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Putsch-Versuch in Spanien: "Alle auf den Boden, verdammt!"

Am 23. Februar 1981 rasselten die Säbel der Militärs: Putschisten nahmen das spanische Parlament als Geisel. Noch immer wirft die "längste Nacht" in der jüngste Geschichte Spaniens Fragen auf.

Als der postwendend abgesetzte spanische Heereschef José Mena Aguado kürzlich im Streit um mehr Autonomie für Katalonien indirekt mit einem Militäreinsatz drohte, weckte dies in Spanien böse Erinnerungen. Vom Säbelrasseln der Militärs war die Rede, und immer wieder kam der 23. Februar 1981 zur Sprache. Damals erlebte das Land einen Putschversuch, dem monatelange Unmutsäußerungen von hochrangigen Militärs vorausgegangen waren, die der Franco-Diktatur (1939-1975) nachtrauerten und die junge Demokratie mit Argwohn betrachteten.

Der "23-F", wie die Spanier jenes Datum bezeichnen, wirft auch heute noch Fragen auf. Zum 25. Jahrestag am 23. Februar sind mehrere Bücher erschienen, die sich etwa mit der unklaren Rolle des spanischen Geheimdienstes oder mit einem "zivilen Komplott" der spanischen Rechten hinter der Verschwörung beschäftigen. Auch andere Details wurden bekannt: "Die Anspannung im Palast war so groß, dass der König in Tränen ausbrach", schreibt etwa der Journalist José Oneto in seinem Buch "La historia no contada" (Die nicht erzählte Geschichte). Juan Carlos I., der mit seinem mutigen Eintreten für die Demokratie entscheidend zum Scheitern des Umsturzversuches beigetragen hatte, habe in einem Telegramm an die Putschisten erklärt: "Weder danke ich ab noch gehe ich. Ihr müsst mich schon erschießen."

Der Uniformierte ist kein Unbekannter

An jenem Montag vor 25 Jahren stand im Parlament die Wahl von Leopoldo Calvo Sotelo zum neuen Regierungschef auf der Tagesordnung. Er sollte dem Zentrumspolitiker Adolfo Suàrez nachfolgen, der drei Wochen zuvor überraschend zurückgetreten war. Die Mehrheitsverhältnisse waren klar, alles deutete auf eine reine Routinesitzung hin. Um 18.23 Uhr aber erschüttert ein Schrei den Plenarsaal: "Alle auf den Boden, auf den Boden, verdammt!" Am Rednerpult steht ein Offizier der Guardia Civil. Mit der Pistole in seiner rechten Hand schießt er in die Luft, den linken Arm hebt er wild gestikulierend in die Höhe. Kurz darauf peitschen Salven aus Maschinenpistolen durch den Raum.

Die Gerüchte der vergangenen Wochen sind wahr geworden: Fünf Jahre und drei Monate nach dem Tod des Diktators Francisco Franco und der Wiederkehr der Demokratie erlebt Spanien einen Putschversuch. Der Uniformierte, der soeben mit 200 Männern das Parlamentsgebäude gestürmt und die Abgeordneten und die gesamte Regierung als Geiseln genommen hat, ist kein Unbekannter: Oberstleutnant Antonio Tejero hatte wegen seiner antidemokratischen Gesinnung schon oft von sich Reden gemacht. Während er in Madrid die junge Demokratie in Schach hält, lässt General Jaime Milans del Bosch die Hafenstadt Valencia von seinen Panzertruppen besetzen und erklärt den Ausnahmezustand.

"Der Mann im Hintergrund"

Noch heute fragen sich viele, wer tatsächlich hinter der "längsten Nacht" in der jüngeren Geschichte Spaniens stand. Einig sind sich viele Autoren, dass es zu einfach wäre, die Aktion nur auf eine Gruppe von Militärs zurückzuführen, die der Diktatur nachtrauerten, König Juan Carlos als Verräter am Erbe Francos sahen oder die Zulassung der Kommunistischen Partei 1977 nicht verschmerzt hatten.

Einige sehen den damaligen spanischen Geheimdienst Cesid als eigentlichen Drahtzieher. Dieser stand auch seinerzeit schon im Verdacht, doch keiner seiner Oberen wurde je verurteilt. Oneto schreibt, die amerikanische CIA sei von Anfang an über die Vorbereitungen und dann über den Verlauf der Verschwörung informiert gewesen. Unter dem Vorwand eines bevorstehenden "wirklichen" Staatsstreichs seitens der radikalsten Kräfte beim Militär soll der spanische Geheimdienst eine "sanftere" Lösung geplant haben. Diese hätte darin bestehen sollen, eine neue Regierung mit einem Offizier an der Spitze einzusetzen.

Der Auserwählte sei General Alfonso Armada gewesen, der als "der Mann im Hintergrund" später zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde. Der heute 86-Jährige, der Kamelien züchtet und einer der größten Blumenexporteure Spaniens ist, war 1988 begnadigt worden. Noch immer hält er an seiner Version fest: "Alles geschah im Dienste der Krone." Schon damals behaupteten einige der Verschwörer, sie hätten mit dem Wohlwollen des Königs gehandelt, der um die Monarchie gefürchtet habe. "Alles Unsinn", schreibt der Autor Diego Carcedo. "Die kleinste Geste der Zustimmung des Königs hätte ausgereicht und der Putsch wäre geglückt." Stattdessen ließ der Monarch das Vorhaben der Putschisten mit eindringlichen Telefonaten mit den Armee-Generälen und mit seinem energischen Eintreten für die Demokratie in einer nächtlichen Ansprache an seine Landsleute scheitern.

Dreißig der Putschisten wurden 1982 zu Haftstrafen zwischen einem und 30 Jahren verurteilt. Doch keiner von ihnen sitzt heute noch im Gefängnis. Als Letzter kam Tejero 1996 nach 14 Jahren frei. Der heute 73-Jährige lebt zurückgezogen an der Costa del Sol und züchtet Avocados. Milans del Bosch starb 1997. Ex-Regierungschef Suàrez, einer der "Väter" der spanischen Demokratie, könnte vielleicht Licht ins Dunkel bringen. Doch der heute 73-Jährige leidet an Altersdemenz und hat das Gedächtnis verloren.

Jörg Vogelsänger/DPA / DPA