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Geschichte: Als Granatfeuer durch Moskau hallten

Im Geschosshagel der Panzer endete 1993 eine blutige Machtprobe zwischen Präsident Boris Jelzin und dem von Nationalkommunisten beherrschten Obersten Sowjet. Nach zehn Stunden Beschuss war das letzte Aufbäumen der UdSSR beendet.

Am 4. Oktober 1993 hallte Granatfeuer durch Moskau. Auf Befehl von Präsident Boris Jelzin nahmen Panzer das Weiße Haus, den Sitz des Parlaments, an der Moskwa unter Feuer. In dem Geschosshagel vor zehn Jahren endete eine blutige Machtprobe zwischen dem Kreml-Chef und dem von Nationalkommunisten beherrschten Obersten Sowjet. Mehr als 120 Menschen starben, als die neue Führung Russlands das letzte Aufbäumen der Sowjetunion niederschlug.

Nach zehn Stunden Beschuss ergaben sich Jelzins Gegner - der ehemalige Vizepräsident Alexander Ruzkoi, Ex-Parlamentschef Ruslan Chasbulatow und etwa 700 Abgeordnete und Bewaffnete. Schwarzer Qualm schlug aus dem brennenden Weißen Haus.

Bitterer Sieg

Wenn es ein Sieg für die damals erst zwei Jahre alte russische Demokratie war, dann ein bitterer. Jelzin selbst war sich der Tragik seines Schießbefehls bewusst. Er sprach später vom "tödlichen Atem des Brudermords".

Der Präsident und der noch zu sowjetischen Zeiten gewählte Oberste Sowjet hatten sich seit 1992 befehdet. Jelzin überzog das Land mit einer "Schocktherapie" wirtschaftlicher Reformen. Die Abgeordneten blockierten nach Kräften und stemmten sich gegen Privatisierungen.

Im Herbst 1993 eskalierte die Situation. Am 21. September erklärte Jelzin den Obersten Sowjet für aufgelöst und setzte Neuwahlen an. Im Gegenzug erklärte das Parlament den Staatschef für abgesetzt. Ruzkoi wurde zum neuen Präsidenten ausgerufen. Die Abgeordneten verschanzten sich bewaffnet im Weißen Haus. Der orthodoxe Patriarch Alexi II. versuchte ohne Erfolg zu vermitteln.

Ein Gespenst ging um

Das Gespenst des August-Putsches 1991 ging wieder um, deshalb stellten sich westliche Freunde wie Bundeskanzler Helmut Kohl hinter den russischen Präsidenten. Auch 1991 hatte Jelzin Russland verteidigt gegen den Versuch kommunistischer Hardliner, die Zeit zurückzudrehen - ironischerweise ebenfalls am Weißen Haus.

Am 3. Oktober 1993 befahl Gegenpräsident Ruzkoi seinen Anhängern, die Stadtverwaltung und das Fernsehzentrum Ostankino zu besetzen. Allein im Kampf am Fuß des Fernsehturms wurden 46 Menschen erschossen. Jelzin verhängte den Ausnahmezustand über Moskau und befahl den Sturm aufs Weiße Haus.

Russland gedenkt dieser Tage des blutigen Oktobers und fragt nach seiner Bedeutung. "Das Wichtigste ist die neue Verfassung, die wir im Dezember 1993 verabschiedet haben", sagt Jelzins damaliger Stabschef Sergej Filatow heute. Noch unter dem Schock der Ereignisse stimmte die Bevölkerung mit knapper Mehrheit für eine neue Verfassung. Sie gibt dem Präsidenten im Kreml nahezu uneingeschränkte Macht und drängt das Parlament an den Rand des politischen Prozesses.

Doch auch diese Verfassung verhinderte nicht, dass die Kommunisten in den Parlamenten stark blieben. Der lähmende Kleinkrieg zwischen Präsident und Staatsduma, die wechselseitigen Drohungen mit Auflösung oder Absetzung gingen bis zu Jelzins Ausscheiden Ende 1999 weiter. Sein Nachfolger Wladimir Putin hat die KP im Parlament weitgehend ausmanövriert. Trotzdem liefern sich die Kommunisten auch vor der nächsten Dumawahl am 7. Dezember wieder ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Kreml-treuen Kräften.

Als Rentner auf der Staatsdatscha

Für den Tod so vieler Menschen wurde niemand ernsthaft zur Rechenschaft gezogen. "Es starben Soldaten, Polizisten, einfache russische Bürger", schrieb die Zeitschrift "Kommersant Wlast", "aber kein einziger Politiker." Unabhängig davon, auf welcher Seite der Barrikade sie gestanden hatten, setzten die Hauptakteure ihre Karrieren fort. Chasbulatow wurde nach viermonatiger Haft entlassen und ist heute wieder Wirtschaftsprofessor. Ruzkoi wurde zum Gouverneur des Gebietes Kursk gewählt und 2000 abgelöst. Jelzin lebt als wohl versorgter Rentner auf seiner Staatsdatscha bei Moskau.

Friedemann Kohler / DPA