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HOLOCAUST: Der Krieg gegen die Kinder

Sechs Millionen Juden wurden von den Deutschen ermordet. Am brutalsten traf es die Schwächsten

Sechs Millionen Juden wurden von den Deutschen ermordet. Am brutalsten traf es die Schwächsten

Das Bild lässt niemanden los: Ein kleiner Junge mit erhobenen Händen, einer Schiebermütze auf dem Kopf und ängstlich-trotzigem Blick kommt aus einem Haus und ergibt sich. Es ist Mai 1943, es ist das Ende des Warschauer Ghettos. Tausende von polnischen Juden wurden erschossen oder deportiert. Jürgen Stroop, SS- und Polizeiführer in Warschau, wird wenig später seinen berüchtigten Satz schreiben: 'Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!' Die Männer hinter dem Jungen - eine bewaffnete Übermacht mit Maschinenpistolen. Rechts im Vordergrund ein SS-Rottenführer. Der Mann heißt Josef Blösche. Er wurde 1967 in der DDR gestellt und 1969 zum Tode verurteilt. Doch was wurde aus dem Kind?

Im ZDF erinnerte sich vor wenigen Jahren ein Mann namens Zvi Nussbaum, er sei mit großer Wahrscheinlichkeit jener jüdische Junge auf dem Foto, der aus dem Warschauer Ghetto getrieben und später ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wurde. Nussbaum überlebte und emigrierte nach Nordamerika. Für all jene Zuschauer, die den kleinen Jungen nicht vergessen konnten, war es eine tröstliche Nachricht.

Das Bild dieses Kindes wurde zum Symbol für den Vernichtungskrieg der Deutschen gegen die Juden. Vor allem für den Vernichtungskrieg gegen die Kinder. 1,5 Millionen wurden ermordet. Adam Czerniakow, der Vorsitzende des Judenrates im Warschauer Ghetto, nahm am Abend des 23. Juli 1942 Zyankali, als er die Deportation von Tausenden von Kindern nicht verhindern konnte. Im Herbst 1942 gab es im Warschauer Ghetto fast keine Kinder mehr.

Von Holland aus wurden alle jüdischen Kinder unter 16 Jahren in Begleitung ihrer Mütter in Viehwaggons nach Osten geschickt. Ein Häftling im holländischen Sammellager Westerbork notierte: 'Der Zug fährt genau nach Fahrplan, und dies ist ein Grauen und eine Qual. Nie verspätet er sich, nie wird er von einer Bombe getroffen.' Kinder und Mütter kamen in ein 'besonderes Kinderlager'. Das war Sobibor in Polen, eine reine Tötungsanstalt. Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle sofort vergast.

In Lodz waren bis September 1942 etwa 14 000 Kinder unter zehn Jahren im Ghetto. Im Januar 1944 waren es noch 5365. In der galizischen Stadt Rawa Ruska eröffnete ein betrunkener Gendarm das Feuer auf mehrere Juden. Unter den Leichen kroch ein kleines, blutüberströmtes Mädchen hervor, sah sich vorsichtig nach allen Seiten um und lief davon. Niemand weiß, was aus dem Kind geworden ist.

Der Historiker Raul Hilberg, Verfasser des Standardwerkes 'Die Vernichtung der europäischen Juden', berichtet von einem deutschen Sturmbannführer namens Höfle im Distrikt Lublin, dessen Zwillingsbabys im Frühjahr 1943 an Diphterie starben. Auf dem Friedhof sei Höfle plötzlich durchgedreht und habe geschrien: 'Das ist die Strafe des Himmels für meine Untaten!' Hilberg: 'Es ist wohl kein Zufall, dass die Deutschen, die in der Behandlung jüdischer Kinder besonders brutal zu Werke gingen, nun am meisten um ihre eigenen Kinder fürchteten.'

Die jüdische Schriftstellerin Hanna Krall, geboren 1937 in Warschau, wurde als Kind auf der 'arischen' Seite der Stadt versteckt. In meisterhaften literarischen Reportagen schildert Hanna Krall wahre Geschichten von zum Tode verdammten Kindern - und die Verwandlung von Menschen in Verbrecher. 'Im Schnee saß ein Mädchen, es war etwa zehn Jahre alt. Rundherum wurde geschossen. Am Anfang benutzten die Deutschen so kleine fünfgeschossige Pistolen, doch damit schafften sie es nicht. Die Juden rannten schon über das Feld, also holten sie ein Maschinengewehr und feuerten eine Garbe ab. Das Mädchen saß still da, die Schultern leicht angezogen. Ringsum lagen die Juden verstreut. Als die Deutschen vom Feld zurückkamen, entdeckte einer das Mädchen. Er zückte den Revolver und schoss ihr in den Hinterkopf.'

Die Prager Jüdin Eva Erben wurde 1941 als Elfjährige nach Theresienstadt deportiert. Das KZ galt als Musterlager. Wann immer im Ausland Sorgen über die Behandlung der Juden geäußert wurden, führten die Deutschen das Potemkinsche Dorf Theresienstadt vor. Als der schwedische Graf Bernadotte, ein Vertreter des Roten Kreuzes, in Theresienstadt eintraf, standen an den Straßenecken Jungen und Mädchen, denen man schöne Kleider angezogen hatte. Jedes Kind erhielt eigens für den hohen Besuch ein Butterbrot mit köstlichen Sardinen. Als Graf Bernadotte mit dem Ghettokommandanten Rahm vorbeikam, mussten die Kinder herbeihüpfen und nörgeln: 'Onkel Rahm, schon wieder Sardinen?' Der schwedische Graf ließ sich gerne täuschen. Eva Erben überlebte Theresienstadt, Auschwitz und auch noch den Todesmarsch. Ihre Eltern nicht.

Am Ende des irrwitzigen deutschen Mordrausches, der heute Holocaust heißt, standen in kurzen sechs Jahren sechs Millionen tote europäische Juden, darunter 1,5 Millionen Kinder. In den Köpfen der Täter wurden sie vergessen. Hilbergs bitteres Fazit:'Im Allgemeinen ist das jüdische Schicksal kein Thema in deutschen Lebenserinnerungen.'

'Das jüdische Schicksal ist kein Thema in deutschen Lebenserinnerungen' - RAOUL HILBERG, HISTORIKER

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