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Versöhnung besiegelt: Deutsche und Franzosen feiern 50 Jahre Élysée-Vertrag

Ein halbes Jahrhundert deutsch-französische Freundschaft, das wird gefeiert. An diesem Montag geht es los: Merkel und Hollande treffen junge Leute aus beiden Ländern. Aber es lief schon mal besser.

Im Bundestag wird es am nächsten Dienstag wieder einmal richtig eng bei der fast schon alljährlichen Großveranstaltung mit mehr als tausend Leuten. Dieses Mal müssen zusätzliche Stühle eingebaut werden, weil Besuch kommt. Denn erstmals in seiner Geschichte hat der Bundestag ein komplettes Parlament aus dem Ausland zu Gast: die 577 Abgeordneten der Assemblée Nationale aus Paris.

Die gemeinsame Sondersitzung findet zum 50-jährigen Bestehen des #Link;http://www.stern.de/politik/deutschland/50-jahre-elysee-vertrag-wie-franzosen-und-deutsche-einander-sehen-1954528.html;Élysée-Vertrags# statt, mit dem die beiden "Erbfeinde" Deutschland und Frankreich ihre Aussöhnung besiegelten. Zum Fest gehören auch ein Termin bei Bundespräsident #Link;http://www.stern.de/lifestyle/joachim-gauck-90480646t.html;Joachim Gauck#, eine gemeinsame Kabinettssitzung, mehrere Festessen und ein Besuch in der Philharmonie. Die Reden halten Kanzlerin #Link;http://www.stern.de/politik/deutschland/angela-merkel-90250943t.html;Angela Merkel# und Präsident #Link;http://www.stern.de/politik/ausland/francois-hollande-90457935t.html;François Hollande#. Dazu wird der Gendarmenmarkt in blau-weiß-rot, schwarz-rot-gold und, wegen Europa, blau mit Sternen getaucht.

Dass nun so groß gefeiert wird, war anfangs keine Selbstverständlichkeit. Der Vertrag, den #Link;http://www.stern.de/politik/geschichte/konrad-adenauer-90276519t.html;Konrad Adenauer# und Charles de Gaulle an jenem 22. Januar 1963 im Élysée-Palast unterzeichneten, galt einigen sogar schon als Totgeburt. Auf deutscher Seite hegten viele den berechtigten Verdacht, dass der General damit die Bundesrepublik aus dem Machtbereich der USA herauslösen wollte. Deshalb stellte der Bundestag eine Präambel vorweg, in dem er sich zu vielem bekannte, was dem General gegen den Strich ging.

Für de Gaulle hatte das Abkommen damit viel von seinem Wert verloren. "Verträge sind wie junge Mädchen und Rosen. Sie halten so lange, wie sie halten", klagte er. Und fügte, wie nach einer missratenen Hochzeitsnacht, hinzu: "Ich bin Jungfrau geblieben." Adenauer antwortete mit der Feststellung, die deutsch-französische Freundschaft sei wie eine Rose, die immer wieder blühen, Knospen treiben und "alle Winterhärten" überstehen werde. So blumig redete man damals in der Politik.

Keine zwei Staaten sind enger verbunden

Abgesehen von den nun regelmäßig stattfindenden Treffen zwischen Kanzler, Präsident, Außen- und Verteidigungsministern entfaltete das Abkommen in den ersten Jahren jedoch keine große Wirkung. Schwung kam erst durch #Link;http://www.stern.de/politik/geschichte/helmut-schmidt-90273617t.html;Helmut Schmidt# und #Link;http://www.stern.de/politik/deutschland/val233rie-giscard-destaing-monsieur-europa-640987.html;Valéry Giscard d'Estaing# sowie François Mitterrand und #Link;http://www.stern.de/politik/geschichte/helmut-kohl-90250202t.html;Helmut Kohl#. Für eine Weile galt das "couple franco-allemand", das deutsch-französische Paar, dann aber als Garant dafür, dass Europa allen Schwierigkeiten zum Trotz vorankommt.

Heute gibt es vermutlich keine zwei Staaten auf der Welt, die enger miteinander verbunden sind. Mehr als acht Millionen Deutsche und Franzosen nahmen seit 1963 an Austauschprogrammen teil. Über den Rhein hinweg gibt es 2200 Städtepartnerschaften. Frankreichs Präsidenten und Deutschlands Kanzler haben sich im vergangenen halben Jahrhundert so oft gesehen, dass keiner mehr mitzählen kann. Wie früher die "Erbfeinde" sind heute das "Tandem", die "Ehe", der "Motor" Klischee.

Zur allgemeinen Feststellung gehört aber auch, dass viel zum Ritual geworden ist. Selbst das Feiern ist heute Pflicht. Dass es schon einmal besser lief, liegt nicht allein daran, dass das aktuelle Führungsduo Merkel/Hollande bislang eher ein unterkühltes Verhältnis pflegt. In der größer gewordenen EU mit ihren bald 28 Mitgliedern haben Berlin und Paris an Einfluss verloren. Auch sind EU-Parlament, EU-Kommission und auch Europäische Zentralbank (EZB) mit den verschiedenen Krisen und Reformen einflussreicher geworden.

Probleme durch unterschiedliche Außenpolitik

Vor allem im Bereich der Außenpolitik, wo man sich schon 1963 versprochen hatte, in allen wichtigen Fragen "so weit wie möglich zu einer gleichgerichteten Haltung zu gelangen", tun sich immer wieder Probleme auf. Jüngere Beispiele dafür sind der #Link;http://www.stern.de/politik/ausland/ein-jahr-nach-gaddafis-sturz-libyens-endloser-krieg-1918597.html;Libyen-Krieg#, die #Link;http://www.stern.de/politik/ausland/beobachterstaat-palaestinenser-bejubeln-un-anerkennung-1934514.html;Aufwertung der Palästinenser# innerhalb der Vereinten Nationen oder eben erst der #Link;http://www.stern.de/politik/deutschland/deutscher-einsatz-in-westafrika-westerwelle-sagt-mali-weitere-hilfe-zu-1957502.html;Einsatz in Mali#, wo Frankreich wieder einmal vorpreschte. Eine tatsächlich gemeinsame Außenpolitik liegt weit entfernt.

So wurde auf die Ausarbeitung eines neuen Élysée-Vertrags zum Jubiläum, wie dies zwischendurch auch Hollande vorgeschlagen hatte, verzichtet. Vor allem in Deutschland hatte man wenig Interesse daran. Jetzt gibt es am Dienstag zwei gemeinsame Erklärungen - eine der beiden Regierungen und eine der Parlamente.

In ihrer #Link;http://www.bundeskanzlerin.de/SiteGlobals/Forms/Webs/BKin/Suche/DE/Solr_Mediathek_formular.html?cat=videos&doctype=Video&type=podcast&id=653412;wöchentlichen Videobotschaft# gab Merkel am Wochenende schon einmal den Ton vor: In der Geschichte gebe es nichts, was für immer selbstverständlich sei, auch an der deutsch-französischen Freundschaft müsse weiter gearbeitet werden. "Da kann man nicht sagen: Weil Adenauer und de Gaulle das schon einmal ganz gut geregelt haben, ist das jetzt für die nächsten Jahrhunderte klar."

Christoph Sator, DPA / DPA