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Stuttgart-Stammheim: Sinnbild für das Ende der Baader-Meinhof-Gruppe

Stammheim: Der Ort, wo sich Andreas Baader und Ulrike Meinhof das Leben nahmen, war in den 70er Jahren der Inbegriff des Konfliktes zwischen Staat und der terroristischen RAF. Heute ist davon nichts mehr zu spüren.

Ingomar ist Untersuchungshäftling der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim und wundert sich über die Frage. Nein, für ihn sei seine Zelle mit der Nummer 719 im siebten Stockwerk von Bau eins eine wie jede andere. Er weiß, dass vor Jahren hinter derselben roten Stahltür mit den vier Schlössern der deutsche Top-Terrorist Andreas Baader saß. Doch ihn lässt das kalt.

Das wäre vor 30 Jahren noch anders gewesen: Stammheim war damals zum Inbegriff des des Konfliktes zwischen Staat und der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) geworden, zum Symbol für angebliche "Isolationsfolter" und zum Sinnbild für das tödliche Ende der Baader-Meinhof-Gruppe.

Kollektiver Selbstmord

Hier, in dem an Felder und Wohnhäuser angrenzenden Gebäude, saßen die Top-Terroristen der ersten RAF-Generation ein: Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Der personifizierte linke Schrecken der 70er Jahren. Sie wurden zum Ausgangspunkt für eine der schlimmsten Episoden der Nachkriegsgeschichte. Schmerzlich erinnern sich viele Politiker der Ohnmacht des Staates, als die zweite RAF 1977 mit der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" und 91 Passagieren an Bord ihre Gesinnungsgenossen im Hochsicherheitstrakt Stammheim freipressen wollte. Als sich der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) nicht erpressen ließ, richteten die Terroristen den entführten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer kaltblütig hin. Auch Baader, Ensslin und Raspe wurden am nächsten Tag tot in ihren Zellen gefunden. Ulrike Meinhof hatte sich bereits im Mai 1976 in dem Hochsicherheitstrakt das Leben genommen.

Linkes Symbol des bösen Staates

Stammheim wurde zum mystischen Ort für die linksradikale Szene in Deutschland. Es galt zur damaligen Zeit als das sicherste Gefängnis in Deutschland, für die radikale Linke ein Grundpfeiler des bösen Staats. Die Gefangenen in Stammheim verglichen sich selbst mit den Gefangenen des KZ Auschwitz. Auch der damalige RAF-Anwalt und heutige Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele sah die Gefangenen durch die Art der Haft ihrer Grund- und Menschenrechte beraubt.

Für die bürgerliche Seite waren die Haftbedingungen in Stammheim eher zu milde. So sprach die Zeitung "Die Welt" damals von der "Idylle Stammheim".

Legende von der "Isolationsfolter"

Der lauthals vertretenen These, dass die Terroristen in Stammheim unmenschlich isoliert wurden, widersprechen Mitarbeiter des Gefängnisses lautstark. "Zwar waren die Gefangenen von allen Gemeinschaftsveranstaltungen ausgeschlossen, dürften sich aber untereinander treffen", sagt der Vollzugsbeamte Joachim. Besonders nach den spektakulären Hungerstreiks in Stammheim wurden die Bedingungen gelockert. Auch sein Kollege Uwe Fleischmann hält nichts von der Isolations-These: "Ich hab mich schon a bissle gewundert, als ich damals noch als Auszubildender die Sachen von den toten Terroristen verpackte." Darunter seien eine Geige, Notenständer, Plattenspieler, Hunderte von Büchern und selbst gebastelte Tauchsieder und Kochplatten gewesen.

Einzigartig in der Geschichte des deutschen Strafvollzugs war, dass Frauen und Männer - kurz vor dem Tod der Kerntruppe waren es insgesamt acht - gemeinsam "Umschluss" hatten. Sie konnten sich also auf dem Gang zwischen den Zellen aufhalten. So etwas ist heute absolut tabu, vor allem um Sex zu verhindern.

Mehrere kleine Bauten geplant

Das 1963 nach modernsten Erkenntnissen gebaute Gefängnis mit heute 850 Häftlingen stand auch für höchste Sicherheit. Auf die Frage, ob die mit Stacheldrahtzaun und Sichtbetonwänden umschlossene Haftanstalt noch heute die sicherste Deutschlands sei, antwortet Joachim: "Mit Sicherheit nicht." Neuere Gefängnisse hätten in puncto Technik und Elektronik einen höheren Standard. Allerdings seien bislang erst drei Häftlinge aus Stammheim ausgebrochen.

Ein Sicherheitsmerkmal ist bis heute geblieben: Die eigens für die Terroristen-Prozesse 1975 erbaute fensterlose Mehrzweckhalle wird von einem Stahlnetz überspannt. Auch der triste Platz für den "Hofgang" auf dem Dach von Bau eins, auf dem die Gefangenen heute wie damals ihre Runden drehen, ist so gesichert. In der angespannten Lage in den 70er Jahren sollte damit verhindert werden, dass Befreier mit Hubschraubern auf dem Dach landen konnten.

Lange dürfte das hohe Gebäude mit seinem legendären siebten Stock nicht mehr an den "Deutschen Herbst" 1977 erinnern. Mit seinen mehreren hundert Häftlingen gilt es als nicht mehr zeitgemäß und soll durch mehrere kleinen Bauten ersetzt werden.

Julia Giertz/Christoph Marx / DPA