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M. Streck: Last Call: Dreimal "Fuck me harder" und ein Freispruch

Der Fußballprofi Ched Evans saß wegen Vergewaltigung im Knast. Jetzt wurde er rehabilitiert. In einem absurden Verfahren, das kein gutes Licht auf die britische Justiz wirft. 

Ched Evans mit seiner Lebensgefährtin Natasha Massey: Diskussionen über ein rückwärtsgewandtes Urteil

Ched Evans mit seiner Lebensgefährtin Natasha Massey: Diskussionen über ein rückwärtsgewandtes Urteil

Neulich traf ich den früheren Fußball-Profi und heutigen Fernseh-Experten Didi Hamann in seinem Heimatort Alderley Edge, einem sehr putzigen und erkennbar wohlhabenden Städtchen im Speckgürtel von Manchester. Die Restaurants dort sind nobel, die Autos eher dicker, die Frauen eher schicker. Wir saßen in einem Café, die Sonne schien, und irgendwann sagte Hamann: "Oh, da drüben geht Ched Evans. War mal ein Freund von mir. Kennen Sie den?" Im ersten Moment wusste ich nichts mit dem Namen anzufangen, im zweiten Moment schon. Hamann sagte, Evans sei ein guter Junge gewesen, großes Talent, aber dann …

Ched Evans, 27, soll 2011 eine seinerzeit 19 Jahre junge Frau in einem Hotel im nordwalisischen Rhyl vergewaltigt haben. Ein Freund rief ihn nach einer Zechtour an und sprach "Hör zu, ich habe ein Mädel hier. In einem Hotel." Worauf Evans zu besagtem Hotel fuhr, seinem Kumpel erst beim Sex mit der Frau zusah, dann gewissermaßen dazustieß und später erklärte, dass Dreier in seinen Kreisen nun nichts Außergewöhnliches seien und dass die beteiligten Mädchen sich gern an Prominente ranmachten, "weil wir reich sind". Das war einer von recht vielen dämlichen Sätzen.

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Ched Evans verknackt, sein Kumpel freigesprochen

Die Geschworenen im ersten Prozess 2012 sahen es als erwiesen an, dass die Frau, eine junge Kellnerin, keinen einvernehmlichen Sex mit ihm hatte. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, von denen er zweieinhalb Jahre verbüßte, Schlüsselanhänger zusammensteckte und auch im Knast stets seine Unschuld beteuerte. Zu den tatsächlich vielen Ungereimtheiten in der Causa Evans zählt, dass sein "Ich habe ein Mädel hier"-Freund damals freigesprochen wurde. Zu den Ungereimtheiten zählt auch, dass die Frau nie behauptet hatte, vergewaltigt worden zu sein. Sie hatte lediglich den Verlust ihrer Tasche bei der Polizei angezeigt. Danach nahm alles andere seinen Lauf, und plötzlich wurde ein Gerichtsverfahren daraus, an dessen Ende Evans' Verurteilung stand.

Ende vergangener Woche nun wurde das Urteil von einem Gericht in Cardiff aufgehoben und Ched Evans vermeintlich rehabilitiert. Das wäre noch keine große Nachricht. Und das wäre auch nichts, worüber man sich ernsthaft mokieren könnte. Aber die Ungereimtheiten gehen weiter. Denn die Hintergründe der zweiten Verhandlung sind obskur und werfen kein gutes Licht auf die britische Justiz. Das Gericht erlaubte nämlich, dass in dem Wiederaufnahmeverfahren und in aller Öffentlichkeit das Sexleben der Frau aufgerollt und ausgebreitet werden durfte. Es ging viel um Stellungen und am Ende vor allem um drei Worte.

Man muss wissen, dass die Frau seit dem Prozess unter neuem Namen an einem neuen Ort lebt. Man muss obendrein wissen, dass Blogger im Netz ihre Identität verrieten und sie einer Welle von übelsten Online-Beschimpfungen ausgesetzt ist, war noch das Geringste. Ihr Leben liegt in Trümmern, und auf diesen Trümmern wurde nun auch noch herumgetrampelt.

Freundin forcierte Wiederaufnahme des Verfahrens

Der Fall ist auch bizarr, weil Evans' Lebensgefährtin Natasha Massey die Wiederaufnahme betrieb – in dem sie potenziellen Zeugen 50.000 Pfund bot, falls die belastende Dinge über die Frau beitragen könnten. Genauso geschah es natürlich. Zwei Männer erklärten, sie hätten etwa zur gleichen Zeit mit der Kellnerin geschlafen. Sie führten dann vor den Geschworenen länglich aus, wie lange und in welcher Positionen sie mit ihr Sex hatten und dass sie beim Akt mit ihnen "Fuck me harder" gerufen habe. "Fuck me harder" ist, so weit ich weiß, beim Sex keine komplett ungebräuchliche Formulierung. Evans hatte im ersten Prozess 2012 die Nacht in dem Hotel in allen Einzelheiten geschildert und auch erwähnt, es müsse sich schon deshalb um einen einvernehmlichen Akt gehandelt haben, weil sie "Fuck me harder" gewispert habe.

Jene drei Worte, "Fuck me harder", wurden zum Schlüssel-Argument der Verteidigung. Und ihr Kalkül ging auf. Die Geschworenen erkannten ein Muster, eine Art "Fuck me harder"-Muster. Dreimal drei Worte gleich Urteil. Die vorsitzende Richterin sagte in ihrer Begründung sehr verschwiemelt, dass die ähnlichen Sex-Positionen "und der Gebrauch eines distinktiven Ausdrucks beim Einfordern härteren Geschlechtsverkehrs" kein Zufall seien. Dass die neuen Zeugen ihre neuen Aussagen den alten von Evans schlicht anpassen konnten, ließen die Geschworenen außen vor. Dass die neuen Zeugen womöglich nur deshalb neue Zeugen wurden, weil eine Belohnung ausgesetzt war, spielte auch keine Rolle. Wäre Evans kein Promi, sondern, sagen wir Metzger oder Autoverkäufer, hätte er vermutlich keine Chancen auf eine neue Verhandlung gehabt.

Ein rückwärtsgewandtes Urteil

Britische Frauenrechtlerinnen warnen nunmehr, dass das Urteil ihre Sache um Jahrzehnte zurückwerfe. Künftig würden noch weniger Frauen als ohnehin Hilfe bei der suchen, weil sie damit rechnen müssten, dass ihr Sexleben vor Gericht in extensio ausgeleuchtet werde. Es ist ein rückwärtsgewandtes Urteil. Es passt irgendwie in diese Post-Brexit-Ära, in der sich das ganze Land rückwärts entwickelt. Insofern und nur insofern ist es fast zeitgemäß.

Am Sonntag äußerte sich Ched Evans in einem großen Zeitungsinterview. Er sprach viel über seine Familie, seine Freundin, den kleinen gemeinsamen Sohn. Er sagte: "Ich bin kein Vergewaltiger" und dass er Mitgefühl habe mit der Frau, die nie behauptet hatte, vergewaltigt worden zu sein. Vielleicht ist Ched Evans wirklich kein Vergewaltiger, vielleicht stimmt seine Version dieser Nacht. Das ist durchaus möglich. Aber selbst diese Version der Nacht, die Nummer mit dem Kumpel, "Ich habe ein Mädel hier", ist - wenn auch nicht justiziabel - schon schäbig genug.

Er war ein "rising star"

Evans’ Karriere als Fußballprofi ist ruiniert. Er spielte früher in der Premier League für City, danach für Sheffield United und auch für die walisische Nationalmannschaft. Er galt mit seinen 22 Jahren als "rising star". Sein alter Klub und die Fans wollen mit ihm nichts mehr zu tun haben, daran ändert auch der Freispruch nichts. Heute kickt er in der dritten Liga. Die gegnerischen Fans rufen "rapist", Vergewaltiger, wenn er aufläuft. Solange Ched Evans Fußball spielt, werden diese Gesänge wohl das Echo dieser Nacht sein.

Das Leben der jungen Frau ist ruiniert. Sie wurde beschimpft als geldgierige Hure, sie musste immer wieder umziehen. Sie hätte ihre Geschichte verkaufen können an den Boulevard, damit ein kleines Vermögen machen und womöglich sogar eine neue Existenz beginnen können. Sie ließ aber über ihre Anwälte ausrichten, dass sie nie darüber reden würde. Sie hat alles verloren. Zuletzt, vor Gericht, auch noch das letzte bisschen Würde. Aber ihren Anstand nicht.

P.S.: Als erster Klub in England hat der Zweitligaverein Brighton and Hove Albion vor einem Jahr damit begonnen, seine Spieler über "consent", also einvernehmlichen Sex, zu unterrichten. Offenbar besteht da Trainingsbedarf. Ich bin mir nicht sicher, ob das löblich ist. Oder doch nur traurig.