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Zweiter Weltkrieg: Das Massaker von Oradour

Am 10. Juni 1944, vier Tage nach der alliierten Landung in der Normandie, hatten Truppen einer SS-Panzerdivision in Oradour 642 Menschen getötet. Nur fünf Männer und eine Frau des Dorfes überlebten das Massaker.

Blick auf die Ruinen von Oradour-sur-Glane und eine Gedenktafel, deren Text lautet: "Gedenkstätte: Eine Gruppe von Männern wurde hier von den Deutschen massakriert und verbrannt. Besinnt Euch"

Blick auf die Ruinen von Oradour-sur-Glane und eine Gedenktafel, deren Text lautet: "Gedenkstätte: Eine Gruppe von Männern wurde hier von den Deutschen massakriert und verbrannt. Besinnt Euch"

Wenige Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie verübte die SS-Panzerdivision "Das Reich" in Oradour-sur-Glane ein Massaker, das in Frankreich das Symbol für den Schrecken der Besatzungszeit und die Barbarei der Nationalsozialisten ist. Die Soldaten ermordeten am 10. Juni 1944 in dem südwestfranzösischen Dorf 642 Menschen, darunter 213 Kinder. Zum 60. Jahrestag gedachte Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Rede bei den D-Day-Feiern in der Normandie der Toten, die "einer entfesselten, unmenschlichen Waffen-SS zum Opfer fielen".

"Starke Geste" des Kanzlers

Die Worte des Kanzlers wurden in Oradour aufmerksam wahrgenommen. "Das ist eine sehr starke Geste, die für uns sehr wichtig ist", sagt Bürgermeister Raymond Frugier, der am Donnerstag Premierminister Jean-Pierre Raffarin zu den Gedenkfeiern empfing. Erstmals habe ein deutscher Regierungschef die Gräueltat anerkannt. Darauf hätten die Menschen in Oradour lange gewartet, sagt der sozialistische Senator Jean-Claude Peyronnet, Präsident der Gedenkstätte Centre de la Memoire d’Oradour: "Ich bin sehr bewegt und im positiven Sinn sehr beeindruckt."

Das Geschehen des 10. Juni 1944 sei eine Tragödie für die Nation und für die ganze Menschheit, sagte Raffarin. Raffarin, der einen Kranz am Gedenkmal für die Toten niederlegte und an einem Gedenkgang durch die Ruinen des Dorfes teilnahm, unterstrich laut Redetext, von Oradour gehe die Verpflichtung aus, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder geschehen könne. Deshalb sei die Versöhnung mit dem "Feind von gestern" wichtig.

Entfesselte Soldateska

Am 6. Juni 1944 gegen 14.00 Uhr marschieren etwa 120 Soldaten der SS-Panzerdivision "Das Reich" in das Dorf bei Limoges ein, andere sperren die Wege ab. Die Bewohner werden zusammengetrieben, Frauen und Kinder in die Kirche gesperrt. Als die Waffen-SS keine Informationen über Waffenverstecke erhält, durchsucht sie das Dorf. Schließlich teilen die Soldaten die Männer in mehrere Gruppen auf und erschießen sie mit Maschinengewehren. "Die Freunde, die auf mich gestürzt sind, haben mich beschützt", berichtet einer der wenigen Überlebenden, Marcel Darthout, der Zeitung "Le Monde".

Er habe mit einem schwer Verwundeten unter dem Leichenberg noch ein paar Worte über dessen Frau und Kinder wechseln können. "Dann hat er sich von mir verabschiedet" und sei gestorben. In der Kirche bringt die SS einen Sprengsatz zur Explosion, anschließend öffnen die Soldaten die Türen und schießen. Schließlich stecken sie das Gotteshaus in Brand. Eine Frau entkommt dem Inferno durch einen Sprung durch ein Kirchenfenster. Eine Mutter, die mit ihrem Baby dasselbe versuchte, wird erschossen. Am Abend plündert die SS Geschäfte und Häuser und steckt das ganze Dorf in Brand. Nur 52 Opfer können identifiziert werden. Bereits am Vortag hatte die SS-Division 99 Geiseln in Tulle getötet.

SS-General blieb unbehelligt

Das Dorf Oradour wurde nach dem Krieg neben den Ruinen wiederaufgebaut, die als Mahnmal und Gedenkstätte stehen gelassen wurden. Die juristische Aufarbeitung des Massakers blieb Stückwerk. Der in Düsseldorf lebende General Heinz Lammerding wurde 1953 für einen Prozess nicht nach Frankreich ausgeliefert.

Sturmbannführer Adolf Diekmann wurde bei Kämpfen mit den Alliierten in der Normandie getötet. Er ist auf dem deutschen Soldatenfriedhof La Cambe beigesetzt, den Schröder bei den D-Day-Feiern am Wochenende mied. Hauptsturmführer Otto Kahn wurde in den 80er Jahren in Ost-Berlin zu lebenslanger Haft verurteilt, inzwischen ist er nach Darstellung des Centre de la Memoire d’Oradour wieder auf freiem Fuß.

Wellen der Empörung

Der Prozess 1953 riss tiefe Wunden in Frankreich: Auf der Anklagebank saßen neben 7 deutschen Soldaten 14 Elsässer, von denen 12 zwangsweise für die SS rekrutiert wurden. Bei der Urteilsverkündung schlugen die Wellen der Empörung im Elsass hoch, das französische Parlament amnestierte die Zwangsverpflichteten schließlich.

Dies wiederum brachte das Limousin auf: Oradour gab wegen "Beleidigung der Märtyrer" die Auszeichnung "croix de guerre" zurück. Am Ortseingang wurden Schandlisten mit den Namen der Abgeordneten aufgehängt, die für die Amnestie gestimmt hatten - darunter der spätere Staatspräsident Francois Mitterrand.

Zeit zur Versöhnung

Ein halbes Jahrhundert später ist auch zwischen den beiden französischen Regionen die Zeit zur Versöhnung gekommen. Erstmals nahm in diesem Jahr eine elsässische Delegation an den Gedenkfeiern in Oradour teil und der Erzbischof von Straßburg wollte eine Messe in der Kirche zelebrieren. Eine Teilnahme der Deutschen ist undenkbar - noch. "Die Rede Schröders kann die Situation völlig verändern", sagt Senator Peyronnet.

Uwe Gepp/AP / AP / DPA