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"heute wichtig" Putin unter Druck – wie die russische Mobilisierung die Wende bringen soll

Russische Rekruten steigen in einen Bus in der Nähe eines militärischen Rekrutierungszentrums in Krasnodar
Russische Rekruten steigen in einen Bus in der Nähe eines militärischen Rekrutierungszentrums in Krasnodar
© DPA
“Die Teilmobilisierung ist aus Putins Sicht ein richtiger Schritt”, aber einer, der viel zu spät kommt – so sieht es der stern-Rüstungsexperte Gernot Kramper. Er spricht darüber, wie die Teilmobilisierung den Krieg verändern könnte.

"Eigentlich war schon nach den ersten Tagen dieses Krieges klar, dass die Russen ein massives Personalproblem der Infanterie am Boden hatten", sagt Gernot Kramper. "Aber Putin läuft mit seinen Entscheidungen den Ereignissen hinterher." Den Einzug von 300.000 Männern für den Krieg in der Ukraine habe Wladimir Putin viel zu lange aufgeschoben – aus "innenpolitischer Angst", meint der Rüstungsexperte.

“Die Teilmobilmachung wird das Blatt nicht grundsätzlich wenden können”

Dass diese Angst berechtigt ist, zeigt sich an denen, die sich verstecken oder fliehen. Das ist aber auch auf der Gegenseite der Fall, sagt Gernot Kramper: "Es gibt natürlich auch eine Menge Ukrainer, die lieber in den EU-Staaten bleiben als nach Hause an die Front zu gehen." Im Unterschied zur Ukraine ist dies aber die erste Mobilisierungswelle und nicht die siebte oder achte. "Das heißt irgendwann musst man nur noch das nehmen, was da ist und die, die gerade noch laufen können." In Russland gebe es ein theoretisches Potenzial von 30 Millionen Menschen, die kriegsfähig sind. "Die 300.000 sind nur der erste Zug", sagt Gernot Kramper. Dass Momentum, dass die Ukraine Russland an Manpower überholt hat, wird aus Sicht des Rüstungsexperten so nicht mehr standhalten. "Es gibt ja von Stalin diesen Satz, dass Quantität eine eigene Qualität erzeugt – ein sehr tiefgründiger Satz, der aber auch der einfachen Ebene richtig ist."

"Die Teilmobilmachung wird das Blatt aber nicht grundsätzlich wenden können", glaubt er. Die Schwäche der russischen Streitkräfte bestehe auf so vielen Ebenen, dass sie nicht nur mit Manpower zu beheben sei: Führungsschwäche, die falschen Operationsansätze oder die kolossale Selbstüberschätzung in den Köpfen der Militärs.

Wladimir Putin in einer Position der Schwäche: Das Narrativ des Krieges muss sich drehen

Und wenn man davon ausgehe, dass die Russen angenommen haben, diesen Krieg in wenigen Tagen und mit einer Massenkapitulation der Ukraine zu gewinnen, sei das alles eine Riesenkatastrophe, sagt Gernot Kramper. Ausgehend von diesen ursprünglichen Ideen "ist alles eine Schwäche von Putin". Im Wesentlichen aber komme es nun auf die Stimmung der Bevölkerung an, glaubt Gernot Kramper, und darauf, ob Putin den Umbruch des Krieges verkaufen kann: “Die große Frage ist, ob es gelingt, das Narrativ des Krieges zu drehen – also von einer Art Polizeiaktion zu dem großen vaterländischen Krieg 2.0.”

Ob die Leute das so glauben, sei von außen schwer zu sagen. Und wenn der Ukraine diese Offensiven in schwächer verteidigten Gebieten der Russen weiter gelinge, drohe das Ganze zu kollabieren. "Auch das ist durchaus eine Möglichkeit", sagt Gernot Kramper. Und zuletzt korrespondiere über allem immer die Furcht des nuklearen Einsatzes. “Das ist letztlich eine Glaubensfrage.”

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