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Bundespräsident in Oradour: Gauck besucht von Nazis zerstörtes Dorf

Als erster deutscher Spitzenpolitiker besucht Bundespräsident Gauck am Mittwoch den französischen Ort Oradour-sur-Glane. 1944 vernichteten SS-Soldaten fast das gesamte Dorf - 642 Menschen starben.

Das kleine Dorf Oradour-sur-Glane, das Bundespräsident Joachim Gauck am Mittwoch besucht, steht für die Grausamkeit der Nazi-Besatzung in Frankreich. 642 Menschen, darunter 452 Frauen und Kinder, wurden in dem rund 20 Kilometer von der Stadt Limoges entfernten Ort in Südwestfrankreich am 10. Juni 1944 durch SS-Männer erschossen, erstickt oder verbrannt. Nur wenige Einwohner überlebten das Massaker.

Als einzige Frau entkam damals Marguerite Rouffanche den Nazi-Schergen. Sie wurde an jenem Nachmittag des 10. Juni wie die anderen Dorfbewohner von deutschen Soldaten aus ihrem Haus geholt. Alle Einwohner wurden auf dem Marktplatz zusammengetrieben, viele Kinder wurde direkt aus der Schule dorthin gebracht. Dann wurden die Männer von Frauen und Kindern getrennt. In Gruppen wurden Väter und Söhne in mehreren Scheunen erschossen.

Die damals 47-jährige Rouffanche sowie hunderte Frauen und Kinder wurden in die Kirche gesperrt. Dann zündeten die Deutschen zunächst eine Art Gasbombe. Wer nicht erstickte, wurde durch Maschinengewehr-Salven erschossen. Rouffanche konnte in die Sakristei flüchten, wo ihre Tochter auf einer Treppenstufe neben ihr tödlich getroffen wurde. Die Mutter überlebte, weil sie sich tot stellte. Dann wurde die Kirche angezündet und niedergebrannt. Rouffanche rettete sich durch einen Sprung aus dem Fenster und überlebte schwer verletzt - sie verlor an jenem Tag ihren Mann, ihren Sohn, die zwei Töchter und einen sieben Monate alten Enkel.

Strafaktionen sollten französischen Widerstand brechen

Das zerstörte Dorf wurde im Jahr 1945 zum Denkmal erklärt und steht noch heute in Ruinen. Ein neues Dorf wurde in den 1950er Jahren auf einem Hügel gegenüber gebaut. Dazwischen liegt seit dem Jahr 1999 ein großes Dokumentationszentrum.

Warum ausgerechnet Oradour zum Ort eines solchen Massakers wurde, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Mindestens 120 Soldaten der 3. Kompanie des SS-Panzergrenadierregiments "Der Führer" waren daran beteiligt, die zur 2. SS-Panzerdivision "Das Reich" gehörten. Die Division war nach schweren Verlusten an der Ostfront nach Südwestfrankreich verlegt worden.

Nach der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie verübten die Soldaten auf ihrem Weg Richtung Norden eine ganze Reihe von Gräueltaten, darunter auch in Tulle in der Nähe von Oradour, wo 99 Männer öffentlich gehenkt wurden. Offenbar hatten die Deutschen den Auftrag, durch Strafaktionen den erstarkenden französischen Widerstand abzuschrecken. Die SS-Behauptung, dass in Oradour Partisanen oder Waffen versteckt gewesen seien, gilt als widerlegt.

Konflikt mit dem Elsass

Den Befehl in Oradour führte SS-Obersturmbannführer Adolf Dieckmann, der noch im Krieg in der Normandie starb. Der Kommandeur der Division "Das Reich", General Heinz Lammerding, machte im Nachkriegs-Deutschland als Unternehmer Karriere. Der als "Mörder von Oradour" bekannte SS-Mann Heinz Barth wurde im Jahr 1983 in der DDR zu lebenslanger Haft verurteilt und im Jahr 1997 freigelassen.

Die juristische Aufarbeitung sorgte in Frankreich für bittere Zerwürfnisse, denn an dem Massaker waren auch Elsässer beteiligt. im Jahr 1953 wurden in Bordeaux zwar 21 Beteiligte verurteilt, doch 13 zwangsrekrutierte Elsässer darunter wurden wenig später durch ein Gesetz aus Paris begnadigt. Oradour lehnte deshalb über Jahrzehnte nicht nur jeden offiziellen Kontakt zum Elsass ab, sondern auch zur Staatsspitze in Paris.

Zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten gedachte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) auch der Opfer von Oradour und brachte im französischen Fernsehen seine tiefe "Scham" darüber zum Ausdruck, dass Deutsche Franzosen so etwas antun konnten. Heute leben noch drei Männer, die dem Massaker entkamen. Einer von ihnen, Robert Hébras, führt Gauck am Mittwoch durch Oradour-sur-Glane.

Christine Pöhlmann, AFP / AFP