv, schleicht Friedman auf die Bühne: "Wir wollen doch nicht sagen, dass nur über die Nazis und Hitler Menschen mobilisiert werden. Ich bin wirklich erstaunt. Ich bin wahrscheinlich der völlig Falsche, aber ich muss es sagen: Was Konrad Adenauer geschafft hat, war doch auch Enthusiasmus, was Willy Brandt geschafft hat - man kann zu der Politik der Einzelnen stehen, wie man will -, war ja auch: etwas Außerordentliches mehrheitsfähig werden zu lassen, Dynamik in der Gesellschaft zu erarbeiten." Man kann schweigen, wenn man redet: "Nur" und "auch" markieren Friedmans geducktes Schweigen.

Er hat den Spruch zur Monstranz poliert

"Nie schweigen!!!" Er hat den Spruch zur Monstranz poliert und lässt die Gläubigen vor den drei Rufzeichen niederknien, wo immer er sonst seine Messe liest. Sabine Christiansen hat er die Monstranz ins Gästebuch gerammt und ein Reporter des "Tagesspiegel" war Zeuge, als er sie einer Anbeterin nebens Autogramm malte. In Cannes, wo er sich dem Blatt Stunden zum schonungslosen Interview preisgab - um es am Ende feige aus der Zeitung zu kippen. Ein "Dokument des Schreckens" sei es gewesen, das von "unfassbarer Verblendung" zeuge, sagt einer, der es las.

Warum schwieg Friedman in Barings Nacht? Weil er zurückwill. Sofort. Ganz hoch. Und dafür muss er geliebt werden, selbst von den Barings. Michel Friedman hat nichts gelernt. Michel Friedman ist zerbrochen. Seine Reue ist geronnene Eitelkeit. "Ich werde nie lieb und gefällig sein", sagt er "Max" im Interview. "Dann könnte ich auch gleich sterben." Er darf beweint werden.

Hans-Ulrich Jörges / print