VG-Wort Pixel

Gleichstellung Warum wir Männer die Frauenquote feiern sollten

Sehen Sie im Video: "Quotenfrauen sind Powerfrauen" – ein spannender Blick hinter die Kulissen der großen stern-Aktion. Alle Quotenfrauen-Videos sehen Sie hier: stern.de/quotenfrauen




Managerinnen, Wissenschaftlerinnen, Schauspielerinnen, Politikerinnen, Sportlerinnen – 40 Top-Frauen aus allen Gesellschaftsbereichen solidarisieren sich im stern.


Was viele von ihnen gemeinsam haben: Sie wollen den Begriff "Quotenfrau" positiv besetzen.


"Quotenfrauen sind Powerfrauen, weil sie sich durchgebissen haben. Weil sie drangeblieben sind. Weil sie dafür gearbeitet haben, ihr Talent, ihre Begabung auch zeigen zu können. Und weil sie Dinge in der Gesellschaft gut beeinflussen können. Was wir immer sehen: Penetranz schafft Akzeptanz. Und Frauen können alles. Und deshalb sind Quotenfrauen Powerfrauen." – Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, SPD


"Powerfrau und Quotenfrau sind überhaupt gar keine Unterschiede. Quotenfrauen sind Powerfrauen und umgekehrt auch." – Prof. Dr. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung


Den Stein ins Rollen bringen unter anderem neue Zahlen der schwedischen Allbright-Stiftung, die zeigen, dass Deutschland Rückschritte bei den Frauenanteilen in Führungsspitzen großer Unternehmen macht.


"Wir möchten den ganzen Frust, aber auch die Entschlossenheit der Frauen, die es betrifft, zeigen. Die erzählen beeindruckend davon, was ihnen passiert ist, aber auch viel Positives. Wie man es machen kann, wie man viel erreichen kann. (…) Denn niemand will eigentlich die Quote, aber viele glauben, dass es ohne nicht mehr geht." – Helen Bömelburg, Ressortleiterin Politik und Wirtschaft


Das Projekt ist ein multimediales Paket. Neben der Titelgeschichte des aktuellen stern, finden sich die Stimmen der 40 Frauen auch auf stern.de. Auch der stern-Podcast "Die Boss" widmet der Aktion eine Sonderfolge mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.


Wer in der Diskussion mitmischen will, kann dies in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #Quotenfrau tun oder der Redaktion eine E-Mail schreiben. (E-Mail-Adresse: quotenfrau@stern.de)
Mehr
Unser Autor hielt die Frauenquote zunächst für nicht notwendig. Inzwischen weiß er es besser – und wundert sich über manchen männlichen Meinungsbeitrag zur Debatte.

Am Anfang war ich gegen die Frauenquote. Ich hielt sie für unnötig. Sowas regelt sich doch von alleine, dachte ich, als die Diskussion aufkam, und überhaupt: Schwächt man die Position der Frauen nicht eher, beschädigt man nicht ihre natürliche Kompetenz, sobald man die Gleichstellung zum Gesetz macht?

Angesichts der aktuellen Einigung der Regierungsparteien auf die neue Quote, die erstmals verbindliche Vorgaben für Frauen in Vorständen von Wirtschaftsunternehmen liefert, kann ich nur noch einmal betonen: Ich hatte ja keine Ahnung. Ich lebte in meiner Bubble, in einem Arbeitsumfeld, wo die Führungspositionen in der Mehrzahl mit Frauen besetzt sind, und ich ging mit einer gehörigen Portion Naivität davon aus, dass dieser Zustand wohl die Regel sein würde, nicht die Ausnahme.

Eine Welt wie "Mad Men" – nur ohne Glanz und Glamour

Wie falsch ich lag, erfuhr ich erst im Gespräch mit Freundinnen, die beruflich in Sackgassen geraten waren; die in ihren Unternehmen kurz vor dem Sprung nach ganz oben geschnitten wurden; die am Arbeitsplatz immer wieder mit alltäglichen Unterdrückungen zu kämpfen hatten. Ihre Berichte klangen wie verblasste Sittengemälde aus den 50ern – eine Welt wie im nostalgischen Werbeagenturdrama "Mad Men", nur ohne den Vintage-Filter auf der Oberfläche, und gänzlich ohne Glanz und Glamour.

Wie falsch ich lag, habe ich gerade in diesen Tagen auch anhand der wenigen Wortmeldungen von Männern feststellen müssen, die manchmal vor allem peinlich ausfallen. So sprach zum Beispiel der CSU-Politiker Hans Michelbach in der "Saarbrücker Zeitung", dass man "alles" tun werde, um die Vorstandsquote zu verhindern: "Wir brauchen ein Stoppschild, um die freiheitlich soziale Marktwirtschaft nicht durch noch mehr Überregulierung in Frage zu stellen."

Michelbach fürchtet – und damit ist er nicht der einzige Mann, der sich in diese Richtung äußert –, dass es sich bei der Quote um eine "Hintertür" handele, die schon bald nicht nur auf die Vorstände börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen angewendet werden könnte, sondern – "Gott bewahre!", möchte man sarkastisch rufen – auch auf die mittelständischen Unternehmen.

Und dann bringt Michelbach die ganze Müßigkeit der Debatte unfreiwillig auf den Punkt, als er beklagt, seine Partei habe "schon zu viele Grundsatzpositionen einem wankelmütigen Zeitgeist" geopfert. Die Forderung nach Gleichberechtigung als Zeitgeist, noch dazu als wankelmütigen, zu verniedlichen, zeugt von einem derart gestrigen Weltbild, dass wir uns wohl weniger um eine Quote sorgen sollten, als vielmehr um die Tatsache, dass Männer in Positionen, in denen sie etwas zu sagen haben, immer noch solche Sachen sagen. Wobei ähnliche Wortmeldungen durchaus auch von Frauen kommen, deren konservative Sicht der Dinge nicht mit wie auch immer gearteter Gleichstellung zu vereinbaren ist. Insofern richtet sich auch dieser Text weniger an Männer wie Michelbach, die wohl zu den Unverbesserlichen gezählt werden müssen, als an jene, die zwar nicht aktiv gegen die Quote sind, sich aber auch nicht darüber wundern, warum ihnen in höheren Positionen immer noch so wenige Frauen begegnen.

Frauenquote: Mancher muss zur Erkenntnis gezwungen werden

Apropos wundern: Es mutet schon erstaunlich an, wie häufig die Frauenquote wider besseres Wissen als Belastung verstanden wird und nicht als überfälliger Fortschritt, da diversere Teams doch erwiesenermaßen die erfolgreicheren sind. Das muss neben der bitteren Bilanz, dass die Selbstverpflichtung der Wirtschaft über Jahre wirkungslos geblieben ist, als weiterer Hinweis gedeutet werden, dass so manch Hängengebliebener eben zur Erkenntnis gezwungen werden muss.

Denn die eigentliche Pointe ist ja: Wir Männer sollten die Frauenquote feiern, anstatt über sie zu diskutieren oder gar zu lamentieren. Und diejenigen, denen der empathische Sinn für eine gleichberechtigte Gesellschaft abgeht, sollten es mindestens aufgrund der eigennützigen Tatsache tun, dass die Quote für die Erhaltung eines erfolgreichen Wirtschaftsstandorts Deutschland mittelfristig unerlässlich ist und damit auch ihre Jobs und Existenzen sichert. 

Aber viel wichtiger: Wirklich kein Mann sollte versuchen zu verhindern, dass jahrzehntealte und völlig verkrustete Strukturen notfalls per Gesetz aufgebrochen werden. Denn wer anno 2020 noch allen Ernstes von diesen Strukturen profitieren muss, der hat 99 Probleme. Aber eine Frau ist keines davon.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker