Avi Primor über die 68er "Wir waren begeistert"


Auch in Israel ist die deutsche Jugendrevolte von 1968 aufmerksam verfolgt worden. Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, "der beste, den wir bisher hatten", wie die "Zeit" zu seinem Abschied schrieb, erinnert sich an jene bewegten Jahre.

Herr Primor, wie ist die deutsche 68er Studentenbewegung in Israel damals wahrgenommen worden?

Widersprüchlich. Zunächst haben wir die Studentenbewegung in Frankreich verfolgt. Frankreich war für uns ein wichtiges Land. Wir haben uns damals gefragt: Was wollen die Studenten? Wir haben es nicht verstanden. Als es dann in Deutschland losging, haben wir ähnlich reagiert: Was wollen die eigentlich? Das sah alles so chaotisch aus. Dann haben die israelischen Medien aus Deutschland erstaunliche Dinge berichtet. Zum Beispiel, dass die deutschen Studenten ihre Eltern, ihre Lehrer, ihre Professoren aufgefordert haben zu sagen, was sie alles im Dritten Reich verschwiegen haben. Das hat bei uns sehr großen Eindruck hinterlassen.

Warum?

Unser Problem mit Deutschland in der Nachkriegszeit war ja nicht, dass man in Israel nicht begriffen hat, dass es kein Nazi-Deutschland mehr gab, und dass die Bundesrepublik eine echte westliche parlamentarische Demokratie war. Wir hatten nicht mal Einwände gegen die DDR. Die DDR war ein Produkt der Sowjetunion, dem größten Besieger des Nazismus. David Ben-Gurion, Staatsgründer Israels und unser großer Held, hat schon damals davon gesprochen, dass jetzt ein demokratisches Deutschland entstehe, und dass wir diese Entwicklung in der Bundesrepublik moralisch unterstützen sollten. Das wollten die Israelis damals nicht wahrhaben. Nur aus einem einzigen Grund: Weil die Deutschen am liebsten alles vergessen wollten. Das hat uns sehr gestört. Es ging gar nicht um die alten Nazis. Auch die nagelneuen Demokraten wollten mit der Nazizeit nichts mehr zu tun haben. Aber mit Leuten, die ihre Identität verdrängen, kann man keinen ehrlichen Dialog führen. Und dann kamen plötzlich diese jungen Deutschen und forderten ein Ende des Schweigens. Wir waren verblüfft, positiv verblüfft.

Glauben Sie, der Eichmann-Prozess in Jerusalem und später die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt, beides in den sechziger Jahren, haben eine tiefe Bestürzung in der deutschen Bevölkerung und bei den Studenten hinterlassen?

Der Eichmann-Prozess wenig. Das hat nur eine Minderheit in Deutschland interessiert. Bei den Frankfurter Auschwitz-Prozessen hatten wir den Eindruck, dass das deutsche Publikum und auch die Richter eher mit den Verbrechern als mit den jüdischen Opfern sympathisierten. Man hat die Überlebenden skandalös behandelt. Manchmal mussten sie mit den Tätern im selben Hotel übernachten. Manchmal wurden sie vor Gericht verhöhnt. Auch in den deutschen Medien sind die Holocaust-Überlebenden oft nicht freundlich weggekommen. Unterschwellig war die deutsche Stimmung: Alles Betrüger, wollen nur Geld haben.

Hatten Sie den Eindruck, dass die deutschen Studenten fassungslos waren über den millionenfachen Mord an den Juden? Dass dies die Triebfeder der Revolte war?

Nein. Wir haben nie angenommen, dass damals der Holocaust im Vordergrund stand. Den Studenten ging es ganz allgemein um das Verschweigen der Naziverbrechen. Dass junge Deutsche überhaupt Fragen stellten, war für uns sehr überraschend.

Wie war zu jener Zeit der israelische Umgang mit Deutschland?

Sehr widersprüchlich. Es gab in den israelischen Medien eine ausführliche Berichterstattung über die Bundesrepublik: Wiedergutmachung ja oder nein, diplomatische Beziehungen ja oder nein. Wie soll man überhaupt mit Deutschen verkehren? Einerseits wollten die Israelis mit diesem Mörderland nie wieder etwas zu tun haben, anderseits wollten sie alles, wirklich alles über Deutschland wissen.

Wie war die Situation nach dem Blitzkrieg vom Juni 1967, als Israel in sechs Tagen Jordanien, Ägypten, Syrien, den Libanon und die PLO besiegte?

Anfangs hat der große Sieg für viel Bewunderung gesorgt. Dann waren wir wieder sehr überrascht, weil plötzlich die deutschen Studenten, und nicht nur sie, ihr Herz für die Palästinenser entdeckten.

Israel war der Besatzer.

Richtig. Dass nun die deutschen Studenten gegen das "imperialistische Israel" demonstrierten und den israelischen Botschafter in Bonn beschimpften und in der Uni ausbuhten, war für die Israelis unglaublich. Sind das die neuen Nazis? Oder nur Verrückte? Die Israelis waren zwar besorgt, aber wieder mal sehr interessiert an den Deutschen. Dass in diesem Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg auf einer Anti-Schah-Demonstration in Berlin von einem Polizisten erschossen wurde, was dann als Fanal der Revolte galt, hat bei uns keiner mitgekriegt.

Waren die amerikanischen Studenten auch für die Palästineser?

Überhaupt nicht. Die waren mit Vietnam beschäftigt. Amerika hat sich überhaupt nicht für Israel interessiert. Sie waren eher feindselig uns gegenüber. Wir hatten seit der Staatsgründung von 1948 null Unterstützung. Weder politisch noch wirtschaftlich noch militärisch. Das hat sich erst nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 geändert. Wir waren plötzlich von strategischem Interesse.

Für die deutschen Studenten war Amerika der Hauptfeind. Wegen Vietnam, wegen Kapitalismus, wegen Imperialismus, wegen überhaupt. Es waren aber unter anderem die Amerikaner, die Nazi-Deutschland befreit hatten und so den deutschen Kriegsvätern eine Niederlage beschert hatten. Nun kämpfen die Kinder der Kriegsväter wieder gegen Amerika. Um die Niederlage der Eltern wettzumachen?

Sicher nicht. Außerdem - die Deutschen wurden doch nicht nur von den Amerikanern besiegt, sie wurden danach auch von den Amerikanern gerettet ...

... Kann es sein, dass die Deutschen ihnen beides übel genommen haben?

Nein. Ich kann diese Proteste gut verstehen. Auch die Proteste gegen Israel wegen der Palästinenser. Ich glaube eher, dass die deutsche Jugend wegen der NS-Verbrechen der Eltern empfindlich geworden ist bei Verletzung der Menschenrechte auf der ganzen Welt. Also waren sie für alle Unterdrückten. Das kann ich gut nachvollziehen.

Aber ist das glaubwürdig, wenn sie gleichzeitig an mörderische Diktaturen hinschmachten, wie Mao, Moskau, Ho-Chi-Minh, nur weil sie das Etikett "links, revolutionär, anti-imperialistisch, anti-kapitalistisch" tragen?

Das war naiv. Aber die kommunistische Propaganda war damals sehr effizient. Die Sowjetunion zum Beispiel hat stets die Araber gegen Israel unterstützt. Und dennoch gab es auch israelische Kommunisten. Sie waren begeistert von den sowjetischen Ideen des Friedens, der Völkerverständigung, des Anti-Imperialismus. Außerdem hatten die Kommunisten die Nazis besiegt. Es war einfach romantisch, Kommunist zu sein. Ich hab meine diplomatische Karriere in Schwarzafrika begonnen. Auch die Afrikaner waren begeistert von der Sowjetunion: Das sind doch die, die die Menschen befreien wollen.

Gab es eine israelische Studentenbewegung?

Überhaupt nicht. Wie gesagt, wir haben die europäischen Revolten nicht verstanden. Mit Ausnahme Deutschlands. Denn die jungen Leute haben gegen das Verdrängen gekämpft. Das hat uns wirklich begeistert.

Die Studentenbewegung war nicht unbedingt demokratisch ...

... keine Revolution ist demokratisch. Dafür war die Bundesrepublik eine gefestigte Demokratie. Die konnte das ab, wie sich historisch gezeigt hat. Vermutlich sind die meisten Revolutionäre in bürgerlichen Karrieren gelandet.

Ein historischer Rückblick - was war das Gute an der Studentenbewegung?

Es gab viele Fehler, und dennoch, West-Deutschland und Westeuropa wurden wachgerüttelt, besonders Deutschland in seiner bleiernen Lethargie. Das war gut. Ich kann damit leben, dass viele Linke bis heute gegen Israel sind. Ich habe das nie als antisemitisch betrachtet, wenn es eine aufrichtige Kritik war. Man kann nicht alles beiseite schieben mit dem Argument, das sei antisemitisch.

Hatten Sie damals auch lange Haare?

Nein, das war bei uns nicht üblich, schon, weil wir zum Militär mussten. Außerdem war ich verheiratet, Vater von Zwillingen und der jüngste israelische Diplomat. Da trägt man die Haare kurz.

Interview: Gerda-Marie Schönfeld

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