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APOLLO 13: Odyssee im All

Drama im Weltraum: Bei der dritten Reise zum Mond kommt es zum Fiasko. Der Strom im Raumschiff fällt aus, Sauerstoff entweicht. Die drei Astronauten schweben in Lebensgefahr. Um die Katastrophe abzuwenden,wagt die Crew nie geübte Rettungsmanöver. Der STERN erzählt die Chronik einer Irrfahrt

Drama im Weltraum: Bei der dritten Reise zum Mond kommt es zum Fiasko. Der Strom im Raumschiff fällt aus, Sauerstoff entweicht. Die drei Astronauten schweben in Lebensgefahr. Um die Katastrophe abzuwenden,wagt die Crew nie geübte Rettungsmanöver. Der STERN erzählt die Chronik einer IrrfahrtEine Serie von Michael O. R. Kröher

Es war die Untertreibung des Jahrhunderts: 'Houston, wir haben ein Problem', meldet Astronaut Jack Swigert am 13. April 1970 um 21 Uhr 07 Ortszeit an 'Mission Control' in der südtexanischen Metropole. Wenige Sekunden zuvor ist das Raumschiff, in dem Pilot Swigert, sein Kollege Fred Haise und Kommandant Jim Lovell mit 3500 Stundenkilometern in Richtung Mond rasten, von einem schweren Rumms erschüttert worden. Jetzt torkelt das knapp 20 Meter lange Gefährt wie angeschossen durchs All. Das Kontrollinstrument für einen der beiden Haupt-Stromkreise zeigt einen deutlichen Spannungsabfall. Die Computer der Bodenstation haben den Defekt auch erfaßt. Schlimmer noch: Die Füllanzeige für einen der beiden Sauerstofftanks im Versorgungsteil des Raumschiffes ist schlagartig auf Null gesunken. Und zwei der drei Brennstoffzellen, in denen aus Sauerstoff und Wasserstoff mit Hilfe von Platin-Katalysatoren Strom erzeugt wird, sind offenbar ausgefallen. 'Wenn das alles stimmt, können wir die Mondlandung vergessen', ahnt Lovell. Bei Mission Control hofft man noch, die Alarmsignale könnten sich als 'Ratten-Daten' entpuppen, als Computer- oder als Meßfehler der sensiblen Instrumente. Doch innerhalb weniger Minuten ist klar: Die Anzeigen stimmen. Nun steigt der Adrenalinspiegel auch bei den hartgesottenen Experten. Zuallererst geht es um drei Menschenleben, die da draußen, etwa 330000 Kilometer von der Nasa-Zentrale entfernt, in einer Blechdose kauern, umgeben vom 270 Grad kalten, absolut tödlichen Vakuum des Weltalls. Das könnte nun, so die unausgesprochene Schreckensvision, binnen kürzester Zeit aus dem Meisterstück modernster Raumfahrttechnik einen High-Tech-Sarg machen. Vor 25 Jahren galten Raumfahrt-Unternehmen als 'Mission'. Mondlandungen waren als Triumphe geplant, als Schritte zur Verwirklichung eines uralten Menschheitstraums: der Eroberung des Weltalls. Die sich anbahnende Katastrophe stellte dieses gesamte Programm in Frage. Apollo 13 hatte von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden. Weil die vorgesehene Mannschaft mit dem Trainingsprogramm in Verzug geraten war, mußte die Crew einspringen, die ursprünglich für Apollo 14 vorgesehen war: Lovell, Haise und Ken Mattingly. Dann, eine Woche vor dem Start, wurde Mattingly durch Jack Swigert vom Reserve-Team ersetzt. Mattingly hatte keine Antikörper gegen Röteln im Blut. Und weil einer seiner Astronauten-Kollegen angesteckt worden war, befürchteten die Nasa-Ärzte, die Krankheit könne bei ihm während des Fluges ausbrechen. Swigert hingegen war immun. Für Abergläubische ist es die Unglücksziffer 13, die das Unheil heraufbeschworen hat: Apollo 13 war am 11. April um 13 Uhr 13 Ortszeit Houston gestartet, zum Knall kam es am 13. des Monats. Und der Raumschiff-Name 'Odyssey' schien plötzlich wie ein Beweis für die sprichwörtliche Verbindung von Nomen und Omen. Bei der Nasa ist man gewohnt, auf jede Frage sofort eine Antwort zu kriegen, für jedes Problem eine Lösung parat zu haben. Jetzt dauert es kostbare Minuten, bis die Auswirkungen der Erschütterung erfaßt sind. Als Kommandant Lovell mit einem Blick durch eines der winzigen Fenster seiner Raumkapsel rauszukriegen versucht, wes-halb sein Raumschiff noch immer durch den Kosmos schwankt, entdeckt er eine Gaswolke achteraus. 'Anscheinend blasen wir etwas ins All', meldet er an Mission Control. Von dort aus kann die Quelle rasch aufgespürt werden. Ein Sauerstofftank ist leckgeschlagen. Auch der zweite Tank, so zeigen die Daten auf den Monitoren, verliert Druck anfangs nur langsam, doch bald immer schneller. Sein Vorrat, so kalkulieren die Experten in Houston hastig, würde nur noch wenige Stunden reichen. Selbst wenn die Apollo-Crew auf die Mondlandung verzichtete und auf dem schnellsten Weg zur Erde zurückkehrte, würde das noch Tage dauern.

Die Astronauten vermuten, ein Meteorit habe eingeschlagen zu klein, um der Fernüberwachung aufzufallen, doch im Vakuum des Weltalls schnell und energiereich genug, um wie eine Granate zu wirken. Bei Mission Control sieht man eher einen Zusammenhang mit einem Handgriff von Pilot Swigert. Der hatte den Rührmechanismus für den halbgefrorenen Sauerstoff-Vorrat angeschaltet unmittelbar darauf war die Anzeige für den ersten Tank auf Null gefallen. Zwar hatte die Bodenstation das Rühren angeordnet. Das stark heruntergekühlte Gas mußte regelmäßig durchmischt werden, damit es sich nicht verfestigte. Doch technische Fehler konnte man sich in dem vielfach getesteten Wunderwerk einer Apollo-Kapsel nicht vorstellen. Doch jetzt ist die Krise da. Das Versorgungsteil, in dem die Sauerstofftanks, die Brennstoffzellen, die Schaltkreise und alle anderen lebenswichtigen Vorräte und Apparaturen untergebracht sind, liegt unzugänglich hinter dem Hitzeschild der 'Odyssey'-Kapsel. Und die Techniker, die jeden Kabelstrang und jede Lötstelle, jede Flansch und jedes Ventil noch mit verbundenen Augen hätten finden, auseinandernehmen und reparieren können, sind Hunderttausende von Kilometern weit weg. Und der Abstand wird von Minute zu Minute grö-ßer. Houston, 13. April, 22 Uhr. 'Odyssey' fliegt auf einer Bahn, die es in eine optimale Ausgangslage für den Abstieg zum geplanten Zielgebiet am Fra-Mauro-Hochland des Mondes bringen soll. Für eine Notrückkehr zur Erde müßte das Raumschiff wieder beschleunigt werden. Dann könnte es um den Mond herumschwenken und, von der Fliehkraft dieser Bewegung geschleudert, auf direktem Kurs zur Erde zurückfliegen. Doch wie soll man das Triebwerk zünden ohne Strom? Wie sollen die Computer navigieren, die Position bestimmen, den Kurs berechnen, Brennzeit und Kraft der Rakete kontrollieren? Und würde das beschädigte Raumschiff den Beschleunigungsschub überhaupt aushalten?

Apollo 13, 13. April 22 Uhr 07. Für die Klärung der tausend Fragen, die sich mit dieser ersten Havarie eines bemannten Raumschiffs im Weltall auftun, bleibt keine Zeit. Noch eine Stunde nach dem Knall mühen sich die Astronauten die schwer schlingernde 'Odyssey' so weit unter Kontrolle zu bekommen, daß die empfindlichen KreiselInstrumente die Daten für die Navigation richtig erfassen und weiterverarbeiten können. Das Stabilisierungsprogramm, das in solchen Fällen die kleinen Steuertriebwerke automatisch zündete, kommt mit dem Rollen und Stampfen offenbar nicht klar. Kommandant Lovell muß mit der Handsteuerung korrigieren. 'Ich krieg das Ding nicht ausgerichtet', flucht er. Gleichzeitig müssen Hunderte von Instrumenten und Anzeigen kontrolliert, Dutzende von Schaltern betätigt, die Effekte überprüft und an die Bodenstation durchgegeben werden. 'In solchen Momenten weiß man als Astronaut instinktiv, daß einem die besten Experten der Welt zur Seite stehen', sagt Jim Lovell. 'Man spürt mit jedem Funkspruch, daß dort, am anderen Ende, ein hochkompetentes und hochmotiviertes Team schuftet, um eine Lösung des Problems zu finden. Das gibt ein so gutes Gefühl wie Geld auf der Bank.' Astronauten werden trainiert, die in solchen Krisensituationen aufkeimende Angst nicht zu verdrängen, sondern zu akzeptieren. Dadurch, so die bewährte psychologische Taktik, läßt sich Panik vermeiden. Doch unter der Hochspannung macht sich zumindest bei Kommandant Lovell Bitterkeit breit. Immerhin hatte kein Mensch so viel Zeit wie er im Weltall zugebracht, keiner hatte so hart auf die Mondlandung hingearbeitet. 'Seit 1958, seit ich mich zum ersten Mal als Astronaut beworben hatte, träumte ich davon, dort oben zu stehen. 1969 war ich Ersatzmann für Neil Armstrong, den ersten Mann auf dem Mond, und jetzt, beim Sprung zum Höhepunkt meines Lebens, riß ich die Latte.' Mit 42 Jahren weiß Lovell: Er würde keine weitere Chance bekommen. Zudem hat er seiner Frau und seinen vier Kindern versprochen, daß er die Raumfahrt aufgeben würde (enttäuscht nannte er später sein Buch über Apollo 13 'Lost Moon' 'Der verlorene Mond'*).

Houston, 13. April, 22 Uhr 20. Ein findiger Controller hat schließlich die entscheidende Idee: Benutzt die Mondlandefähre als Rettungsboot! Die Sauerstoff-Vorräte des spinnenbeinigen Gefährts, als Tochterschiff von 'Odyssey' ähnlich würdevoll 'Aquarius' getauft, sind nahezu unangetastet. Lunar Excursion Modul (Lem) hat Strom, Wasser, Treibstoff und ein intaktes Raketentriebwerk. Der Verbindungskanal von der havarierten 'Odyssey' zum Rettungsboot 'Aquarius' steht bereits offen. Mit dem Vorschlag kommen zugleich die ersten Zweifel auf. Das Lem ist nur für zwei Astronauten konstruiert; der dritte sollte während der Mondlandung in 'Odyssey' bleiben. Abgesehen von der Enge in der Kabine, die gerade mal so groß ist wie eine Telefonzelle: Würde der für zwei Mann kalkulierte Sauerstoffvorrat denn vier Tage lang für drei reichen? Ursprünglich sollte 'Aquarius' nur zwei Tage in Betrieb sein. Und würde das kleine Triebwerk, nur 4500 Kilopond Schub stark, das große, gut 10000 Kilopond starke von 'Odyssey' wirklich ersetzen können? Den Ingenieuren der Erbauer-Firma, die sofort zu Rate gezogen werden, sträuben sich die Nackenhaare. Dergleichen ist noch nie ausprobiert worden.

Apollo 13, 13. April, 22 Uhr 40. 'Was wir tun sollten', sagt Jim Lovell, 'glich dem verrückten Plan einer Familie, die mit einem großen Wohnmobil in Urlaub fährt und zum Brötchenholen hinten ein Mofa auf dem Gepäckträger hat. Kurz vorm Ziel gibt's einen Motorschaden bei dem V-8 vorne unter der Haube und nun soll das Mofa das schwere Wohnmobil den weiten Weg bis nach Hause abschleppen. Aber wir hatten keine andere Wahl.' Die Astronauten haben vor allem keine Zeit. Der Sauerstoffvorrat in dem leckgeschlagenen Tank schwindet viel schneller als vorausberechnet. Aus 40 verbleibenden Minuten werden einen Augenblick später nur 18, dann sieben, dann vier. Während Pilot Swigert an Bord des Mutterschiffs eilig ein System nach dem anderen abschaltet, arbeitet sich Fred Haise fieberhaft auf dem umgekehrten Weg durch die Schalter des Lem. Kommandant Lovell kümmert sich um das anstehende Flugmanöver. Bevor 'Aquarius' die Steuerung des gesamten Raumschiffs übernehmen konnte, mußte sein Computer mit den Flugdaten aus 'Odyssey' gespeist werden mühsame Handarbeit, die obendrein Umrechnungen ebenfalls von Hand erforderte. Bevor das letzte Quentchen Strom durch die Kabel von 'Odyssey' floß, müssen diese Angaben übertragen sein sonst ist die Grundlage für alle künftigen Manöver auf ewig verloren. Zahlen, Codes und Kurzformeln schwirren durch die winzigen Kapseln, dazwischen schnarren die Funksprüche von der Erde an 'Aquarius' wie auch an 'Odyssey' und zurück. 'Houston, könnt ihr meine Zahlen bestätigen?' drängt Lovell. In der Hektik passieren Fehler. So wird die automatische Stabili-sierung des Mutterschiffs abgeschaltet, bevor die des Lem eingeschaltet ist. Darauf gerät das ganze Gefährt erneut schwer ins Trudeln. Und als am Ende die drei Männer zusammengepfercht im wild rollenden Lem hocken, stellen sie fest, daß sich eine der Batterien für das Wiedereintauchen von 'Odyssey' in die Erdatmosphäre automatisch angeschaltet hat, als die Astronauten noch mit dem Umzug und dem Datentransfer beschäftigt waren. Jetzt fehlt ein Teil der eisernen Energiereserve eine Hypothek, die in den kommenden Tagen den Ingenieuren noch erheblich Kopfzerbrechen bereiten sollte.

Houston, 14. April, 1 Uhr. Bei einer eilig anberaumten Pressekonferenz geben selbst höchste Ränge der Nasa zu, daß Apollo 13 'in die bislang schwerste Krise der bemannten Raumfahrt' geraten ist. Es helfe jetzt wenig, über die Ursachen zu spekulieren. Es gehe nur darum, die drei Männer aus dem All zu retten und sicher nach Hause zu bringen. Die gesamte Nasa-Maschinerie wird auf Krisenmanagement umgepolt. Gene Kranz, der erfahrenste Flugdirektor und damit oberste Autorität in Mission Control, wählt die routiniertesten und pfiffigsten Ingenieure aus. In Zimmer 210, einem fensterlosen Konferenzraum ein Stockwerk unter Mission Control, versammeln sich zwei Dutzend Männer mit gelockerten Krawatten und aufgekrempelten Ärmeln. Sie diskutieren von nun an Computerausdrucke, hastig skizzierte Bahnkurven und handschriftliche Tabellen. Telefon-Standleitungen werden gelegt zu allen wichtigen Zulieferfirmen des Apollo-Projekts und zu allen daran beteiligten Arbeitsgruppen der Nasa. Sekretärinnen organisieren Kaffee und stangenweise Filterzigaretten. 'Und damit ihr's wißt: Scheitern kommt nicht in Frage!' schwört Flugdirektor Kranz seine 'Tiger Team' getaufte Truppe ein. Andere Ingenieure haben im Archiv das entlegene Handbuch und darin das Kapitel für das jetzt notwendige Beschleunigungsmanöver des Lem-Triebwerks gefunden. Fieberhaft berechnen sie die Brenndaten. Nach einem Probelauf im Simulator werden sie an Apollo 13 gefunkt. Lovell und Haise machen das Raketentriebwerk startklar, programmieren den Bordcomputer. Apollo 13, 14. April, 2 Uhr 43. Als der Rechner das Haupttriebwerk von 'Aquarius' zündet, erbebt die Landefähre leicht. Nach fünf Sekunden auf niedrigem Schub befiehlt Lovell dem Computer, Gas zu geben. Nun spüren die Astronauten, wie 'Aquarius' beschleunigt. Nach knapp 25 Sekunden erstirbt das Grollen und Zittern im Rumpf. Wie geplant, schiebt die Landefähre die 'Odyssey'. Houston, 14. April, 2 Uhr 50. Die Navigations-Controller starren auf ihre Computer-Bildschirme, dann zu ihrem Nachbarn, und wieder auf die eigenen Monitore, wo immer detailliertere Peilungen der jetzigen Flugbahn von Apollo 13 aufleuchten: Das schier unmögliche Manöver hat tadellos geklappt. Funkspruch von der Erde: 'Alles klar!' Das lange taumelnde Raumschiff fliegt schnurgerade auf seiner vorausberechneten Bahn, Korrekturen mit den Steuerdüsen sind unnötig. Die Astronauten atmen auf. Sie sind jetzt auf einem Kurs nach Hause. Aber werden Strom, Sauerstoff und Wasser für die ihnen noch bevorstehenden dreieinhalb Tage reichen? 13. April, 21.07 'Houston, wir haben ein Problem', meldet Astronaut Swigert an die Bodenstation der Nasa 13. April, 21.20 Kommandant Jim Lovell entdeckt eine Gaswolke achteraus. 'Anscheinend blasen wir etwas ins All' 13. April, 21.30 Die Krise ist da. Die Astro-nauten können nicht an den Versorgungsteil hinter dem Hitzeschild 13.

April, 22.10 'Ich krieg das Ding nicht ausgerichtet', flucht Lovell. Er muß das Raumschiff von Hand steuern 13. April, 22.40 Ein 'verrückter Plan'. Aber den Astronauten an Bord der 'Odyssey' bleibt keine andere Wahl 14. April, 0.30 Die Landefähre wird zum Rettungsschiff. Aber ein Teil der Energiereserve fehlt 14. April, 2.50 'Alles klar!' Das unmöglich scheinende Manöver hat geklappt. Aber noch liegen über 400000 Kilometer Heimweg vor den Astronauten 'Damit ihr's wißt: Scheitern kommt nicht in Frage!' Es war, als ob ein Mofa ein Wohnmobil abschleppte Wie kann man ohne Strom ein Triebwerk zünden? Für Abergläubische war die Unglückszahl 13 schuld Monate währte die heiße Phase der Vorbereitung, cool gingen die Astronauten an den Start