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Michael Buback: "Mein Vater war Geheimdienst im Weg"

Bei einer Veranstaltung zum 30. Jahrestag des Deutschen Herbstes sollte es in Bad Boll eigentlich um die Angehörigen der Opfer gehen. Doch dann holte Michael Buback, Sohn des RAF-Opfer Siegfried Buback, aus und beschuldigte die Geheimdienste, Mitschuld am Tod seines Vater zu sein.

Von Jörg Isert

Wie sich die Zeiten ändern. In den siebziger Jahren standen sich noch deutsche Ermittler und RAF-Verteidiger gegenüber. "Dreißig Jahre nach dem Deutschen Herbst", so der Name einer dreitägigen Veranstaltung in der Evangelischen Akademie Bad Boll, ging es zwischen den Gegnern von einst gesittet zu. Und so kam die schärfste Kritik am Staat nicht vom Ex-RAF-Anwalt Hans-Christian Ströbele, sondern ausgerechnet von zwei Opfer-Angehörigen: Michael Buback und Ina Beckurts.

Buback droht mit Strafanzeige

Buback legte bei seiner Vermutung nach, dass der deutsche Geheimdienst in den Mord an seinem Vater verwickelt sein könnte. Auch die Witwe des 1986 ermordeten Siemens-Vorstands Karl Heinz Beckurts, äußerte unter der Hand erstmals einen ähnlichen Verdacht, den sie aber nicht genauer ausführen wollte.

Der Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback droht in Bad Boll erneut, Strafanzeige zu stellen, falls der Mord an seinem Vater nicht weiter aufgeklärt werde. Die Erschießung von Siegfried Buback vor dreißig Jahren in Karlsruhe auf offener Straße hatte das Terrorjahr 1977 eingeleitet, das im Deutschen Herbst gipfelte.

"Gab es eine Deckung der Täter?"

Seit diesem Frühjahr ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen den Ex-RAF-Terroristen Stefan Wisniewski als möglichem Täter. Michael Buback sieht dagegen Anhaltspunkte, dass die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker seinen Vater erschossen haben könnte. Direkt nach der Tat sei in den Medien noch von einer Frau als möglicher Täterin die Rede gewesen, schon kurz darauf nicht mehr, so Buback. Er äußerte erneut Befürchtungen, dass die mögliche Täterin Becker von einer Strafe verschont wurde, weil sie eine Geheimdienstinformantin gewesen sei. Entsprechend frage er sich: "Gab es eine Deckung der Täter?" Dies habe seine Familie zwar nie für möglich gehalten. Man könne den Geheimdienst aber nicht mehr außen vor lassen, wenn man den Tattag verstehen wolle. Dann verschärfte Buback den Tonfall: "Es gibt Gründe, warum mein Vater dem Geheimdienst im Weg war."

Die Generalbundesanwaltschaft habe den zuständigen Stuttgarter Richtern einst wichtige Informationen zum Mord an seinem Vater vorenthalten, führte Buback weiter aus. "Mir geht es nicht um die Frage von Fehlurteilen, sondern von fehlenden Urteilen." Er habe inzwischen das Gefühl, dass in Deutschland mehr die Gerichte als die Gerechtigkeit geschützt würden. In der vergangenen Woche habe er versucht, in dieser Sache das Gespräch mit Generalbundesanwältin Monika Harms zu suchen. Dies sei ihm aber nicht ermöglicht worden.

Wichtige Informationen vorenthalten?

Ausgerechnet ein Staatsdiener hatte auf die schweren Vorwürfe zu regieren, einer, der wie kaum ein anderer das Bild des idealen Staatsanwalts verkörpert: Klaus Pflieger. Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt, Ende der siebziger Jahre einer der Ankläger der RAF-Terroristen, kritisierte Bubacks Äußerungen scharf: "Ich warne davor, zu spekulieren, dass man ihren Vater vielleicht sogar geopfert hat. Das ist etwas, wo mir die Nackenhaare zu Berge stehen. Das ist etwas, das mir wehtut." Auch Jan Kleffel, der frühere Leiter des Referats "Internationaler Terrorismus" beim Bundesnachrichtendienst, äußerte sich "erschrocken" über Bubacks Aussagen: "Das erschüttert mein Weltbild".

Ina Beckurts forderte die deutschen Ermittlungsbehörden dazu auf, die Anstrengungen zur Aufklärung der noch nicht aufgeklärten RAF-Morde zu intensivieren. Beckurts sagte, dass es noch sechs Mordfälle gebe, die nach wie vor nicht aufgeklärt seien. "Das können wir so nicht lassen. Ich will nicht, dass mein Staat das nicht aufklärt." Die Ermittlungsbehörden, so die Witwe hätten es 1986 versäumt, "zwei sehr verdächtige Beobachtungen" festzuhalten, die mit dem Mord an ihrem Mann in Zusammenhang gestanden hätten. Am 6. Juli 1986 war der Siemens-Vorstand Karl-Heinz Beckurts in Straßlach bei München mit einer kiloschweren Bombe in den Tod gesprengt worden.

Von staatlicher Seite allein gelassen

Beckurts erläuterte, wie sehr sie sich nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes von staatlicher Seite alleine gelassen fühlte. Ähnlich sei es auch anderen Opfer-Angehörigen gegangen. "Ich bekam damals 800 Beileidsschreiben und die Visitenkarte eines Ermittlers - und danach nichts mehr." Erst vor wenigen Wochen habe das Bundeskriminalamt ihr ein Gespräch dazu angeboten, was sie aus der Zeit der Tat noch erinnere. Zu einem Bericht im stern, dass in Verfassungsschutzkreisen eine Rangliste von Tatverdächtigen kursiere, zu denen auch die mutmaßlichen Mörder ihres Mannes gehören könnten, wollte sich die Witwe nicht äußern.

Beckurts, die sich in diesem Jahr erstmals öffentlich zur RAF geäußert hatte, sagte, ihr Anliegen sei es, wachzurütteln und die Erinnerung an das Geschehene wachzuhalten. Sie betrachte nicht nur sich selbst, sondern auch die Familien der Terroristen als Opfer. Gefragt, ob das Opfer ihres Mannes rückblickend einen Sinn für sie mache, meinte Beckurts: "Was sollte es bringen? Das Opfer meines Mannes war völlig umsonst. Es hatte keinerlei Sinn." Vielmehr befürchte sie, dass aus der Haft entlassene RAF-Terroristen erneut zu Identifikationsfiguren werden könnten: "Zu Kristallisationspunkten für neue, vielleicht ganz andere Terrorakte."

Die Täter hatten abgesagt

Veranstaltungsleiterin Kathinka Kaden wies darauf hin, man habe auch mit ehemaligen RAF-Tätern diskutieren wollen. Diese aber hätten abgesagt. "Sie hatten die Sorge, dass über sie, aber nicht mit ihnen gesprochen wird". Offenbar, so schimmerte am Rande der Veranstaltung durch, war die Absage aber auch eine Art Gegenreaktion auf die Nichtbegnadigung von Christian Klar durch Bundespräsident Köhler im Frühjahr.