HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Streck: Last Call: Alle sammeln und horten aus Angst vor dem Brexit. Wir nicht

Großbritannien schlittert einem No-Deal-Abschied aus der EU entgegen. Die Firmen legen Vorräte an, viele Briten werden nervös. Unser Kolumnist bleibt ganz entspannt. Alles schon mal da gewesen.

Manch ein Brite wird nervös und bunkert Lebensmittel. Nicht so unser Kolumnist in London.

Manch ein Brite wird nervös und bunkert Lebensmittel. Nicht so unser Kolumnist in London.

Picture Alliance

Meine Frau wuchs im London der späten 60-er und 70-er Jahre auf. Das war noch vor dem britischen Beitritt in die EWG, dem Vorläufer der EU, und seinerzeit galt Großbritannien als der kranke Mann Europas. Es fehlte an allen Ecken und Enden. Mal gab’s keinen Zucker, mal kein Klopapier, mal fiel der Strom aus. Die Familie aus Deutschland schickte Lebensmittel, Strom ging leider nicht. Es war ein bisschen wie mit der Verwandtschaft in der alten DDR. Die kriegten auch immer Pakete mit Kaffee und Schokolade und schickten im Gegenzug zur Weihnachtszeit Gebimse aus dem Erzgebirge. In jedem westdeutschen Haushalt müssen gefühlt mindestens sechs Holz-Pyramiden und acht Räuchermännchen gestanden haben.

England jedenfalls war damals eine Art DDR des Westens. Diese Zeiten vergessen viele hier, meine Frau nicht. Nun gehen die Briten aus der EU, und irgendwie schließt sich der Kreis. 

Das Zauberwort hier ist zur Zeit "stockpiling", also lagern oder horten. Die Nation schlittert sehenden Auges einem No-Deal-Abschied zu, den zwar keiner will außer ein paar verblendeter Idioten, den aber auch so richtig niemand verhindert. Ein kluger Kommentator für den "Evening Standard" zitierte gerade den britischen Historiker AJP Taylor, der den Ausbruch des ersten Weltkrieges vor vielen Jahren einmal damit erklärt hatte, dass im Sommer 1914 die Züge Richtung Front schon voll waren mit Soldaten, obschon den Krieg auch eigentlich niemand wollte. Aber nun waren sie eben unterwegs, und also nahm das Unheil seinen Lauf. So ähnlich, schrieb der Kollege, sei das auch mit dem Brexit. Die Uhr tickt und tickt und tickt, aber es geht keinen Zentimeter vorwärts, eher rückwärts. Und ehe wir uns alle versehen, ist Ende März und – schwupps – sind sie weg. Mehr aus Unfall und Versehen, aber weg. 

Deshalb: lagern, horten, hamstern.

Autofirmen horten Teile für den Brexit

Die Firmen beginnen zu horten, insbesondere die Autofirmen, die von einem No-Deal-Brexit besonders betroffen wären. Honda lagert wichtige Teile, Jaguar und Land Rover, die jeden Tag 25 Millionen Einzelteile benötigen, haben damit begonnen. BMW will sicherheitshalber sein Werk in der Nähe von Oxford nach dem Brexit für einen Monat schließen, Siemens hortet, Unilever auch, die Supermarkt-Ketten stapeln, und auf dem Flughafen von Heathrow hamstern sie Gummihandschuhe fürs Sicherheitspersonal.

Ein paar sehr vorsichtige Briten, die sogenannten Brexit-Preppers, legen schon seit Monaten Vorräte an. Diese Menschen tauschen sich in Foren aus, und dort klingt es so, als stünde nichts anderes als der Weltuntergang bevor. Einer schrieb, man müsse mit drei Litern Wasser pro Kopf und Tag rechnen und empfahl, im Fall von Knappheit das Klo mit Plastiktüten auszuschlagen, deren Inhalt man nach vollzogenem Geschäft im Garten verklappen könne.

So weit sind sie hier.

Wir sind da einigermaßen entspannt, unser Klo wird keinesfalls mit Plastik ausgeschlagen. Wir hätten nicht mal einen Garten zum Entsorgen. 

Wir horten nur eine Sache

Ich muss gestehen, dass wir auch mal gehortet haben. Wir lebten früher in den USA, und zu dieser Jahreszeit begannen wir manchmal auch zu sammeln und zu stapeln. Allerdings aus völlig anderen Gründen. Wenn in Amerika ein Schneesturm angekündigt wurde, kam auch ein Schneesturm. Wenn sie einen Meter Neuschnee über Nacht ansagten, fiel auch ein Meter Neuschnee. Wenn sie warnten, man solle zu Hause bleiben, wegen Eis und Kälte, blieb man besser auch zu Hause wegen Eis und Kälte und weil die Züge nicht funktionierten.

Wir fuhren deshalb in den Supermarkt, Stunden vor dem Schneesturm, und kauften ein. 

Nach den Anschlägen vom 11. September war es noch schlimmer. Damals landete das hochgifte Anthrax in der Post von Abgeordneten. Das verängstigte und hysterische Land wurde darüber noch hysterischer und verängstigter. In einem Laden auf der Fifth Avenue in New York verkauften sie Schutzanzüge und Gasmasken wie in diesem Ebola-Film mit Dustin Hoffman. Im Fernsehen liefen Sendungen, wie man Fenster und Türen am besten versiegeln könne gegen das feine Gift. Selbst unser an sich ziemlich cooler Nachbar begann nervös zu werden und fragte, ob wir was brauchen, Klebeband oder Wasser oder Taschenlampen. Wir verneinten freundlich. 

Das Einzige, was wir seinerzeit horteten, war Alkohol. Große Mengen Alkohol. Wir haben diesen schönen Brauch im Übrigen bis heute beibehalten, und das ist auch gut so. Anders wäre der ganze Brexit-Irrsinn nicht auszuhalten.

In diesem Sinne,

Cheers!

Lieferdienst der ISS