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Zwischenruf: Wirf einen Zwerg!

Ein zweifelhafter Extremsport hält Einzug in die deutsche Politik: das Schleudern von Kleinwüchsigen. Wer am weitesten fliegt, soll Bundespräsident werden. Aus stern Nr. 30/2003

Haben Sie schon mal von Zwergenwerfen gehört? Muss Ihnen kein Begriff sein. War bislang nur ein Fall für Rummelbudenbesitzer, Menschenrechtler und juristische Seminare. Sollte Ihnen aber nun einen Moment der Aufmerksamkeit wert sein. Denn das Zwergenwerfen hält Einzug in die deutsche Politik. Nur virtuell, versteht sich, sonst hätte längst der Staatsanwalt den Schauplatz betreten, dafür aber mit erstrangiger Besetzung. Denn ausgerechnet der Wettstreit ums höchste Amt im Staate entpuppt sich als wahres Zwergenwerfen. Wo man hinschaut: Kleinwüchsige, von taktierenden Parteiführern gewogen und in die Arena geschleudert, um im kommenden Mai Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland zu werden. Und die wird dabei, betrachten wir das Format der Kandidaten, kenntlich als Republik von Liliput.

Rein technisch betrachtet vollzieht sich Zwergenwerfen nach folgenden Regeln: Muskelbepackte Athleten treten in einem Wettkampf gegeneinander an, indem sie kleinwüchsige Menschen auf ihre Arme klettern lassen, bis hart an eine Abfluglinie Anlauf nehmen und die Zwerge dann mit aller Kraft durch die Luft schleudern. Die haben den Kopf in einen Sturzhelm verpackt und pumpen während des Fluges wie Schwimmer mit den Ärmchen, um schließlich auf einer gepolsterten Turnmatte zur Landung anzusetzen - möglichst elegant per Purzelbaum. Der Rekord soll bei 3,33 Metern liegen, aber das ist nicht verbürgt.

Als Entertainment kommerzialisiert

Denn verlässliche Dokumentationen jenes zweifelhaften Flugverkehrs werden selbst im Zeitalter der Globalisierung nicht geführt. Es gibt weder einen Weltverband der Zwergenwerfer noch eine Internationale Föderation der Kleinflieger. Sicher ist nur, dass der Zwergen-Weitwurf seinen Ursprung in den Weiten Australiens hatte, dann in Amerika als Entertainment kommerzialisiert wurde und von dort aus seinen Weg über Großbritannien nach Europa nahm.

Um dort hart gegen eine Wand der Justiz zu prallen. Denn Zwergenwerfen ist geächtet. Die Menschenrechtskommmission der Vereinten Nationen setzte den Jahrmarkts- und Disco-Klamauk als Verstoß gegen öffentliche Ordnung und Menschenwürde auf den Index. In Deutschland untersagte es das Verwaltungsgericht Neustadt schon vor zehn Jahren, Menschen zur Belustigung des Publikums wie ein Sportgerät wegzuschleudern. Seither lernen Jurastudenten, dass dies selbst dann gilt, wenn das Spektakel mit Zustimmung der Geworfenen inszeniert wird. Denn die Würde des Menschen ist ein unverfügbarer Wert, auf dessen Achtung der Einzelne unter keinen Umständen verzichten kann.

Die Parteien, obgleich von Juristen überflutet, haben daraus freilich nichts gelernt. Politiker werfen und lassen sich werfen, als wären sie freigestellt von Artikel eins des Grundgesetzes. Als Erste hat Angela Merkel das nationale Flugfeld betreten und den Männersport damit auch für das vermeintlich schwache Geschlecht geöffnet. Sie schleudert im Übrigen Kleinwüchsige jeden Geschlechts, was ebenfalls eine Neuerung darstellt.

Aber die starke Angela wird gewiss nicht alleine bleiben auf dem präsidialen Juxplatz. Denn natürlich halten auch ihre Gegner Ausschau nach geeigneten Akrobaten, die sie ins Rennen werfen könnten. Sie tun sich dabei indes entschieden schwerer, denn sie sind längst nicht so reich gesegnet mit flugfähigem Personal. Und wer lässt sich schon zur bloßen Gaudi des Publikums herumschleudern, wenn er gar keine Chance hat, am Ende mit dem Lorbeer des Siegers bekränzt zu werden?

Testpiloten, untauglich für den Endkampf

Man studiert also zunächst mal die Zwerge der Frau Merkel, bevor man die eigenen Kleinwüchsigen auswählt, deren Gewicht wägt und die Ballistik politischer Flugbahnen berechnet. Angela Merkel hat unterdessen schon ein paar Probewürfe hingelegt, um ihre Wichte zu sortieren. Annette Schavan, Petra Roth, Dagmar Schipanski, Klaus Töpfer und Erwin Teufel wurden, einige ohne Helm, weggeworfen - und kehrten nicht zurück. Testpiloten, untauglich für den Endkampf, weil entweder zu frau oder zu zwerg.

Edmund Stoiber wurde bloß auf den Arm genommen, nicht aber geworfen. Denn er will sich weder als Zwerg hergeben noch in die Luft befördert werden. Wolfgang Schäuble wiederum gefällt ihr nicht, weil er kein rechter Zwerg ist und größer zu erscheinen droht als sie selbst. Also hat sie einen in die engere Wahl genommen, der Zwerg ist und bleiben wird: Bernhard Vogel. Schon als Mainzelmann war er vollständig ausgewachsen. Na denn: Flieg, Vogel, flieg!

Hans-Ulrich Jörges / print