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Marktplatz - Die Hauptstadtkolumne Klimaschutz: Wir müssen neu denken. Auch beim Atomstrom

Klimaschutz: Jetzt mit noch mehr Tempo!
Klimaschutz: Jetzt mit noch mehr Tempo!
© Getty Images
Erschrocken stellt das Land der Energiewende fest, dass beim Klimaschutz zu wenig passiert ist. Wenn wir nicht die großen Hebel nutzen, wird sich das kaum ändern. Das heißt auch: Technologien nutzen, bei uns verpönt sind.
Horst von Buttlar

Angela Merkel will über ihre Kanzlerschaft andere urteilen lassen, was sicherlich weise ist. Vor zwei Wochen zog sie zumindest beim Klima Bilanz: Sie persönlich habe "sehr viel Kraft" aufgewendet, aber es sei "nicht ausreichend viel passiert". Bemerkenswert, nicht nur weil es ernüchternd ist, sondern weil sie damit Bilanz für uns alle zog: viel getan und zu wenig erreicht. Wie konnte das passieren, im Land der Energiewende, uns Weltmarktführern der Weltrettung?

Horst von Buttlar schreibt hier jede zweite Woche über Politik und Wirtschaft
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© Gene Glover

Unter dem Eindruck der biblischen Fluten werden Gründe gesucht – und Mythen gesponnen: Der Mindestabstand von 1.000 Metern für Windräder! Der habe mehr Ökostrom verhindert, genauso wie Peter Altmaier, der Rote Milan und störrische Anwohner. Fertig ist die ökologische Dolchstoßlegende. Was also tun? Klar, mehr Windräder, mehr Tempo. Ein "Klimaruck", sagt Markus Söder. Klingt wie eine Waschmittelwerbung: strahlend weiß – jetzt mit 20 Prozent mehr Inhalt!

Ich sehe vier Gründe, warum beim Klimaschutz "nicht ausreichend" viel passiert ist, obwohl wir seit dem Jahr 2000 dreistellige Milliardensummen investiert haben. Und wenn wir diese nicht korrigieren, werden wir auch in Zukunft Enttäuschungen erleben.

Dieser Erfolg hatte ein schmutziges Geheimnis

Erstens: Es stimmt ja. Es gab über viele Jahre Themen, die uns wichtiger oder dringlicher waren. Es gab Krisen, Eurokrise, Flüchtlingskrise, die Pandemie, da waren wir auf anderen Großbaustellen unterwegs. Vor Corona haben wir zudem ein Jahrzehnt lang unsere Wohlstandsnester ausgebaut. Der Klimakipppunkt schien weit weg, irgendwas mit 2030 oder 2050.

Zweitens, und hier wird es schmerzlicher: Auch grüne Politiker gestehen inzwischen, flüsternd und verstohlen freilich, dass man vor 20 Jahren "das falsche Schwein geschlachtet" habe. Die Energiewende richtete sich auf den Ausstieg aus der Atomkraft – nicht auf das Ende der Kohle. Der Strommix änderte sich ab 2000 erfolgreich, der CO2-Ausstoß weniger. Die Ziele riss Deutschland in manchen Jahren, 2020 ging es nur dank Corona gut. Das Herzstück, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), führte zwar dazu, dass heute in der Spitze die Hälfte des Stroms aus Windkraft, Sonne und Biomasse kommt. Eine Energiemenge von 450 Milliarden Kilowattstunden aus Erneuerbaren!

Dieser Erfolg aber hatte über Jahre ein schmutziges Geheimnis: Auch der Anteil der Braunkohle am Strommix stieg, 2018 noch lag er fast so hoch wie im Jahr 2000, viele Jahre darüber. Was, wenn damals das Ziel der Kohleausstieg gewesen wäre? Ein Ziel, das die Briten übrigens hinter sich haben. Sie haben früh einen hohen CO2-Preis eingeführt, was inzwischen alle Kohlekraftwerke aus dem Markt gefegt hat.

Tief sitzende Technologiefeindlichkeit

Und damit sind wir beim dritten Punkt: den großen Hebeln. Wir reden und streiten oft über das, was gut klingt, aber wenig bringt. Inlandsflüge etwa – hochsymbolisch, verantwortlich für 0,3 Prozent der deutschen CO2-Emissionen. Ein großer Hebel ist und bleibt die Kohle. Was wäre, wenn wir die drei Atommeiler Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen am Jahresende nicht abschalteten und den Kohleausstieg vorzögen? Seit Jahren stelle ich diese Frage. Kernkraft, erlebe ich in den Reaktionen, ist in etwa das, was Lord Voldemort bei "Harry Potter" ist: der, dessen Name nicht genannt werden darf. Und weil es solche Tabus gibt, wenden wir viel Kraft und Geld auf, streiten, verhakeln uns, reißen CO2-Ziele und landen dann bei 1.000 Meter Mindestabstand und Tempolimits.

Der vierte Punkt unseres fortwährenden Selbstbetrugs bei dem "Tempo beim Klimaschutz" ist eine tief sitzende Technologiefeindlichkeit. Wir wollen zwar die Welt retten, lehnen es aber schon ab, CO2 unter der Erde zu speichern (was in Holland oder Norwegen passieren darf). Hier brauchen wir mehr Offenheit, Experimentierfreude und Ehrlichkeit.

Erschienen in stern 32/2021

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