Eschede - Zehn Jahre danach Rückblick eines Trauernden


Christl und Astrid Löwen starben am 3. Juni 1998 - im ICE, der in Eschede verunglückte. Jetzt, zum zehnten Jahrestag, erzählt Ehemann und Vater Heinrich Löwen stern.de vom schlimmsten Tag seines Lebens, wie er der Toten gedenkt und dass er erst jetzt langsam seine Freude zurückgewinnt.
Von Malte Arnsperger

Die Trauer war allgegenwärtig. Sie legte sich über seine Seele wie ein schwerer betäubender Schleier, tötete alle Gefühle, verdrängte jeglichen Lebensmut. Doch mit den Jahren lernte er, mit dem Schmerz umzugehen, die Trauer in seinen Alltag zu integrieren, sogar Freude zuzulassen. Heinrich Löwen hat vor zehn Jahren seine halbe Familie verloren. Seine Frau und seine Tochter starben am 3. Juni 1998. In Eschede.

Eschede. Dieser Name steht für das größte Zugunglück der bundesdeutschen Bahngeschichte. Bei Tempo 200 war an jenem Junitag im Sommer 1998 ein Radreifen - ein Teil der gummigefederten Räder - des ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" gebrochen. Der Defekt löste eine Kettenreaktion aus. Der Hochgeschwindigkeitszug entgleiste um 10.59 Uhr. Der hintere Teil prallte auf eine Bahnbrücke, die Wagen wurden ineinandergeschoben - wie eine Ziehharmonika. Die Fahrgäste hatten keine Chance. 101 Menschen starben, 105 wurden zum Teil schwer verletzt.

Urlaub endet in der Katastrophe

Zehn Jahre später. Wieder ist es kurz nach Pfingsten, wieder naht die Urlaubszeit. Auch in Vilshofen liegt der Sommer in der Luft, der gelbe Raps auf den Feldern blendet die Augen, Bienen schwirren umher. Mitten in dieser niederbayerischen Idylle steht das kleine Einfamilienhaus von Heinrich Löwen. Der 63-Jährige sitzt am Esstisch. Langsam streicht sich der grauhaarige Mann mit der flachen Hand über seinen dichten Vollbart, während er über den schlimmsten Tag in seinem Leben erzählt.

Seine Tochter Astrid hat im Frühsommer 1998 gerade ihre erste Anstellung als Lehrerin bekommen, gerade eine eigene Wohnung bezogen. Zusammen mit ihrer Mutter Christl will sich die 26-Jährige einen Kurzurlaub an der Ostsee gönnen. Seit Jahren waren Ferien in der Familie Löwen ein Fremdwort, denn die schwer behinderte Tochter Wiltrud braucht rund um die Uhr die Betreuung durch die Eltern. Doch diesmal will der Vater den beiden Frauen eine Auszeit gönnen, die Pflege ein paar Tage alleine übernehmen.

Um 3.45 Uhr an diesem 3. Juni stehen die 50-Jährige Christl und Tochter Astrid auf. Ein Regionalzug soll sie nach Nürnberg bringen, dann geht es mit dem weißen Hochgeschwindigkeitszug in Richtung Norden. Ein herrlicher Tag kündigt sich an. Heinrich Löwen bringt die gutgelaunten Frauen zum Bahnhof. "Ich habe mir gedacht: Hoffentlich haben die beiden eine gute Fahrt und eine schöne Woche vor sich und erholen sich gut", erinnert er sich. Als der Zug anfährt, winken ihm beide noch. Es ist das letzte Mal, dass er sie sieht. Ihr Pfingsturlaub endet jäh, bevor er überhaupt begonnen hat.

Für Heinrich Löwen ist schon am frühen Nachmittag klar, dass seine Frau und Tochter in dem Unglückszug saßen. Fieberhaft versucht er, etwas über ihren Verbleib zu erfahren. Dutzende Male ruft er bei der eingerichteten Hotline an, muss fröhliche Popmusik in der Warteschleife ertragen, kämpft sich zu überforderten Mitarbeitern durch. Immer wieder gibt er Beschreibungen der beiden Frauen durch. Während er im Radio und Fernsehen von ständig steigenden Opferzahlen hört, wachst bei Löwen die Verzweiflung. Hinfahren nach Eschede konnte er nicht, seine schwerbehinderte Tochter Wiltrud und auch sein 16-jähriger Sohn Christoph brauchen ihren Vater in diesen bitteren Stunden.

Löwen wartet auf ein Lebenszeichen von Christl und Astrid. Nichts. Stundenlang. Aus Stunden werden Tage. "Der Zeitbegriff war verschwommen, ich habe kaum noch gegessen, kaum noch geschlafen", erzählt Löwen. "Das schlimmste war die Hilflosigkeit. Ich war ohnmächtig, konnte nichts tun. Niemand wusste etwas von Christl und Astrid, es war ein Informationschaos."

Löwen versucht, Ruhe zu bewahren. Hand und Ohren ständig am Telefon, Radio und Fernseher, umsorgt er seine Tochter, bemüht sich, den Sohn zu beruhigen. Die dunklen Vorahnungen versucht er zu verdrängen. "Ich hielt die beiden in Gedanken fest, denn ich glaubte, wenn ich aufgebe, erst dann sind sie gestorben." Vergebens. Am dritten Tag nach der Katastrophe, klingeln zwei Polizeibeamte morgens an der Tür in Vilshofen, überbringen die - erste - Schreckensnachricht. Tochter Astrid ist tot. Doch Heinrich Löwen will nicht aufgeben. Er hofft, dass wenigstens seine Frau überlebt hat. Noch sind zehn Schwerverletzte in Eschede nicht identifiziert. Dann sind es nur noch fünf, dann nur noch drei. Am Morgen des 10. Juni klingeln wieder zwei Polizeibeamte am Haus in Vilshofen. Löwen: "Ich fühlte einen tumben Schmerz, der sich über alles legt."

Das gleiche Haus, zehn Jahre später. Zwei gerahmte Fotos stehen in einem Holzregal im Esszimmer. Auf dem einen lacht eine junge Frau, das andere zeigt ihre Mutter. Es sind Astrid und Christl, kurz vor der Tragödie. Vor den beiden Bildern sitzen kleine weiße Mäuse mit rosaroten Ohren. Christl hat sie aus Salzteiggebäck gebastelt. Es sind fünf - soviele, wie die Familie Mitglieder hat.

Seit dem 3. Juni 1998 sind es nur noch drei. "Dieser Tag hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen, hat meine Familie zerstört, meine Existenz erschüttert", sagt Löwen heute. Es sind die deutlichsten, die stärksten Worte eines Mannes, der versucht, die Fassung zu bewahren. Die Stimme des grauhaarigen 63-Jährigen ist fest, selbst wenn er über die Stunden, Tage und Wochen nach dem Unfall spricht. Die Erlebnisse am Unglückstag und danach haben ihn stark gemacht, sagt Löwen. "In der extremen Phase nach dem Unfall war die Trauer sehr schmerzhaft. Damals ging es nur darum, zu überleben", sagt Löwen und starrt auf sein leeres Wasserglas. Dann hebt er den Kopf und sagt: "So etwas durchzustehen, muss man erst mal schaffen. Ich frage mich manchmal selber, wie mir das gelungen ist. Aber der Umgang mit meinem Schmerz hat mich stärker, reifer gemacht. Ich bin gelassener geworden."

Prozess wird eingestellt

Bei einem Thema jedoch weicht die Gelassenheit einer tiefen Verbitterung. Dann nämlich, wenn es um die jahrelangen Auseinandersetzungen mit der Bahn geht. Löwen verschränkt die Arme, seine Stimme wird lauter. "Das Unglück war vermeidbar, da gibt es zahllose Belege dafür, daran gibt es keine Zweifel." Für ihn steht fest: Die Bahn ist für den Tod seiner Frau, seiner Tochter und 99 weiterer Menschen verantwortlich. Tatsächlich haben die Ermittlungen damals zahlreiche Versäumnisse der Bahn und ihrer Zulieferer zu Tage getragen. Nach Ansicht der Lüneburger Staatsanwaltschaft wurde der Radreifen, der die Katastrophe ausgelöst hatte, ungenügend getestet und vorschnell eingeführt. Auch sei er mangelhaft gewartet und zu weit abgefahren gewesen.

Zwei Ingenieure der Bahn und ein Techniker des Eisenbahnrad-Herstellers wurden auch wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Ein Mammutprozess folgte, der nach rund 50 Verhandlungstagen gegen Zahlung einer Geldstrafe eingestellt wurde, den Männern war keine Schuld nachzuweisen. Für Heinrich Löwen, der kurz nach der Katastrophe die "Selbsthilfe Eschede" gegründet hatte und als Sprecher der Hinterbliebenen fungiert, ein Skandal. "Auch die deutsche Justiz hat versagt. Sie hat ihre schützende Hand über das Staatsunternehmen Bahn gehalten, wir Nebenkläger spielten keine Rolle und wurden eher als störend empfunden."

Aber nicht nur die rechtliche, auch die moralische Aufarbeitung des Unfalls hat bei Löwen einen äußerst faden Beigeschmack hinterlassen. Obwohl ihren Mitarbeitern vor Gericht kein schweres Verschulden nachgewiesen werden konnte, zahlte die Bahn den Angehörigen für jedes Todesopfer damals 30.000 Mark (rund 15.000 Euro). Viel zu wenig, sagt Löwen. "Einen Akt der Geringschätzung", nennt er es. Er und andere Angehörige forderten damals 250.000 Euro, hatten sogar in den USA geklagt. Nein, um das Geld an sich sei es ihm nicht gegangen, betont Löwen immer wieder. Vielmehr um ein Zeichen, eine "Geste der Wertschätzung, des spürbaren Bedauerns". Doch Anteilnahme der Bahn habe er nie gespürt. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Konzern sich wirklich für unser Schicksal, unsere Trauer interessiert hat. Und mit ihrer Haltung hat die Bahn Opfer und Angehörige ein weiteres Mal verletzt."

Die Bahn weist diese Vorwürfe weit von sich. Die 30.000 Mark übersteige das in anderen Fällen gezahlte Schmerzensgeld. Zudem habe man seit dem Unfall Schadensersatzzahlungen in Höhe von bislang 32 Millionen Euro geleistet, etwa für psychologische Hilfe oder Heilbehandlungen. "Es ist ein Zug der Deutschen Bahn verunglückt. Und wir sind unseren Kunden verpflichtet", sagte Lutz Bücken, Generalbevollmächtigter der Bahn, zu stern.de. "Daraus ergibt sich unsere Verantwortung, zu der wir auch stehen. Entsprechend haben wir nach dem Unfall alles getan, um das Leid der Opfer und der Angehörigen zu lindern."

Freude ist ins Leben zurückgekehrt

So unangenehm und aufreibend der Kampf mit der Bahn auch war - für Heinrich Löwen war dies in den Wochen und Monaten nach dem Unglück einer der wenigen Konstanten in seinem Leben. Sich für die vielen anderen Angehörigen und Opfer einzusetzen, habe ihm Halt und Kraft gegeben, sagt er. Sowie auch die Betreuung der Tochter Wiltrud und seine Arbeit als Berufsberater. Diese Aufgaben, diese Verpflichtungen, hätten ihm geholfen, den Verlust von Frau und Tochter zu verarbeiten, den Schmerz in sein Alltagsleben einzubinden. "In den Jahren nach dem Unglück habe ich gelernt, besser mit dem Verlust umzugehen. Ich nehme immer mehr am normalen Leben teil", sagt Löwen. Sogar mit der Bahn könne er wieder fahren, auch mit dem ICE. "Ich kann mich mittlerweile wieder über manche Dinge ärgern. Auch über unzuverlässige Kommunalpolitiker", fügt er hinzu - mit einem Grinsen im Gesicht.

Auch die Freude an den schönen Dingen des Lebens ist in Löwens Leben zurückgekehrt. Sei es über den Sieg seines Sohnes bei einem Band-Wettbewerb, sei es über die versteckten Schönheiten seiner niederbayerischen Heimat. Doch: Selbst in die Augenblicke der Freude schiebt sich immer auch Wehmut, wird ihm klar, dass seine Wunde nur notdürftig geflickt ist. "Besonders vermisse ich sie, wenn ich in der Natur Neues entdecke oder Schönes erlebe und weiß, das würde auch meiner Frau gut gefallen. In solchen Momenten wünsche ich mir, dass wir es gemeinsam erleben könnten", sagt er, schluckt und blickt auf die Weizenfelder vor seinem Haus.

Nun steht der zehnte Jahrestag der Katastrophe an. Bei der offiziellen Trauerfeier wird auch Heinrich Löwen sprechen. Doch er will auch alleine seiner Liebsten gedenken. Am Vorabend des 3. Juni wird er deshalb - wie immer in den vergangenen Jahren - die Unfallstelle besuchen. Er wird sich alleine an die Bahnstrecke und an die Gedenkmauer stellen, die Bilder der Katastrophe, die aufgetürmten Waggons vor Augen haben. "Ich werde die Namen an der Gedenkmauer betrachten und die Situation auf mich wirken lassen. Es ist immer ein bewegender Moment für mich, denn es war einmal alles ganz anders, es war eine heile Welt. Es waren zwei großartige, wertvolle Menschen, mit denen ich ein wunderbares Vertrauensverhältnis hatte. Das ist weggebrochen, schlagartig weg. Es gibt sie nicht mehr.


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