Mutlangen "Petting statt Pershing"


Manchmal demonstrierten in Mutlangen nur fünf, manchmal auch tausende Atomgegner, überwiegend aber gewaltfrei, gegen die Stationierung von Raketen mit atomaren Sprengköpfen. Ein harter Kern ist bis heute geblieben.

Die Idylle scheint perfekt: Ein Wohngebiet mit schmucken Einfamilienhäusern. Die Häuslebauer arbeiten in ihren neu angelegten Gärten, putzen ihre Autos. Die Kinder fahren mit dem Fahrrad ein paar Meter in die Mutlanger Heide hinein. Auf den grasbewachsenen Bunkern können sie herumklettern. Wolfgang Schlupp-Hauck hingegen lässt den Blick nachdenklich schweifen: Amerikanische Soldaten, NATO-Draht und Protestplakate erscheinen vor dem geistigen Auge des 45-Jährigen aus Schwäbisch Gmünd.

"Ich hatte jedes Mal Angst"

Vor 20 Jahren demonstrierte er an genau diesem Ort gegen die Stationierung von 36 Pershing-II-Raketen mit atomaren Sprengköpfen. "Ich hatte jedes Mal Angst", erinnert sich Schlupp-Hauck. "Aber wenn wir hier vor dem Tor des Raketen-Depots auf der Kreuzung saßen und unsere Friedenslieder sangen, dann habe ich immer gewusst: Das ist der Platz, an den du gehörst."

Mit Schlupp-Hauck demonstrierten manchmal nur fünf, manchmal aber auch tausende Atomgegner gewaltfrei gegen den so genannten NATO-Doppelbeschluss. Der sah vor, US-amerikanische Pershing-II-Raketen in Deutschland zu stationieren, falls die Sowjetunion ihre SS-20- Raketen nicht abrüstet.

Prominenz in Mutlangen

Im Sommer und Herbst des Jahres 1983 blickte die Weltöffentlichkeit auf die 5000-Einwohner-Gemeinde am Rande der Ostalb. Im Rahmen eines Friedenscamps waren am 1. September Prominente nach Mutlangen gekommen - etwa der SPD-Politiker Oskar Lafontaine, Rhetorik-Professor Walter Jens, die Schriftsteller Heinrich Böll und Günter Grass, die Grünen-Gründerin Petra Kelly und ihr Lebensgefährte, der Ex-General Gert Bastian.

Ihr Protest ging in die Geschichte ein als so genannte Prominentenblockade. Nach ihnen blockierten kaum weniger prominent auch Richter, Senioren, Musiker oder Ärzte die Zufahrt zur Raketen-Basis.

"Unser Mut wird langen - nicht nur in Mutlangen" - so stand es auf einem Protestplakat. Doch nachdem die Bundesregierung in einer turbulenten Sitzung am 22. November 1983 grünes Licht für die Stationierung gegeben hatte, sank der Mut der Aktivisten zunächst. In der Nacht zum 26. November 1983 trafen die Raketen tatsächlich in Mutlangen ein. Lotte Rodi, heute 72, erinnert sich: "Der Frust war groß, dass nun doch stationiert wurde."

Ein harter Kern blieb – bis heute

Aber ein harter Kern blieb trotz der scheinbaren Niederlage in Mutlangen - über den Abzug der Raketen 1991 nach Ende des Kalten Kriegs hinaus, bis heute. Die damals zur Prominentenblockade provisorisch eingerichtete Presse-Hütte wurde das Hauptquartier der Protestler. "Wir hatten eine Telefonleitung für die Journalisten in die Presse-Hütte verlegt, ansonsten gab es in der Scheune kein WC und nur einen Wasserhahn."

Die überwiegend friedlichen Atomgegner, die fortan ihren Protest aussaßen und Tag und Nacht jede Bewegung der mobilen Raketenstationen am Depot und in den schwäbischen Wäldern drumherum beobachteten und begleiteten, wurden zu Schreckgespenstern für die braven Schwaben in Mutlangen. "Über sie haben sich die meisten Bewohner in Mutlangen mehr aufgeregt, als über die Raketen", erinnert sich Rodi.

Die Lehrerin, die als überzeugte Christin zu den Atomgegnern stieß, versuchte zu vermitteln, wo es ging. Sie legte sich mit der Amtskirche an, mit den Bürgern ihrer Gemeinde und auch mit so manchem sturköpfigen Aktivisten, der mitten in der Nacht eine "Krachdemo" veranstalten wollte.

"Wir haben dazu beigetragen"

"Ich habe in dieser Zeit gelernt, ernsthaft zuzuhören, für meine Überzeugung gegen den Strom zu schwimmen und nicht in erster Linie auf den unmittelbaren Erfolg zu schauen", sagt Rodi. Sie glaubt nicht, dass es nur der friedliche Protest war, der zum Abtransport der Raketen 1991 geführt hat - "aber wir haben dazu beigetragen", ist die 72-Jährige überzeugt.

Für Holger Jänecke wird Mutlangen immer bedeutsam bleiben, "weil wir Rechtsgeschichte geschrieben haben". Der Archivar der Presse-Hütte, der 1984 zu den Atomgegnern stieß, hat "gesessen, weil ich gesessen bin". Die Sitzblockaden brachten ihm insgesamt 13 Monate Gefängnis ein. Als das Bundesverfassungsgericht 1995 entschied, dass Sitzblockaden keine Gewalt sind, wurde Jänecke, ebenso wie die übrigen 2998 im Laufe der Jahre Festgenommenen entschädigt.

Die Presse-Hütte als Tagungsstätte für Gewaltfreiheit

Von der großen Öffentlichkeit längst nicht mehr mit Aufmerksamkeit bedacht, sind Schlupp-Hauck, Rodi und Jänecke der Idee Mutlangen treu geblieben. Die Presse-Hütte ist heute eine Tagungsstätte für Gewaltfreiheit, hier wird "Erinnerungsarbeit geleistet", man konzipiert ein lebendiges Museum. Leicht ist das nicht in der heutigen Zeit - finanziell lebt der Verein "Friedens- und Begegnungsstätte" fast ausschließlich von Spenden.

Heidi Ossenberg DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker