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M. Streck: Last Call: Der Knie-Fall von Westminster und weiterer Schmutz

Die Sexismus-Debatte erschüttert das politische London. Der Verteidigungsminster trat wegen eines begrapschten Knies zurück. Zudem existiert eine "Schmutzliste" mit 40 weiteren Fällen. Westminster entblättert sich - parteiübergreifend.

Westminster Michael Fallon Großbritannien

Verteidigungsminister Michael Fallon trat wegen eines begrapschten Knies zurück. Wie viele Fälle gibt es noch in Westminster?

Sir Michael Fallon, 65 Jahre, ist ein treuer Diener seiner Partei und seines Landes. Fallon, verheiratet, zwei Kinder, diente unter vier britischen Premierministern, zuletzt als durchaus kompetenter Verteidigungsminister im Kabinett. In besaß er einen Ruf als besonders "reliable", als besonders zuverlässig, besonders treu und, ja auch: als etwas dröge. Er galt allgemein als "safe pair of hands", als sichere Bank. Aber diese Formulierung hat nunmehr eine neue Bedeutung und Wendung bekommen und ist ebenso Geschichte wie der Verteidigungsminister selbst.

Am Mittwochabend nämlich trat er zurück und zog die Konsequenzen aus dem, was die britische Presse "Sex Pest Row" nennt. Der brave , stellte sich heraus, war nämlich gar nicht so brav und hatte seine "safe hands" längst nicht immer unter Kontrolle. Vor 15 Jahren hatte er bei einem Dinner der BBC-Journalistin Julia Hartley-Brewer "wiederholt ans Knie gefasst", was die Betroffene - wie sie zu Protokoll gab - "eher milde amüsierte" denn nachhaltig verstörte.

Welche Fälle tauchen noch in Westminster auf?

Aber darum geht es nicht. Fallon erklärte, sein Verhalten vertrage sich nicht mit der Rolle als Verteidigungsminister, also trat er zurück Rücktritt und erläuterte sein Motiv in einem -Interview später noch einmal mit kruder Argumentation. Die Zeiten hätten sich geändert, sprach der nun Ex-Minister. "Was vor zehn oder fünfzehn Jahren noch als akzeptabel galt, ist es heute nicht mehr."

Nun könnte man einwenden, dass das Betatschen von fremden Knien, männlichen wie weiblichen, auch vor zehn oder fünfzehn Jahren keineswegs akzeptabel war. Aber vermutlich geht die Geschichte noch etwas weiter, oder, wie es "Times-Kolumnist" Matt Chorley ausdrückt, eher um die Frage, "ob nicht noch mehr Leute und noch mehr Knie auftauchen". Was Fallon, dem Vernehmen nach, nicht ausschließen konnte.

Westminster erlebt in diesen Tagen ja nicht nur diesen Kniefall. Auch Fallons Kabinettskollege Damian Green begrapschte die Beine der Journalistin Kate Maltby und schickte ihr anzügliche Nachrichten. Rücktritt auch nicht ausgeschlossen. Im Zuge der Harvey Weinstein-Enthüllungen im fernen Amerika entblättert sich auch das britische Parlament. Hinter der ehrwürdigen Fassade geht es alles andere als ehrwürdig zu - und zwar parteiübergreifend.

Sexismus wie in männlichen Umkleidekabinen

Die schottische Politikerin Ruth Davidson, aufsteigender Star der konservativen Partei, nennt das Ganze eine "locker-room-culture", eine Metapher für Sexismus in vornehmlich männlichen Umkleidekabinen. Es sei Zeit für eine Großreinigung.

Dies ist ja eher der Anfang als das Ende. In Whitehall und auch im Netz kursiert eine sogenannte "dirt list", eine Schmutzliste mit den 40 Namen von konservativen Abgeordneten und Ministern, die sich sexistisch verhalten haben sollen im Umgang mit Kollegen, Helfern oder Sekretärinnen. Zusammengestellt von Betroffenen. Das meist zitierte Wort darin: "Inappropriate", unangemessen. Das klingt dann so: "Unangemessenes Verhalten mit weiblichen Assistentinnen", "unangemessenes Verhalten mit männlichen Assistenten", aber auch "handsy with females". Außerdem Affären, Gelage, Prostituierte und ausgefallene sexuelle Vorlieben. Über einen, gleichfalls Mitglied des Kabinetts, heißt es: "Liebt Verkehr mit Männern, die Frauen-Parfüm auftragen."

Der Fairness halber sei erwähnt, dass nicht alle in dem "High-Libido-Dossier" ("Times") sexistisch oder unmoralisch gehandelt haben. Die Liaison von Innenministerin Amber Rudd mit dem Kollegen Kwasi Kwarteng war allgemein bekannt, und beide machten daraus kein Geheimnis. Sie taucht dennoch auf in diesem Dokument ebenso wie der für den Norden zuständige Minister Jake Berry, der nach seiner Scheidung ein Kind mit einer Mitarbeiterin bekam.

Der Gesamteindruck bleibt unappetitlich

Der Gesamteindruck allerdings bleibt sehr unappetitlich. Mark Garnier, Staatssekretär für den Bereich Investition, schickte seine Sekretärin in einen Sex-Shop zum Vibrator-Kauf - und wartete wie ein beschämt-feiger Schuljunge draußen vor der Tür. Und Stephen Crabb, einst Minister für Wales, sandte mehr als anzügliche SMS an eine junge Praktikantin, die er zuvor bei einem Job-Interview noch abgelehnt hatte. Crabb, ein streng Gläubiger Christ, kandidierte im vergangenen Jahr im übrigen noch für den Parteivorsitz.

Gott und bigott liegen zuweilen so eng beieinander wie Macht und Machtmissbrauch. Insbesondere in Westminster, diesem weitgehend elitären und weißen Boys-Klub. Dawn Butler, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Labour-Party, macht auch diese spezielle Atmosphäre, dieses Testosteron-Klima für die sexuellen Übergriffe verantwortlich: "Was ist das bloß für ein Platz, mit 650 Abgeordneten, davon rund 500 Männern, die größtenteils auf Privatschulen gingen und von denen viele glauben, sie seien ein Gottesgeschenk - und zwar in mehr als einer Hinsicht. Wirklich?"

Premierministerin Theresa May versucht die Krise nun möglichst schnell zu lösen. Sie hat schließlich noch anderes zu tun, Brexit zum Beispiel. Am Donnerstagmorgen berief sie eilig den alerten Tory-Karrieristen Gavin Williamson, 41, zum neuen Verteidigungsminister. Der trägt unter Kollegen den wenig schmeichelhaften Spitznamen “baby-faced assissin“, milchgesichtiger Meuchler, ist offenbar ein Mann fürs Grobe mit großen Ambitionen und wird schon jetzt als groteske Fehlbesetzung bezeichnet oder gar, anonym natürlich, auch als “self serving cunt“.

Die Übersetzung sparen wir uns an dieser Stelle, sie passt aber zur aktuellen Gemengelage. Für den kommenden Montag hat May deshalb ein Treffen der Granden aller Parteien in Downing Street anberaumt. Es betrifft schließlich alle Parteien und eben nicht nur die 40 Tories auf der "dirt list". Die Labour-Aktivistin Bex Bailey erklärte am Dienstag, sie sei von einem Kollegen vor sechs Jahren in einem Hotel vergewaltigt worden. Sie informierte darüber auch die Partei. Man habe ihr aber bedeutet, es sei ihrer Karriere nicht förderlich, wenn sie den Fall weiter verfolge. Auch das kam in Folge von Weinstein und #MeToo ans Licht.

Viel Heuchelei dabei

Der Umgang mit den Enthüllungen ist mitunter aber ebenso heuchlerisch wie das Verhalten der Politiker. Die "Daily Mail" spielte den Vergewaltigungsfall prominent auf der Titelseite und bezichtigte Labour - nicht zu Unrecht - der Vertuschung. Ein paar Seiten weiter indes geißelt das Blatt die immer neuen Offenbarungen als "Hexenjagd". Auch das: unter der Gürtellinie.