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M.Streck: Frischluft: Deutschland entdeckt die Schönheit des Schlangestehens

Während seiner Jahre in England hat unser Autor Michael Streck die Vorzüge des disziplinierten Anstehens zu schätzen gelernt – und stellt fest, dass auch die Deutschen in Corona-Zeiten erfreulich lernwillig sind.

Die Deutschen lernen in Corona-Zeiten das Schlangestehen, meint unser Autor Michael Streck

Die Deutschen lernen in Corona-Zeiten das Schlangestehen, meint unser Autor Michael Streck

Getty Images

Wer, wie wir, lange im angelsächsischen Ausland gelebt und frisch zurückgekehrt ist, betrachtet seine alte, neue Heimat mit etwas anderen Augen. Und stellt verblüfft fest, dass durch all die Corona-Trübnisse auch ein paar erfreuliche Dinge schimmern. Die Menschen gehen fraglos rücksichtsvoller miteinander um, und die Deutschen lernen gerade etwas, das die Briten in vielen Jahrzehnten zur Perfektion gebracht haben: das Schlangestehen.

Vordrängeln ist ähnlich geächtet wie Fahrerflucht

Briten stehen überall geduldig und diszipliniert Schlange. An der Bushaltestelle, vor den Eingängen von Theatern, Kinos, Fußballstadien, überall. Zumindest vor Corona. Das ist in ihrer DNA. George Mikes, der wunderbare Autor und Aphorismen-Schöpfer, notierte in seinem Klassiker "How to Be an Alien", ein richtiger Engländer bilde selbst dann eine Schlange, wenn er alleine ist.

Das mag leicht übertrieben sein, aber nur ein ganz klein wenig. Briten können Schlange. Und zwar alle.

Die etwas schräge Passion der Insel-Bewohner geht nach dem Urteil von Historikern auf die Zeiten der industriellen Revolution zurück, als immer mehr Menschen auf engerem Raum zu leben und sich damit zu arrangieren begannen. Und siehe, sie stellten fest: Die gemeine Schlange, im Englischen queue, macht das Miteinander leicht und bekömmlich. Vordrängeln, im Englischen "jumping the queue" ist seither gesellschaftlich geächtet und in etwa so populär wie Fahrerflucht und Inzest.

Briten kämen beispielsweise nie auf die Idee, sofort aufzuspringen, wenn ihr Flug aufgerufen wird. Man erkennt sie vielmehr am schlendernden Gang oder daran, dass sie in aller Ruhe noch ihr Bier austrinken, wohingegen Deutsche dazu neigen, Pässe und Tickets vorzeigefertig in den Händen zu halten, 20 Minuten komplett sinnfrei rumzustehen und immer wieder auf die Uhr zu gucken. Die Briten reihen sich später gut gelaunt und angeheitert am Ende ein. 

Ihre Art ist mir inzwischen sehr viel näher, weil deutlich zivilisierter. Sie lassen selbstverständlich auch Fahrgäste in der U-Bahn erst aussteigen, ehe sie das Abteil entern. Wäre das vorstellbar in, sagen wir, Berlin?

In Corona-Zeiten findet sogar der Teutone das Schlangestehen prima

Nun aber, da das Virus offenbar alles ändert, entdecken auch die Teutonen die Vorzüge dieser zivilisatorischen Leistung. Man steht an. Man drängelt nicht, entschuldigt sich sogar und hält sich fast sklavisch an die Markierungen im Supermarkt, von denen die weiß-rot gestreiften zwar an polizeiliches Sperrgebiet und Doppelmord erinnern, aber jenseits dieser ästhetischen Schwäche ihren Sinn erfüllen.

Das war mal ganz anders. Vor einigen Jahren, noch in London lebend, machten wir in Bayern Urlaub, und ich betrat morgens eine Metzgerei. Stand an, war irgendwann auch an der Reihe, aber aus der zweiten Reihe krähte ein älterer Herr ungerührt: "Drei Scheiben Leberkäs und hundert Gramm Salami." So ging das gefühlt eine Viertelstunde, bis ich unverrichteter Dinge den Laden verließ und nie wieder betrat. Längere Aufenthalte in Deutschland führten außerdem zu der ethnologischen Erkenntnis, dass das Drängeln an Kassen mit steigendem Lebensalter exponentiell zunimmt, wie das heutzutage heißt. Rentner haben offenbar nur in der Theorie mehr Zeit.

Meine Frau hat das Anstehen im Übrigen noch um eine kulturelle Komponente erweitert. Zu Stoßzeiten, Weihnachten und Ostern insbesondere, nimmt sie sich ein Buch mit in den Supermarkt. Das macht sie in Deutschland jetzt auch, und die übrigen Wartenden nicken wohlwollend, weil sie in ihr zurecht einen Geduldsprofi erkennen.

Ein Jürgen Klopp aus Pappe als Abstandhalter

Weltmeister in solchen Dingen aber bleiben die Briten, sie sind darin nicht nur geübt, sondern auch kreativ. Ein Waitrose-Supermarkt im Norden des Landes hat soeben den Fußballtrainer Jürgen Klopp als freiwilligen Helfer und Maßeinheit eingeführt. Nicht leibhaftig, aber als Pappkamerad. Klopp ist 1,93 Meter lang und dient dort – querliegend – als Abstandsgarant der berühmten Zwei-Meter-Regel. Zumindest so lange, bis sie aus dem Gröbsten raus sind. 

Für diesen Tag X rüstet nicht nur die zunehmend quengelnde und drängelnde Wirtschaft. Man hört neuerdings oft das optimistisch klingende Intro "Wenn das mal alles vorüber ist…dann", das man im Baukastenverfahren nach Belieben vervollständigen kann. Wie wäre es mit …dann können auch wir Schlange?

Allein, mir fehlt der Glaube. Wenn das alles mal vorüber ist, dann wird hierzulande wieder gedrängelt und geschubst.

Ich könnte damit allerdings besser leben als je zuvor. Es wäre jenseits von Testen, Testen, Testen das ultimative Indiz für vollständige Genesung.

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