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Teil 6: Aus Erinnerung wird Geschichte: Die letzten Zeugen

Ehemalige KZ-Häftlinge bereiten die Weitergabe von Verantwortung und Erinnerung vor. Eine Begegnung mit fünf früheren Häftlingen des KZ Buchenwald.

Am Ende lief der gebürtige Slowake Robert Jehoschua Büchler um sein Leben. Noch kurz bevor die Amerikaner das KZ Buchenwald im April 1945 erreichten, wollte die SS das Lager räumen, zumindest die überlebenden Juden wurden zusammengetrieben. Robert Büchler versteckte sich, aber sie fanden ihn, er kam - nur wenige Stunden vor der Befreiung des KZ - in eine der letzten Kolonnen, die das Lager verließen. Im Laufschritt ging es zum Bahnhof Weimar, wer zurückfiel, wurde sofort erschossen. Die Leichen der vorangegangenen Kolonnen säumten den Weg, die halb verhungerten Häftlinge liefen in Holzschuhen, Robert war 15 Jahre alt. Im Bahnhof Weimar wurden sie in Viehwaggons gepfercht, doch der Zug wurde nach kurzer Fahrt bombardiert. Zu Fuß ging es weiter Richtung Jena, in buchstäblich mörderischem Tempo. Hinter Eisenberg nutzte er die Dunkelheit, er rannte in den nahen Wald, er hörte die Kugeln pfeifen. Er entkam, zusammen mit einigen anderen.

Robert Büchler und seine Familie waren im September 1944 aus dem slowakischen Topolàany nach Auschwitz deportiert worden. Mutter und Schwester sah er an der Selektionsrampe zum letzten Mal, von seinem Vater wurde er ein paar Tage später getrennt. Der Junge gab sich älter, als er war, deshalb wurde er nicht vergast, sondern zur Arbeit gezwungen. Mitte Januar wurde Auschwitz "evakuiert". Es ging nach Buchenwald, zwei Tage zu Fuß, drei Tage im offenen Kohlenwaggon, zu essen gab es nichts, aus seinem Waggon kamen nicht einmal zehn Häftlinge lebend an. "Verglichen mit Auschwitz war Buchenwald für mich ein Rettungsort", sagt er. Er kam in den Kinderblock 66, dessen Existenz er sich bis heute nicht erklären kann. Er musste nicht mehr arbeiten und nicht an den gefürchteten Appellen teilnehmen. Zwischen den gut organisierten Häftlingen gab es manchmal so etwas wie Solidarität, die auch den Kindern zugute kam.

Nach dem Krieg ging Robert Büchler in seine Heimatstadt zurück. 1949 wanderte er zusammen mit anderen tschechoslowakischen Jugendlichen nach Israel aus. Sie gründeten aus dem Nichts den Kibbuz "Lahavot Haviva", in dem er bis heute lebt. Unterhalb des Kibbuz verläuft die "grüne Linie", die das Kernland Israels von den Palästinensergebieten trennt, vom Hügel aus kann man die arabischen Siedlungen sehen. "Es gab in all den Jahren nie Probleme." Er engagiert sich in der Friedensbewegung "Peace Now". Er sei, sagt Büchler, "ein überzeugter Pazifist", denn ohne Krieg sei ein Massenmord wie der an den Juden nicht denkbar. Büchler wohnt mit seiner Frau in einem kleinen Haus. Auf der Terrasse nebenan sitzt auch ein alter Mann, sie kennen sich sehr lange, gemeinsam waren sie in Block 66, dem Kinderblock von Buchenwald.

Robert Büchler, 75, trägt auf dem linken Unterarm die Nummer B14564, eintätowiert in Auschwitz. Er hat 57 Verwandte in den Konzentrationslagern verloren. Den Besucher aus Deutschland verabschiedet er mit einer warmen, herzlichen Umarmung.

Robert Büchler

ist Mitbegründer des Internationalen BuchenwaldKomitees und Vorsitzender der israelischen Sektion. Er arbeitet täglich in einem Institut zur Erforschung des Holocaust. Er hat zahlreiche Aufsätze über seine Erlebnisse und Forschungsarbeiten über die Geschichte der europäischen Juden verfasst. Er sagt: "Ihr jungen Deutschen tragt keine Schuld, aber unsere Geschichte ist euer Erbe."

Am 23. September 1943 verschwand der Franzose Bernard d'Astorg im Bauch der Erde und kehrte sieben Monate nicht mehr daraus hervor. Dass es sieben Monate waren, erfuhr er erst später, denn da unten gab es keine Tage, keine Nächte, keine Zeit. Es gab auch kein elektrisches Licht, sondern nur ein paar Funzeln, kein Wasser, keine sanitären Anlagen, zunächst auch keine Betten. Es gab nur Lärm und Gestank und Kälte und Ungeziefer und Arbeit und Hunger und den Tod. "Wenn wir durch den Tunnel gingen, mussten wir die Leichen unserer Kameraden zur Seite schieben, die die SS an den Deckenbalken aufgeknüpft hatte."

Bernard d'Astorg war in Mittelbau-Dora gelandet, einer Außenstelle des KZ Buchenwald bei Nordhausen. Sie hatten ihn an der französisch-spanischen Grenze gefasst, als sich der junge Résistance-Kämpfer zu den alliierten Truppen in Nordafrika durchschlagen wollte. Nun also Dora, wo die Nazis von den Häftlingen ein Stollensystem ausbauen ließen, um darin die "V 2" zu bauen, ihre Wunderrakete, mit der sie den Krieg doch noch wenden wollten. Dora war ein Todeslager, Tausende kamen im Stollen ums Leben.

Bis Mai 1944 verließ d'Astorg den Tunnel nur zweimal. Das erste Mal zur Desinfektion, sie wurden nachts herausgetrieben, standen lange nackt im Schnee, duschten kurz in einer Baracke, warteten wieder im Schnee, verschwanden in der Erde, bevor es dämmerte. Das zweite Mal, um sich von seinem Vater zu verabschieden. Der - auch ein Häftling - war schwer krank, so hatte der Sohn erfahren. Er bestach mit Brot die Wachen, konnte kurz "die wunderbare Sonne" und für drei Minuten seinen Vater sehen, der an Lungenentzündung und Durchfall litt. Kurz darauf wurde sein Vater ins KZ Bergen-Belsen geschafft und dort ermordet. Der Sohn ging zurück in den Tunnel.

"Meine größte Sorge war, dass ich da unten verrecke und nie einer etwas davon erfährt, ich war ja allein." Dann lernte d'Astorg - Spross der Pariser Militär-Aristokratie - Louis kennen, Arbeiter bei Renault und Kommunist. Sie wurden Freunde, gemeinsam überlebten sie den Terror der SS und auch die Willkür so genannter Funktionshäftlinge, die sich zum Werkzeug der SS machen ließen. Nach dem Krieg machte er, wie seine Vorfahren, eine steile Karriere beim Militär. 1977 kehrte er für drei Jahre nach Deutschland zurück: als französischer Stadtkommandant in das unter Vier-Mächte-Status stehende Berlin. Heute lebt General Bernard d'Astorg, 84, in Paris, im vornehmen 16. Arrondissement, im Licht.

Bernard d'Astorg

hat lange über seine Zeit im KZ geschwiegen. Heute ist sein Sohn Pierre Präsident des französischen Verbandes der Häftlinge aus Mittelbau-Dora. Der General sagt: "Es ist wichtig, dass die Verantwortung für unsere Geschichte auf die nächste Generation übergeht."

Rolf Kralovitz nahm sich Zeit für die Wahrheit. Nachdem Buchenwald befreit war, kehrte er in die Leipziger Fregestraße zurück. Die Wohnung seiner jüdischen Familie blieb zwar "arisiert", aber er bekam zwei Häuser weiter ein Zimmer, er wartete. Irgendwann 1946 war er sicher, dass niemand mehr kam. Seine Eltern und seine Schwester waren tot, ermordet wahrscheinlich in Auschwitz, Ravensbrück und bei Linz.

Rolf Kralovitz selbst hatte, wenn man so will, Glück. Er überlebte im KZ eine schwere Ruhr, während um ihn herum im Krankenrevier "fast alle starben". Er überlebte dank der Hilfe anderer Häftlinge, obwohl er extrem kurzsichtig war und lange auf eine Brille warten musste. Viele wurden aus nichtigeren Gründen "abgespritzt", wie er sagt. Er überlebte den Spatenschlag eines SS-Mannes auf den Schädel, er überlebte "diesen grässlichen Hunger, das Schlimmste von allem". Und er hatte das Glück, dass die Deutschen Arbeitskräfte brauchten. Ihn zum Beispiel, damit er Steine schleppte oder, wie ein Pferd an die Deichsel eines Wagens gespannt, die Leichen seiner toten Kameraden zum Krematorium zog. Dort musste er die steifen Körper wie Holzscheite aufeinander stapeln. Er hatte schon 1939 als 14-Jähriger in Leipzig die Schule aufgeben und Zwangsarbeit als Totengräber leisten müssen.

Nach dem Krieg wurde Rolf Kralovitz Kabarettist, Theater- und Filmschauspieler. Entdeckt wurde er schon 1945, weil er so gut Witze erzählen konnte, es ging ihm prima irgendwie, er war ja frei, er musste leben. Er verbrachte ein paar Jahre in den USA, lernte dort seine Frau kennen und kehrte 1953 nach Deutschland zurück. Später wurde er Produktionsleiter beim WDR-Fernsehen in Köln, wo er noch heute lebt. Kralovitz, seit 30 Jahren blind, ist ein wundervoller Geschichtenerzähler, im Juni feiert er seinen 80. Geburtstag. Er sagt: "Je älter ich werde, desto schlechter komme ich mit alldem klar. Ich kann immer weniger verstehen, was damals geschah."

Rolf Kralovitz

hat ein Buch über seine Geschichte geschrieben ("ZehnNullNeunzig in Buchenwald"), das auch an Schulen viel gelesen wird. Gemeinsam mit seiner Frau arbeitet er unermüdlich "gegen das Vergessen an, denn das sind wir denen schuldig, die wie meine Mutter in den Gaskammern erstickt sind".

Das Vergehen der Polin Maria Kosk war, dass sie als Kind in Warschau lebte. Gleich zu Beginn des Warschauer Aufstands Anfang August 1944 wurde ihr Stadtteil von den Deutschen gestürmt, die Männer ihres Wohnblocks wurden mit Genickschüssen ermordet, Frauen und Kinder in Viehwaggons getrieben. Erst unterwegs erfuhren sie das Ziel der Reise: Auschwitz. Viele wussten, was das bedeutet. Panik brach im Waggon aus. Bei der Selektion an der Rampe gelang es der Mutter, die drei Töchter beieinander zu halten. Sie wurden in feinste Abendkleider gesteckt, auf passende Größe wurde nicht geachtet, Wäsche und Schuhe gab es nicht. So bizarr ausgestattet lebten sie im Schlamm und in überfüllten Baracken, zu fünft mussten sie einen Essnapf teilen, zu essen gab es kaum, Bestecke überhaupt nicht. Aus den Schornsteinen der Krematorien schlugen die Flammen.

Nach sechs Wochen ging es weiter nach Ravensbrück, vier Wochen später nach Meuselwitz, eines von 138 Außenlagern des KZ Buchenwald. Sie arbeitete in einer Munitionsfabrik, doch die Arbeit war zu schwer für die 14-Jährige. Eine Aufseherin schickte sie in die Baracke zurück, glücklich legte sie sich schlafen. Sie wurde barsch geweckt, der Kommandant stand vor ihr, es hieß, sie habe sich der Arbeit entzogen. Er zerrte sie aus der Baracke, stellte sie an eine Wand, hob den Arm und zielte mit seiner Pistole auf sie. Da machte das Mädchen ein paar Schritte auf ihn zu, der SS-Mann ließ den Arm wieder sinken. Sie erlebte, wie ihre Mutter am 30. November 1944 bei einem Bombenangriff schwer verletzt wurde, sie flehte um Hilfe für sie. Ihre Mutter und die ebenfalls verwundete Schwester Krystyna wurden nach Ravensbrück verlegt, sie sah sie bis Dezember 1945 nicht wieder. Abends zeichnete Maria auf gestohlenem Papier ihren KZ-Alltag und Jungmädchenträume: schöne Paare in Restaurants, vornehme Damen in Abendgarderoben.

Anfang April 1945 wurde sie auf einen Todesmarsch geschickt. Vier Wochen irrte die Kolonne umher, Maria aß Gras, sie leckte am Morgen den Raureif von den Pflanzen, die anderen trugen das Mädchen, damit es nicht erschossen werde. Am 8. Mai wurden die Frauen unweit von Prag gerettet. Nach dem Krieg beendete sie das Gymnasium und wurde Architektin. Heute lebt Maria Kosk, 74, in Warschau, gemeinsam mit ihrem Mann. Der war auch in Auschwitz, aber über ihre Erlebnisse haben die beiden lange nicht gesprochen.

Maria Kosk

hat nicht zuletzt für ihren Enkel ihre Geschichte aufgeschrieben und diskutiert öfter mit Schulklassen. Ihre Zeichnungen sind in der Gedenkstätte Buchenwald ausgestellt. "Früher habe ich die Deutschen gehasst", sagt sie, "heute habe ich viele Freunde dort."

Der gebürtige Russe Alexander Michailowitsch Agafonow war 21 Jahre alt, als er, mittlerweile Offiziersschüler an der jugoslawischen Kadettenanstalt Banica bei Belgrad, im April 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet. Was dann geschah, klingt wie ein Abenteuerroman, wenn auch ein sehr grausamer. Er kam in ein Straflager in Lothringen, mit der Hilfe einiger Dorfjungen gelang ihm die Flucht, er schlug sich nach Frankreich durch. Dort schloss er sich der Résistance an, wechselte mehrfach Namen und Identität, kehrte als "Fremdarbeiter" nach Deutschland zurück, um Sabotage in der Rüstungsindustrie zu betreiben, und er lenkte mit einem Funkgerät alliierte Bomber zu ihren Zielen. Zurück im besetzten Frankreich, spionierte er als Lkw-Fahrer in deutschen Diensten die Bauarbeiten für den "Atlantikwall" aus, flog auf, wurde von einem Gericht zum Tod verurteilt und auf dem Rückweg zum Gefängnis von seinen Freunden gewaltsam befreit. Er verliebte sich in die schöne Résistance-Kämpferin Renée und wurde gemeinsam mit ihr am 6. Juli 1943 aus dem Bett heraus von den Deutschen verhaftet.

Agafonow kam für ein halbes Jahr ins Gestapo-Gefängnis Fresnes und wurde dort brutal gefoltert. Am 29. Januar 1944 erreichte er nach langem Transport im Güterwaggon schwer misshandelt das KZ Buchenwald. Nun hieß er 44445. Seiner Hinrichtung entging er später nur, weil Mithäftlinge die Leiche eines anderen mit seiner Nummer versahen und verbrannten. Und wieder entkam er: Am 5. November 1944 nutzte er während eines Arbeitseinsatzes in Köln einen Bombenangriff zur Flucht. Bis im März die Amerikaner kamen, versteckte er sich gemeinsam mit anderen Flüchtenden in Kellern der zerstörten Stadt. Nach Kriegsende ging er in die sowjetische Besatzungszone - und wurde von seinen eigenen Leuten als Spion verhaftet. Wieder kam er nach Buchenwald, das nun die Sowjets als "Speziallager" nutzten. 1946 wurde er in die UdSSR gebracht und verschwand in einem Gulag am nördlichen Ural - für acht Jahre. Nach Stalins Tod im März 1953 wurde er amnestiert, kam aber erst elf Monate später frei. Er zog auf die Krim und arbeitete als Lehrer.

Am 18. Juni 1991 kehrte Alexander Agafonow zurück nach Frankreich. Er hatte Renée wiedergefunden, seine Geliebte aus den Zeiten der Résistance. Sie war verheiratet gewesen, doch nun war ihr Mann tot. Acht Jahre lebte er in der Nähe von Besançon mit ihr zusammen. Dann kam ein deutsches Fernsehteam, um einen Film über sein Leben zu drehen. Plötzlich brach Renée in Tränen aus. Sie gestand ihm, dass sie es war, die ihn damals, 1943, an die Gestapo verraten hatte. Da verließ Alexander Agafonow seine große Liebe und zog in ein Altersheim.

Mittlerweile wohnt er in seinem vierten Heim, nordwestlich von Paris, er sagt, es sei bislang das beste. Sein Körper trägt die Male der Gestapo-Folter. Seiner rechten Hand fehlen drei Fingerkuppen - "es war sehr kalt im Gulag". Er ist ein stattlicher, stolzer Mann von 85 Jahren. "Buchenwald war die Hölle, aber auch eine gute Schule für das Leben", sagt er. Schon sein Vater habe ihn gelehrt, dass man alles verlieren dürfe, nie aber Mut und Ehre. "Zerbrochen bin ich nie." Seinen Besuchern zeigt er, was er im Lager auch gelernt hat: wie man mit zwei Bleistiften als Mundorgel Musik macht. Er spielt ein fröhliches Volkslied.

Alexander Agafonow

schrieb ein Buch über sein Leben bis 1945 ("Erinnerungen eines notorischen Deserteurs"). Wenn die Kraft reicht, will er ein weiteres über die Zeit im Gulag schreiben. "Die Deutschen sind gute Leute", findet er, "aber sie haben sich von einer schrecklichen Ideologie verführen lassen."

Arne Daniels / Stern Serie