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Ein Bild und seine Geschichte: Entweihung einer Ikone

Arzt, Revolutionär und Sexsymbol, ein sozialistisches Heiligenbild: Che Guevara. Der schmächtige Argentinier mit dem starken Willen kämpft für die Umwälzung Südamerikas und wird so zum "Hochwertziel" der CIA. 1967 ist die Jagd zu Ende, der Mythos Che noch lange nicht.

Von Philipp Gülland

Sieht so ein großer Freiheitskämpfer aus? Ein sozialistischer Revolutionär? Ein Minister? Barfuß und mit nacktem Oberkörper, bekleidet nur mit einer schäbigen Militärhose, liegt Ernesto Che Guevara auf einer Bahre in der Waschküche des Krankenhauses von Vallegrande. Sein Körper ist von Kugeln durchlöchert. Er wollte Bolivien die Revolution bringen, es war sein letzter großer Kampf - ein Fiasko, an dessen Ende seine Hinrichtung durch von CIA und Green Berets unterstützten Regierungstruppen steht.

Erbittert haben sie ihn gejagt, die Elitekämpfer des Pentagon. Haben Boliviens Armee bewaffnet und ausgebildet, politische Intrigen gesponnen und hinter den Kulissen die Geschicke des Andenstaates so gelenkt, wie es den USA dienlich zu sein schien. Es wird eine erfolgreiche Jagd: immer enger ziehen sie die Schlinge um Guevara und seine Männer, nur noch 14 Rebellen verstecken sich zuletzt im Dschungel. Es ist eine verlorene Schlacht, die zu kämpfen sie nicht aufhören wollen - das bolivianische Volk will von Revolution nichts wissen, die Guerillas stehen ohne die Unterstützung der örtlichen Kleinbauern und der Kommunistischen Partei Kolumbiens da. Ihrer Grundlagen beraubt, ist die Bewegung hilflos.

Am 8. Oktober 1967 schließlich das letzte Gefecht: Che Guevara wird verwundet und gefangengenommen, es folgen Verhör und Erschießung. Kein Prozess, keine Revision, keine Zeugen. Eine schnelle, kompromisslose, eine schmutzige Lösung und Teil der Ereigniskette die den Revoluzzer mit dem löchrigen Bartwuchs zu einer Art kommunistischem Kurt Cobain erheben sollte, einer Ikone der 68er. Angestrebt hatte die CIA, der südamerikanischen Linken einen ihrer Köpfe zu nehmen, geschaffen hat sie eine Legende: Guevara lebt kompromisslos, kämpft kompromisslos und stirbt kompromisslos, was mehr braucht ein Idol?

So liegt Che nun aufgebahrt in Vallegrande, Militärs und Beamte bestaunen seine Leiche. Man gibt sich stolz, präsentiert den Toten der internationalen Presse, schließlich hat man einen der meistgesuchten Männer der Welt zur Strecke gebracht - dass der Henker, ein bolivianischer Soldat, sich erst Mut antrinken musste und im Rausch neun Schüsse brauchte, um das prozesslose Urteil zu vollstrecken, tut da nichts zur Sache. Che Guevara ist tot.

Ein Liter Formaldehyd, durch die Halsschlagader injiziert, hält die Leiche frisch für die makabre Zurschaustellung. Der Mann, der "zwei, drei, viele Vietnams" in ganz Südamerika schaffen wollte und der seine Ziele ebenso radikal wie konsequent verfolgte, ist tot, die Revolution gescheitert. Das zumindest beteuern Boliviens Machthaber und ihre amerikanischen Berater entschlossen, denn Che wurde schon öfter für tot erklärt und kämpfte dann doch anderswo weiter. Diesmal will man alle Zweifel ausräumen. Und doch: Die makellos gepflegten Hände des Toten wollen nicht recht zu Che Guevara passen, der für seine Gleichgültigkeit gegenüber Körperpflege bekannt war. Das ist Basis für allerlei Verschwörungstheorien, zugleich nährt es auch den Mythos Che, lässt den Revolutionär schnell zum Märtyrer werden, zum Idol einer Generation.

Sein Tod macht ihn unsterblich

Der berühmteste und kompromissloseste Revolutionär seiner Zeit ist tot, sein Leichnam irgendwo in Vallegrande verscharrt. Noch zu Lebzeiten Vordenker und Ideengeber der internationalen Linken, der Studentenbewegung, der 68er, macht erst sein Tod ihn unsterblich. Die Person Guevara wird Symbol und Lebensgefühl: Ohne Che keine Studentenunruhen, keine Rebellion, keine RAF - Che ist 68, Che ist tot, es lebe Che.